Stuttgarter Studio arbeitet für Hollywood „Wir sind digitale Gärtner, Beleuchter, Kameraleute“

Von Oliver Stenzel 

Einige zentrale Sequenzen von Roland Emmerichs neuem Science-Fiction-Spektakel „Independence Day: Wiederkehr“ sind in der Stuttgarter Effekte-Schmiede Luxx Studios entstanden. Für die Firmengründer auch ein Symbol für die steigende Attraktivität der Region für Filmschaffende.

Alles digital: Blick auf Washington und das Weiße Haus der Zukunft, wie es das Stuttgarter Studio Luxx im Computer entworfen hat Foto: 20th Century Fox
Alles digital: Blick auf Washington und das Weiße Haus der Zukunft, wie es das Stuttgarter Studio Luxx im Computer entworfen hat Foto: 20th Century Fox

Stuttgart - Washington D.C. dürften Andrea Block und Christian Haas mittlerweile wie ihre Westentasche kennen. Nicht, weil die beiden Gründer und Geschäftsführer der Luxx Studios dauernd in der US-Hauptstadt zu Besuch sind. Sondern, weil sie sie schon zweimal komplett im Computer nachgebaut haben – für Roland Emmerichs Filme „White House Down“ (2013) sowie den jüngst angelaufenen „Independence Day: Wiederkehr“.

Die Washington-Sequenz ist das Herzstück der Arbeit, die die Luxx Studios für Emmerichs neue Produktion gemacht hat. Dazu kommen noch einige Szenen auf Militärflughäfen – insgesamt fünf Minuten des Films entstanden an den Computern der im Stuttgarter Westen beheimateten Effekt-Schmiede. Acht Monate lang saß ein rund 25-köpfiges Team an den visuellen Effekten (VFX). 4,5 Millionen Dateien mit 11 Terabyte Speicherplatz lagerten am Ende auf den Luxx-Servern, 2,8 Millionen Einzelbilder wurden komplett im Computer erstellt. „Davon haben wir am Ende gerade mal 7200 abgegeben“, sagt Andrea Block. Die aber ergeben eine ausgesprochen realitätsnahe Illusion.

Für beide Emmerich-Produktionen mussten die Stuttgarter VFX-Spezialisten an ihr Grenzen gehen. „Bei ’White House Down’ war anfangs nur geplant, dass wir in reale Filmaufnahmen von Washington die Hubschrauber des US-Präsidenten als digitale Modelle einkopieren“, erzählt Haas. Doch das Filmteam bekam für Kamera-Helikopter keine Drehgenehmigung, und so „kam irgendwann die Anfrage, ob wir denn in der Lage wären, nicht nur die Hubschrauber, sondern einfach alles am Rechner zu machen – den ganzen zentralen Bereich Washingtons“, erzählt Haas. „Das war ein Schreckmoment, da mussten wir erstmal nachdenken, ob wir das schaffen.“

Futuristisch, aber nicht zu sehr

Letztlich meisterten die Luxx Studios die Aufgabe souverän und dürften derart geschult im digitalen Städtebau entspannter an ihre Arbeit bei der „Independence Day“-Fortsetzung gegangen sein. Wobei die Referenzen aus „White House Down“ hier nur begrenzt halfen, da es sich ja um ein fiktives, komplett neu und anders aufgebautes Washington handelt – das „Alte“ wurde bekanntlich 1996 im ersten Teil des Science-Fiction-Spektakels von den Außerirdischen komplett plattgemacht. Und so sieht das Weiße Haus zwar genau wie vorher aus, Kapitol und Obelisk sind aber wesentlich größer, dazu kommen unter anderem eine Wolkenkratzer-Skyline und eine Magnetschwebebahn.

Roland Emmerich hat mit Architekten aus Wien zusammengearbeitet, die die ersten Entwürfe gemacht haben“, sagt Andrea Block, „und wir haben dann angefangen, daraus 3-D-Modelle und Kamerafahrten zu entwerfen.“ Das bedeutete viel Feinabstimmung, „denn es sollte zwar futuristisch aussehen, aber auch nicht zu sehr, sondern so, als wäre es theoretisch auch heute an einem anderen Ort baufähig“, so Block. Und alles musste natürlich noch mit Details bestückt, bepflanzt, mit Menschen bevölkert werden – „wir sind digitale Gärtner, Beleuchter, Kameraleute“.

Studiomitarbeiter als Bewegungs-Statisten für Massenszenen

Die größere Herausforderung im neuen „Independence Day“ waren die Massenszenen, die am Computer entstehen sollten – 200 000 Menschen bei den Feierlichkeiten zum 4. Juli, in mehreren Einstellungen sichtbar – „wir wussten am Anfang nicht, wie wir das überhaupt handhaben sollen, ob die Kapazität unseres Hauptspeichers reicht“, erzählt Haas. 18 Personen wurden als digitale 3-D-Modelle gebaut, mit bis zu 90 verschiedenen Kleiderfarben – „insgesamt gab es dann 1600 Varianten“, sagt Haas, aus denen die Menge entstand. Damit all diese digitalen Figuren auch menschlich wirken, mussten sich dann die Studio-Mitarbeiter als Bewegungs-Statisten zur Verfügung stellen: Mit einer so genannten Motion-Capture-Software wurden Bewegungsprofile im Computer aufgezeichnet und auf die 3-D-Modelle übertragen. Im fertigen Film sind bei vielen Szenen dann noch die erst vor Bluescreen gefilmten, realen Schauspieler in den digital erstellten kopiert. Der Effekt ist beeindruckend – und besteht doch, so Haas, aus „ganz vielen Dingen, die wir erst technisch ausprobieren mussten“.

Kennengelernt haben sich Block und Haas beim Studium an der Ludwigsburger Filmakademie, sie wurden nicht nur privat, sondern auch beruflich ein Paar und gründeten einige Jahre nach ihren Abschlüssen 2006 die Luxx Studios. Neben ihrer Arbeit für deutsche Produktionen wie ”Max Schmeling“ (2010) und ”Rommel“ (2012) gehören mittlerweile auch drei große US-Produktionen zu ihrem Portfolio: Neben den beiden Emmerich-Produktionen auch Wes Andersons „The Grand Budapest Hotel“ (2013).

„Wir sind Emmerichs VFX-Supervisor Volker Engel ziemlich auf die Nerven gegangen“

„Unsere Verbindungen zur Filmakademie sind weiterhin sehr rege, und das Netzwerk, das wir damals mitbekommen haben, hat uns auch geholfen, solche großen, internationalen Filme an Land zu ziehen“, sagt Block. Immerhin ist Emmerichs Effekt-Koordinator – im Fachjargon: VFX-Supervisor – Volker Engel, der die Luxx Studios beauftragte und schon beim ersten „Independence Day“ dabei war, auch ein Filmakademie-Absolvent. Wobei neben dem Netzwerk auch eine gewisse Beharrlichkeit vonnöten war. „Wir versuchen seit acht, neun Jahren, uns in Los Angeles regelmäßig zu zeigen, und sind dabei vielen Filmleuten, unter anderem auch Volker Engel, ziemlich auf die Nerven gegangen“, erzählt Block lachend. „Irgendwann hatte er wohl die Nase voll und hat mit uns gearbeitet.“

Dass Teile einer großen Hollywood-Produktion in der Stuttgart produziert wurden, sieht Haas neben dem persönlichen Erfolg auch als wichtiges Signal für den Filmstandort. Die Filmakademie ist für ihn „eine der besten Ausbildungsstätten der Welt“, doch das Problem sei, dass „sehr viele Absolventen ins Ausland abwandern, weil sie an großen Projekten mitarbeiten wollen, ob in Hollywood oder in Neuseeland. Das Ziel muss sein, dass die Leute hier in der Region bleiben“, sagt Haas – und dabei würden solche Prestige-Projekte wie der zweite „Independence Day“ gewaltig helfen.

Leute aus den USA, Australien und Neuseeland kommen nach Stuttgart

Das haben Block und Haas schon an ihren eigenen Mitarbeitern gemerkt. ”In unserem Team gibt es einige, die sich jetzt dauerhaft hier ansiedeln, die sich ein Haus gekauft, Kinder bekommen haben.“ Und mittlerweile ist der Abwanderungstrend – zumindest in Ansätzen – sogar gegenläufig. „2012 hatten wir die ersten Bewerbungen aus den USA“, erzählt Block, mittlerweile seien auch schon welche aus Neuseeland und Australien gekommen. „Damit hatten wir überhaupt nicht gerechnet! Wir dachten wirklich, die hätten ihre Bewerbungen aus Versehen an uns geschickt.“

Ein Versehen war nicht dabei, und laut Block sind die internationalen Mitarbeiter alle begeistert von Stuttgart und der hiesigen Lebensqualität. dafür kann die Filmakademie zwar eher nichts, wohl aber dafür, dass die Region internationale Strahlkraft für Filmschaffende besitzt.