Stuttgarter Sommerfest Der letzte Hotelier kehrt dem Fest den Rücken

Von  

Lücken gibt es zwischen Stuttgarter Schlossplatz und Eckensee auch diesmal keine. Aber es bleibt schwer, Wirte für die vier Tage zu gewinnen. Die Gründe liegen auf der Hand.

Ab Donnerstag locken die weißen Zelte am Eckensee wieder die Besucher. Foto: in.Stuttgart 4 Bilder
Ab Donnerstag locken die weißen Zelte am Eckensee wieder die Besucher. Foto: in.Stuttgart

Stuttgart - Es hat zu den festen Adressen gehört, das weiße Zelt des Europe Messehotels auf der vom Königsbau aus gesehen linken Flanke des Schlossplatzes. Von Anfang an, also 28 Jahre, war das Europe beim Stuttgarter Sommerfest dabei. Warum das Hotel unterhalb des Pragsattels dieses Mal abgewunken hat, dazu möchte der Direktor Helmuth Buchmann nur so viel sagen: „Das ist eine Entscheidung der Geschäftsleitung“ – das Europe gehört zur Top International Hotel GmbH. Man werde eventuell auch nur aussetzen um nächstes Jahr frisch durchzustarten, setzt er hinzu.

Damit sind beim Sommerfest, das am Donnerstag beginnt und bis Sonntag dauert, kontinuierlich seit 1991 nur noch die Betriebe von Conny Weitmann, Holger Looß und Michael Wilhelmer an Bord. Von den Hoteliers hat mit Buchmann der letzte Kapitän die Brücke verlassen, um im Bild zu bleiben. Das Sommerfest als sinkendes Schiff? So wollen es die Verantwortlichen von in.Stuttgart naturgemäß nicht sehen. Man habe keine Löcher auf dem Festgelände, das vom Schlossplatz bis zum Eckensee reicht, beziehungsweise man habe die Lücken schnell füllen können, heißt es. Das Sommerfest sei schließlich eine Institution – ein Selbstläufer ist es aber offensichtlich nicht.

„Die Zeiten haben sich geändert“, so einfach lautet die Erklärung des Geschäftsführers Andreas Kroll, die freilich nicht ganz von der Hand zu weisen ist. So hat sich zum einen in den vergangenen knapp 30 Jahren das Ausgehverhalten verändert. Früher wurden laut Kroll die Tische in und vor den Zelten im Voraus reserviert, heute dagegen kämen die meisten Besucher spontan. Das mache es für die Wirte schwierig, weil kaum kalkulierbar, eine aufwendige Küche vorzuhalten. Das sei eine der Ursachen für die Fluktuation bei den Gastronomen.

Zum anderen hat sich aber auch Situation im Gastgewerbe im Laufe der Zeit geändert. „Heute müssen die Hoteliers ihr Personal im Sommer in den Urlaub schicken“, so Kroll, während das früher auch noch im Herbst möglich gewesen sei. Mittlerweile sei das Volksfest so beliebt, dass im September die Häuser voll seien – was sich bis zum Ende des Weihnachtsmarktes fortsetze.

Als einmalige Rahmenveranstaltung geplant

Tatsächlich haben die Hoteliers 1991 unter ganz anderen Bedingungen beim Sommerfest mitgemacht. Das war bekanntlich zunächst als einmalige Rahmenveranstaltung zur Rad-WM geplant, wurde 1992 zum 40-jährigen Jubiläum des Landes Baden-Württemberg fortgesetzt und 1993 dann zur Leichtathletik-WM. All das waren Events, die viele nationale und internationale Gäste in die Stadt gespült haben.

Das Sommerfest gilt heute als Fest für die Stuttgarter (und die Zugereisten aus der Region). Voriges Jahr strömten bei subtropischen Temperaturen mehr als 500 0000 Besucher ins Herz der Stadt. „Wir schlagen einmal grob die Bevölkerung um“, so Marcus Christen, der für Feste zuständige Abteilungsleiter der in.Stuttgart. Für die 29. Ausgabe prophezeit er „Optimalbedingungen“: Kein Regen und rund 25 Grad.

Dennoch lege man auch 2019 wieder drauf, betont Christen, der das Defizit grob als einen „fünftstelligen Betrag“ beziffert. Die Veranstaltung sei für seine Abteilung sehr personalintensiv. Und auch wenn die Wirte je Standeinheit zwischen 3000 und 5000 Euro Miete bezahlen müssen, decke das die Kosten nicht. Christen zählt auf: die Anmietung der Fläche vom Land Baden-Württemberg, Reinigung, Sicherheit, das ambitionierte Musikprogramm, das rund 60 0000 bis 70000 Euro verschlinge, plus die Kosten für die Technik und hinterher den ramponierten Rasen. Ohne die Sponsoren, betont Christen, sei das Fest nicht zu stemmen-

Ein Regentag ist gerade noch zu verkraften

Und die Wirte? Lohnt sich der Aufwand für sie? „Einen Regentag können wir gerade noch verkraften, bei zwei wird es schon eng“, sagt Gabriele Schäfer vom Restaurant Tauberquelle, die nach zwei Jahren Pause wieder dabei ist. Aus gutem Grund: man habe ihr einen deutlich besseren Platz angeboten, statt abseits vorm Schauspielhaus nun hinterm Seitenflügel des Neuen Schlosses, mit Blick auf den Eckensee. Die Fläche ist deutlich kleiner, damit braucht Gabriele Schäfer weniger Personal. Außerdem erhofft sie sich mehr Laufkundschaft – wobei sie ihren Gästen weiterhin feine Speisen wie Rostbraten oder Nudeln mit Pfifferlingen anbietet.

„Wir wollen keine Rote-Wurst-Veranstaltung“, betonen die Verantwortlichen Jahr für Jahr. So ist Christen stolz, dass 2019 erstmals das Restaurant „87 Barbecue & Bar“ aus Bad Cannstatt mitmacht, das Steaks im Smoker gart. Wieder dabei ist nach einem Jahr Pause der Maultaschen-Spezialist Herr Kächele, der auch die Edelversion mit Trüffelsoße im Sortiment hat, außerdem nach längerer Unterbrechung das Gastro-Team von Walter Schmieg (Kellerbesen und Remsbesen). Schmieg gehörte früher zu den Größen am Eckensee. Verwirrung dürften einige Namensänderungen stiften: Das CBC firmiert jetzt als Balthazar Bar & Restaurant, Wilhelmers Ampulle-Zelt als Dry Gin and Beef Club.

Lesen Sie hier: Diese Straßenfeste stehen in Stuttgart noch an

In den vergangenen Jahren hat sich ein Stuttgarter Wirt nach dem anderen vom Sommerfest verabschiedet und stattdessen bauten die Caterer aus der Region ihre Zelte auf. Ob der Neuzugang und die Wiederkehrer bereits eine Umkehr dieses Trends bedeuten, das will man selbst bei der in.Stuttgart nicht so ganz glauben. Das könne auch ein Zufall sein, meint Christen. Immerhin hat seine Mannschaft eine Kontinuität beim kulinarischen Programm von rund 80 Prozent errechnet. Das gelte genauso fürs musikalische Angebot, das wieder von Salsa bis Soul und von Funk bis Latin reicht. Freilich sieht hier die zur Verfügung stehende Auswahl ganz anders aus: 25 Bands können insgesamt an den vier Tagen auf den vier Bühnen auftreten, dafür hatten sich rund 250 Bewerber gemeldet.

Sonderthemen