Manchmal, wenn Hennig Tschunt und Nils Bachmann sich nach Feierabend eigentlich nur auf ein Getränk treffen und plaudern wollen, wird daraus spontan eine „Strategiesession“. Dann sprechen sie nicht über neue Serien, Sport oder Politik, sondern über Getreidespelzen, Investoren oder anstehende Messen.
Grundwerte der Gründer sind ähnlich
Denn sie sind nicht nur Freunde, sondern auch Kollegen. Die beiden haben ein Start-up gegründet – gemeinsam mit den Schwestern Lisa und Sophia Scherer, mit denen sie ebenfalls befreundet sind. Inzwischen sind sie zu siebt; alle zwischen Ende 20 und Mitte 30. „Wir haben zwei Modi für den Umgang miteinander: den privaten und professionellen“, sagt Henning Tschunt.
Er findet es schön, mit Freunden zusammen zu arbeiten, „da kommt eine zusätzliche Ebene in die Beziehung“. Auch Lisa Scherer, ohne die es das Start-up nicht geben würde, betont die Vorteile: „Man kennt sich mit seinen Vorlieben und weiß, wie wer tickt“, sagt sie. Durch die Arbeit lerne man sich noch besser kennen.
Die Grundwerte von ihnen sind ähnlich: Alle sehen die ökologischen Herausforderungen, wollen deshalb aber nicht in Schockstarre verfallen, „sondern Teil des Wandels sein“, sagt Tschunt. Sie achteten bei der Ernährung, Mobilität und Konsum auf möglichst umweltfreundliche Entscheidungen, „wir entspringen alle der grünen Blase.“ Und das sei ihnen bei der Gründung des Start-ups auch wichtig gewesen: dass das Produkt oder die Idee einen sozialen oder ökologischen Mehrwert bietet.
Idee: nachhaltige Alternative zu Styropor
Die Idee lieferte Lisa Scherer. Im Rahmen einer Studienarbeit im Bereich Verpackungsdesign an der Hochschule der Medien (HdM) in Stuttgart entwarf sie ein Material, das Henning Tschunt als „extrem potenzialträchtig“ bewertete. Er las damals die Studienarbeit und erfuhr erstmals von „Recou“, einer plastikfreien, kompostierbaren, stabilen und formbaren Alternative zu Styropor. Sie besteht aus Getreidespelzen, also der Umhüllung von Dinkel oder Weizen – kombiniert mit einem organischen Bindemittel.
Henning Tschunt hatte zu dem Zeitpunkt nachhaltige Unternehmensführung studiert und nebenbei in einer Beratung gearbeitet. „Ich saß schon im Studierendenwohnheim regelmäßig mit Nils (Bachmann) zusammen, und wir tauschten bei einem Glas Wein Ideen für Business-Cases aus“, sagt er. „Aber unsere Ideen waren reine Spielereien – für nichts davon hätte ich so viel Zeit und Energie investiert.“
Zunächst in einem Hochschulraum experimentiert
Die Idee von Lisa Scherer änderte dies. Ihre Schwester, Sophia Scherer hatte Verpackungstechnik studiert, bildet also den Ingenieurpart ab, Nils Bachmann Wirtschaftsinformatik –ist sehr zahlen- und IT-affin. Henning Tschunt nennt sich „holistischer BWL’er“, also ganzheitlich denkender Betriebswirtschaftler. Zusammen hätten sich die Kompetenzen perfekt ergänzt, sagt Lisa Scherer. „Das Zusammenspiel war eine Chance.“
Sollten sie sich je zerstreiten, haben sie dafür alles in Verträgen geregelt. „Wir arbeiten jedoch bereits so lange gemeinsam, dass wir aufeinander Acht geben und fair zueinander sind“, sagt Nils Bachmann. Entscheidungen würden nach dem Konsent-Prinzip getroffen: „Jeder kann eine Entscheidung anzweifeln, solange er oder sie stichige Argumente vorlegt. Bisher haben wir so noch immer eine Lösung gefunden.“
Zunächst lief das Ganze über die HdM. Dort wurden sie im Jahr 2020 dazu motiviert, einen Förderantrag für ein Gründungsstipendium zu stellen. Und sie erhielten einen Raum in der HdM, in dem sie an dem Material experimentieren konnten. Später bekamen sie auch noch Unterstützung über das Förderprogramm „Junge Innovatoren“ vom Land Baden-Württemberg. 2022 gründeten sie dann das Start-up Proservation.
Suche nach größerem Raum
Inzwischen wohnt keiner mehr im Studierendenwohnheim; alle leben in Stuttgart. Und seit Anfang 2023 haben sie Büroräume in der Innenstadt gemietet. Die derzeit manufakturartige Produktion läuft größtenteils in der Schwabenbräu-Passage in Bad Cannstatt. Inzwischen suchen sie bereits nach einem größeren Raum, um in noch größerem Rahmen experimentieren und produzieren zu können.
Und obwohl sie miteinander befreundet sind, sind manche Strukturen ganz ähnlich wie in vielen anderen Unternehmen: Einmal pro Woche gibt es ein gemeinsames Meeting. Manchmal arbeiten sie im Homeoffice, mal in Präsenz. Sie delegieren Aufgaben untereinander, arbeiten mal gemeinsam an etwas, mal tüftelt jeder für sich. Nur gestaltet sich der Feierabend eben manchmal etwas anders.
Bereits mehr als 600 000 Euro eingesammelt
Crowdinvesting
Viele Start-ups sammeln nach dem Prinzip des so genannten Crowdinvesting Investorengelder im Internet ein. Interessierte können sich auch mit kleinen Beträgen an Ideen und Projekten beteiligen. Dafür bekommen sie eine ansehnliche Rendite. Das Risiko: Das Unternehmen könnte zahlungsunfähig werden.
Proservation
Das Stuttgarter Start-up Proservation hat auf diese Weise innerhalb von zwei Monaten 620 000 Euro an Wagniskapital eingesammelt. Mehr als 450 Investoren hatten sich beteiligt. Den ursprünglich gewünschten Zielbetrag von 500 000 Euro hatten sie bereits nach 20 Tagen erreicht. (jub)