Stuttgarter Staatstheater Dem Schauspiel läuft das Publikum davon

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Dem Stuttgarter Schauspiel unter der Intendanz von Armin Petras laufen die Besucher davon: die StZ-Bilanz zum Ende der Spielzeit 2015/16.

Bedingungslos: der Stuttgarter Schauspiel-Intendant Armin Petras Foto: dpa
Bedingungslos: der Stuttgarter Schauspiel-Intendant Armin Petras Foto: dpa

Stuttgart - Und plötzlich ging alles ganz schnell: In großer Diskretion, ohne öffentliche Debatte ist im vergangenen November der Vertrag des Stuttgarter Schauspiel-Intendanten um weitere drei Jahre verlängert worden. Bis 2021 wird Armin Petras das Sprechtheater am Eckensee leiten, wobei die damals gegebene Begründung für die vorzeitige Verlängerung noch immer pikant klingt. Petras sei ein „künstlerischer Unruheherd“, sagte die für Staatstheater-Personalien verantwortliche Wissenschafts- und Kunstministerin Theresia Bauer, die dem Intendanten-Lob noch ein Bekenntnis folgen ließ: „Ungewöhnliche künstlerische Handschriften brauchen Zeit, um sich beim Publikum durchzusetzen. Wir geben Armin Petras bewusst die Zeit, die es braucht, um einem Haus eine eigene Prägung zu geben.“

Wer in der Exegese diplomatischer Formeln geübt ist, liest die Sätze der grünen Ministerin freilich nicht nur als Treue-Versprechen. Hinter den wohlgesetzten Formulierungen hört er auch einen grummelnden Unterton, nämlich den Unmut darüber, dass sich die „künstlerischen Handschriften“ zum Zeitpunkt der Vertragsverlängerung offensichtlich noch nicht durchgesetzt hatten und der „künstlerische Unruheherd“ Petras faktisch auf eine miserable Saison zurückblicken musste.

Zuschauerrückgang und Einnahmeverluste

Nachdem er in seiner ersten Spielzeit 2013/14 die Stadt mit seinem Best-of-Programm im Sturm genommen hatte, folgte im Jahr darauf der Absturz: Nicht nur die Kritiker, auch die Zuschauer wandten sich vom Schauspiel ab. Kamikazehaft ging Petras daran, das Haus von Leuten, die aus ihrer Publikumsverachtung keinen Hehl machten, leer spielen zu lassen. Dass dem regieführenden Intendanten nun ausgerechnet nach dieser vermurksten zweiten Spielzeit die Hand für eine weitere Zusammenarbeit gereicht wurde, lässt sich deshalb auch politisch erklären: Theresia Bauer wollte die Personalie vor den damals anstehenden Landtagswahlen zügig vom Tisch haben. Komme, was da wolle. Gut beraten war sie dabei nicht.

Was in der Saison 2015/16 gekommen ist, war ja nichts anderes als die Fortsetzung des Abwärtstrends. Konnte das Schauspiel im Vorjahr noch 128 000 Zuschauer vermelden, sind es jetzt noch 113 000, ein Minus von 15 000 zahlenden Besuchern. Entsprechend sank die Auslastung der drei Bühnen – Schauspielhaus, Kammertheater, Nord – von 78 Prozent auf 74 Prozent. Ein „deutlicher“ Rückgang, wie der Geschäftsführende Intendant Marc-Oliver Hendriks feststellt, der als Finanzminister des Dreispartenhauses deshalb auch Einnahmeverluste hinnehmen muss. Statt 2,2 Millionen Euro hat das Schauspiel in der jetzt abgelaufenen Spielzeit nur 1,9 Millionen Euro im Ticket-Verkauf erlöst.

Verkrampfte Kunstanstrengung, belangloses Schreitheater

Um Missverständnissen vorzubeugen: Zahlen sind nicht alles. Die Leistung eines Theater-Intendanten lässt sich nur bedingt an einer Statistik ablesen. Fatal aber wird es, wenn zum vorhandenen Besucherschwund tatsächlich auch ein Schwund an Qualität kommt, mit dem sich der Liebesentzug seitens des Publikums nachvollziehbar erklären lässt. Genau das aber ist im Stuttgarter Schauspiel abermals der Fall.

Geglückte Inszenierungen fanden sich in dieser Spielzeit kaum. Nach dem missratenen Auftakt mit Tschechows „Möwe“ in der Regie von Martin Laberenz, der im Jahr zuvor schon den fünfstündigen „Idioten“ nach Dostojewksi verbrochen hatte, konnte es nur besser werden. Eigentlich. Ein wenig tat es das auch, aber eben nur ein wenig und nicht mit dem erhofften Ruck nach oben, der Stuttgart wieder in die erste Liga hätte führen können.

Das lag nicht zuletzt daran, dass keine der drei von Petras selbst zu verantwortenden Produktionen vollends überzeugen konnte: Fritz Katers „Buch (5 ingredientes de la vida)“ stellte sich als verkrampfte Kunstanstrengung heraus, ebenso Lessings „Nathan der Weise“. Und auch wenn es ihm im „Sturm“ gelang, seine ambitionierte Kunst wenigstens eine Spur zu entkrampfen und die Plausibilität von Figuren und Handlung zu erhöhen, wollte sich auch dieser Shakespeare nicht zu einem geglückten Abend runden. Weitaus schlimmer indes hat es die Arbeiten anderer Regisseure getroffen: „Orest. Elektra. Frauen von Troja“ des sonst so famosen Stephan Kimmig fiel als belangloses Schreitheater ebenso schnell dem Vergessen anheim wie der von Robert Borgmann in ein zähes Endspiel verwandelte „Tod eines Handlungsreisenden“.

Zu viel Arbeit an der Ost-Biografie

Nun, wo Schatten ist, da ist auch Licht: Natürlich war in dieser Spielzeit nicht alles unbefriedigend, nicht alles wurde am Publikum vorbei inszeniert. Vier Aufführungen, die das Theaterjahr allerdings auch nicht retten konnten, zählen zu den Erfreulichkeiten: Sebastian Baumgartens „Tote Seelen“ nach Gogol, sinnlich und intellektuell fordernd mit einem sich toll verausgabenden Wolfgang Michalek, zudem René Polleschs „Stadion der Weltjugend“ im Kornwestheimer Autokino, wo Martin Wuttke als genervte Diva komisches Vollgas gab. Und last, not least, Antú Romero Nunes mit „zeit zu lieben zeit zu sterben“ sowie „I’m searching for I:N:R:I“ vom Opernintendanten Jossi Wieler, zwei Inszenierungen übrigens mit signifikanten Gemeinsamkeiten: Wie Wuttke bei Pollesch, wirkten auch hier berühmte Gäste mit, die den Abend mit ihrer Spielenergie umpflügten, Peter Jordan bei Nunes, Fritzi Haberlandt und André Jung bei Wieler.

Und wie zuvor beim „Buch“ stammten auch jetzt beide Texte wieder vom Dramatiker Fritz Kater, hinter dem bekanntermaßen niemand anderes als Petras selbst steckt. Rechnet man zu seiner dreifachen Autorenschaft nun auch seine drei Inszenierungen dazu, kommt man auf eine stattliche Präsenz des Intendanten auf dem Spielplan. Man könnte auch sagen: Überpräsenz, denn seine künstlerische Handschrift hat in den zurückliegenden Monaten das Haus ja nicht nur zum Guten geprägt. Siehe oben – wobei erschwerend hinzu kommt, dass sich Petras/Kater noch immer allzu oft an seiner Ost-Biografie abarbeitet, einem Thema, das für eine Stadt im Südwesten von überschaubarer Relevanz ist. Stuttgart hat andere Probleme als Berlin, Hauptstadt der DDR.

Kritik am Führungsstil des Intendanten häuft sich

Die ostalgisch durchtränkte Präsenz auf dem Spielplan steht indes im schroffen Gegensatz zur offensichtlich anhaltenden Nicht-Präsenz im Haus. Verglichen mit der Vorsaison hat der Intendant seine Auswärtsgeschäfte als Autor und Regisseur zwar reduziert, aber selbst dann, wenn er physisch in Stuttgart anwesend ist, scheint er für seine Mitarbeiter selten ansprechbar zu sein. Jedenfalls haben sich in den vergangenen Monaten die hinter vorgehaltener Hand geäußerten Beschwerden über seinen Führungsstil auffällig gehäuft. Petras kümmere sich nicht um das Theater, das ihm anvertraut wurde, heißt es da; die Klagen über Arbeitsüberlastung vor allem im technischen Bereich ignoriere er, der Umgangston sei ruppig, die Planung teils chaotisch.

Dass bewährte Kräfte das Ensemble verlassen und nur noch als Gäste auftauchen, etwa Katharina Knap, Nachwuchsschauspielerin des Jahres 2014, komme nicht von ungefähr. Das Betriebsklima im Haus ohne Hüter könnte besser sein: Petras ist in seinem Theater noch nicht wirklich angekommen – und in der Stadt, für die er angeblich Theater macht, übrigens auch nicht. Die Entfremdung ist schier mit Händen zu greifen.

Auch Treue hat ein Ende

Mit seinen Vorgängern verhielt es sich anders. Friedrich Schirmer und Hasko Weber waren Intendanten zum Anfassen, allzeit anwesend, dem Publikum zugewandt. Das ist Armin Petras nicht. Würde seine künstlerische Bilanz besser ausfallen, fiele das womöglich nicht so sehr ins Gewicht. Da sie aber zu viele Flops aufweist, wiegt auch seine wie auch immer begründete Abwesenheit schwer. Wie will der kaum greifbare Intendant da noch verlorenes Vertrauen wieder gewinnen? Bei den Abonnements fürs Schauspiel, auch das sagen die Zahlen des Geschäftsführenden Intendanten Hendriks, ist ein dramatischer Rückgang zu verzeichnen. Von den 1700 Abos der jetzt abgelaufenen Spielzeit sind rund 300 gekündigt worden, annähernd zwanzig Prozent. Abonnenten sind für gewöhnlich die treuesten aller Theatergänger. In aller Regel gehen sie mit einem Intendanten durch dick und dünn. Armin Petras aber scheint auch diese Regel gerade außer Kraft zu setzen.