Stadtdekan Christian Hermes sorgt sich nach der jüngsten Sitzung zum Synodalen Weg um seine Kirche: „Einige Bischöfe haben den Schuss immer noch nicht gehört.“

Lokales: Martin Haar (mh)

Die vierte Vollversammlung des katholischen Reformprojekts Synodaler Weg stand nach dem ersten von drei Tagen kurz vor dem Scheitern, als das Grundsatzpapier zur Liberalisierung der katholischen Sexuallehre an einer Sperrminorität von Bischöfen scheiterte. Der Stuttgarter Stadtdekan Christian Hermes reagierte daraufhin heftig, sprach von „peinlicher Unfähigkeit“, „zynischer Unwilligkeit“ und von einer „Hinterhältigkeit“ mancher Bischöfe. Wie fällt seine Bilanz nun nach dem Ende aus? Kann es ein gutes Ende für die katholische Kirche samt ihrer Mitglieder geben?

Herr Hermes, Der Synodale Weg: ein Erfolg oder ein Misserfolg?

Es gab Erfolge und Enttäuschungen. Immerhin wurde ein wichtiger Text zum Thema Gleichberechtigung der Frau verabschiedet – und zwar mit 82 Prozent der Bischofs-Stimmen. Aber es sind auch sechs Texte – unter anderem zum Thema Priestertum – nicht mehr aufgerufen worden.

Wäre es ohne die Empörung vieler über das unsittliche Verhalten mancher Bischöfe ungut ausgegangen?

Zumindest gab es dann eine Aussprache. Ich habe meine Worte sehr bewusst gewählt. Manche sind sogar weinend rausgelaufen. Das unethische war, dass diese Minderheit sich gar nicht am Diskurs zur Sexualmoral beteiligt hat. Man hätte auch am Freitag noch etwas sagen können, um den Beschluss in eine dritte Lesung zu bekommen. Aber dann in der Abstimmung zu sagen, ich halte den Mund und drücke auf nein, das halte ich für hinterhältig und verantwortungslos. Zudem ist es eine schwere Beschädigung des Vertrauens der Bischofskonferenz.

Wasser predigen, Wein trinken

Sie haben den Bischöfen sogar Hinterhältigkeit vorgeworfen. Erneut leben Amtsträger unmoralisches Handeln vor. Liegt hierin die Essenz aller Probleme?

In gewisser Weise schon. Denn dieses Amtsverständnis reproduziert, dass die Lehre fest betoniert sei. Es spiegelt die Entfernung zu den Menschen wider. Es zeigt sich auch ein falsches Verständnis von Tradition. Sie ist nicht die Weitergabe der Asche, sondern des Feuers. Es geht vielmehr um das christliche Menschenbild und die Weitergabe des Evangeliums.

Die Blockierer begründen ihre Haltung mit der Gebundenheit an den Papst und die Lehre. Sind alle anderen abtrünnig?

Genau das hatte der Bischof aus Hamburg scherzhaft so gesagt. Das wären dann aber 61 Prozent der deutschen Bischöfe. Wir haben jetzt die ersten Rückmeldungen aus der Weltkirche. Aus Südafrika wird die Lockerung des Zölibats, aus Spanien die Zulassung der Frau zur Weihe und aus Australien die Anerkennung geschlechtlicher Vielfalt gefordert. Wir müssen uns neu besinnen, was Beziehung aus christlich-ethischer Sicht tatsächlich heißt.

Wie hat Bischof Fürst abgestimmt?

Alle Kölner Bischöfe um Erzbischof Rainer Maria Woelki haben dem Papier zur Sexualmoral nicht zugestimmt. Wie haben Bischof Fürst und Weihbischof Renz von der Diözese Rottenburg-Stuttgart votiert?

Das müssen Sie die beiden selbst fragen. Wir durften bisher leider nicht erfahren, wie sie abgestimmt haben.

Kardinal Marx hingegen will die jüngsten Beschlüsse im Erzbistum München umsetzen. Was macht die Diözese Rottenburg-Stuttgart?

Ich werde als Mitglied im Diözesanrat darauf drängen.

Erstmals sind kirchlich gebundene Christen in Deutschland in der Minderheit. Hinzu kommt die fatale Außenwirkung bei vielen Themen. Was bedeutet das für die Themen Kirchensteuer, die gesetzlichen Feiertage und den Religionsunterricht?

Einige Bischöfe haben den Schuss immer noch nicht gehört. Und ich frage mich: Haben wir noch Zeit zur Wende? Oder sagen wieder viele: Von dieser Kirche erwarte ich gar nichts mehr. Wir können uns nicht mehr auf überkommene Privilegien verlassen. Alles steht zur Disposition. Wir müssen alles gut begründen und vermitteln. Und ich finde es bedauerlich, dass es eine traditionalistische Minderheit gibt, die in einer seltsamen Form von Untergangseuphorie solche Selbstzerstörungsprozesse auch noch feiert. Wir haben doch eine gesellschaftliche Verantwortung.