Stuttgarter Stadtbahnen Schlucken Magerwiesen Lärm?

An der Stadtbahnhaltestelle Hallschlag bietet ein Magerwiesengleis Heimat für viele Insekten. Foto: Lichtgut/Ferdinando Iannone

Eine Bürgerinitiative kämpft gegen laute Stadtbahnen. Und fordert begrünte Gleise. Die SSB halten aus ökologischen Gründen Rasen zwischen den Schienen für sinnvoll, für den Lärmschutz allerdings nur für bedingt hilfreich. Doch was hilft dann?

Architektur/Bauen/Wohnen: Andrea Jenewein (anj)

Stuttgart - Alexander Schirling steht auf dem Magerwiesengleis an der Stadtbahnhaltestelle Hallschlag. Plötzlich bückt sich der Leiter Gleisanlage bei der Stuttgarter Straßenbahnen AG (SSB) und pflückt ein lilafarbenes Pflänzchen zwischen den Schienen ab. Er reibt es zwischen den Fingern und riecht daran: „Thymian an der Stadtbahn“, sagt er stolz. Schirling will mit seinem Kollegen, dem Betriebsleiter Reinhold Schröter, zeigen, was die SSB alles unternimmt, um den Stadtbahnlärm zu reduzieren.

 

Die Forderungen der Bürgerinitiative

Die Bürgerinitiative Reduzierung des Stadtbahnlärms wurde im Juni 2019 gegründet. Deren Sprecher Jürgen Häberle sagt: „Es gibt überall Lärmgeschädigte.“ Man habe einen Internetfragebogen erstellt, den über 200 Betroffene beantwortet hätten, „alle mit ihren speziellen Problemen, die sich aber am Ende doch ähnelten“. Häberle betont, dass der Netzausbau aus ökologischer Sicht richtig und wichtig sei. Doch habe das nicht nur mehr Strecken zur Folge, die Stadtbahnzüge in Stuttgart seien auch länger geworden: „Es gibt doppelte Züge, also doppelt so lange Lärm.“ Als Beispiel nennt er den Abschnitt zwischen den Stationen Möhringen Bahnhof und Vaihinger Straße. Dort fahren am Tag 900 Linienfahrzeuge, „alle 50 Sekunden fährt eine Bahn vorbei“. Die Bürgerinitiative fordert die Begrünung der Gleise: „Das sorgt für eine Lärmminderung von etwa zwei Dezibel.“ Zudem sei es ökologisch wertvoll, da ein Schottergleis mit Unkrautvernichtungsmitteln bespritzt werden müsse. Positiv für das Stadtbild sei das Grün zudem. „Wir wollen, dass der Gemeinderat beschließt, dass bei Neubauten von Gleisanlagen und Sanierungen begrünt wird“, sagt Häberle, „die Stadt muss dafür Mittel zur Verfügung stellen, denn das Anlegen begrünter Gleise ist teurer als das von Schottergleisen.“

Das sagt die SSB

Schröter und Schirling wissen, was für ein emotionales Thema der Lärm ist. Nicht nur deshalb gehen sie jeder Beschwerde nach, sondern auch, weil verstärkter Lärm auf Verschleiß hinweisen kann. Die Anzahl der Beschwerden sei vergleichsweise gering. Von insgesamt 131 550 Beschwerden im Jahr 2020, die bei der SSB eingingen, hätten 137 den Schienenlärm zum Thema gehabt. Obwohl man aufgrund der Geräuschmessungen nicht tätig werden müsste, ergreift die SSB schon lange Maßnahmen zum Lärmschutz.

Wie sieht es beim Lärmschutz aus?

„Wo Schienenverkehr ist, ist Lärm – einfach, weil Metall auf Metall reibt“, sagt Schlüter. Besonders an neuralgischen Punkten wie Steigungen oder Kurven werde es lauter. Die SSB reduziere den Lärm etwa durch Abdeckung der Räder durch eine Schürze und Radschallabsorber, welche die Schallabstrahlung reduzieren sollen. Zudem kommt eine Konvektionskühlung zum Einsatz, eine passive Kühlung ohne mechanische Lüfter. „Dadurch wird der Verschleiß minimiert: Schall entsteht, wo Reibung ist, und Reibung entsteht durch Verschleiß.“ Eine wichtige Maßnahme sei deshalb die Schienenpflege: An Hotspots werden die Schienen vier bis fünf Mal im Jahr geschliffen. Auch an Forschungen war die SSB beteiligt. So testete sie eine Schienenbewässerungsanlage: „Diese stellte sich aber als untauglich heraus, denn sie führte zu Korrosion, totaler Verwässerung des Gleisbetts und zog im Winter Probleme nach sich“, sagt Schirling.

Das neueste Projekt, das in absehbarer Zeit umgesetzt werden soll, ist das Auftragen eines Trennmittels auf die Schienen – wie es in Freiburg und Köln bereits gemacht wird. Dies soll die Haftreibung zwischen Rad und Gleis reduzieren. „Wir haben natürlich ganz andere Steigungen als etwa in Köln“, sagt Schirling. Man müsse genau testen, an welcher Stelle bei welcher Fahrzeugzahl wie viel davon aufgetragen werden könne. Denn diese verlängere den Bremsweg: „Wir gehen nicht über Sicherheitsgrenzen hinaus.“

Auch Rasengleise lege die SSB an – von 132 Kilometern Strecke sind 26 Kilometer begrünt. Allerdings sei es ein Irrglaube, dass ein Rasengleis leise sei. „Ein konventioneller Rasenteppich schluckt ein bis drei Dezibel“, so Schröter. Das sei zu vernachlässigen. Zur Erklärung: Wenn ein Auto 70 Dezibel laut ist, ergeben zwei Autos nicht 140 Dezibel. Der Schallpegel steigt stattdessen um 3 auf 73 Dezibel an. Dieser Anstieg ist soeben wahrnehmbar. Magerwiesengleise, wie sie in Stuttgart fast ausschließlich vorkommen, reduzierten den Lärm noch weniger. „Trotzdem sind begrünte Gleise ein gute Idee – aber aus ökologischer Sicht“, sagt Schirling.

Das bedeutet es für die Ökologie

Für das Konzept „Lebensraum Stuttgarter Gleise“ hat die SSB 2017 den Innovationspreis für das Magerwiesengleis erhalten. Dieser spärliche, aber artenreiche Bewuchs mit krautigen Pflanzen, die mit wenig Wasser, wenigen Nährstoffen und hohen Temperaturen auskommen, kann weitgehend sich selbst überlassen werden, muss seltener gemäht werden als ein Rasengleis und ist ein Lebensraum für Insekten. Allerdings ist der Bau teurer und dauert länger als beim Schottergleis. Als Beispiel nennt Schirling ein 400 Meter langes Streckenstück am Killesberg, das bei einer Sanierung begrünt wurde: „Das hat ein halbes Jahr gedauert, weil wir einen Betonunterbau bauen mussten, auf dem das Substrat aufgebracht wird. Mit dem Schottergleis wären wir in einer Woche fertig gewesen.“ Deshalb sei der Standard, neue Gleisflächen zu begrünen und bei Sanierungen zu prüfen, ob eine Begrünung möglich sei. „Wir prüfen aber gerade , ob mehr begrünte Fläche möglich ist.“

Die Reaktion der Stadträte

Ein gemeinsamer Antrag der Gemeinderatsfraktionen der SPD, der Grünen und der CDU zum Lärmschutz wurde am Freitag im Ausschuss für Klima und Umwelt diskutiert. Jürgen Sauer (CDU) schlug einen Runden Tisch mit der Bürgerinitiative vor. Martin Körner (SPD) brachte einen Lärmschutzbeauftragten bei der SSB ins Gespräch. Björn Peterhoff (Grüne) dachte an Büsche entlang der Strecken, wo es möglich sei. Im Doppelhaushalt der Stadt möchte man Geld für Maßnahmen vorsehen. Denn: Den vom Lärm betroffenen Menschen müsse geholfen werden, man könne aber nicht alles der SSB aufbürden.

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