Stuttgarter Studio Theater Wie das Glück in den Abgrund rutscht

Stark: Sabine Fürst in „Girls & Boys“ im Studio Theater Foto: Studio Theater/Stephan Haase

Das intensive Kammerspiel „Girls & Boys“ erkundet männliche Gewalt. Im Studio Theater überzeugt die Inszenierung mit einer Botschaft, die hängen bleibt.

Stuttgart - Uff. Ein einfacher Theaterabend war die Premiere von „Girls & Boys“ im Studio Theater nun wirklich nicht. Der Grund: Die Schlagkraft, die diese minimalistische Inszenierung im Laufe ihrer gut neunzig Minuten entwickelt, ist enorm.

 

Dabei beginnt „Girls & Boys“, das am Freitag in der Inszenierung von Benjamin Hille seine Premiere feierte, zunächst wie jede gute Liebesgeschichte: Mit dem Flugticket Richtung „Selbstfindungskrise“ in der Hand trifft die namenlose Protagonistin des Stücks in der Easy-Jet-Schlange ganz zufällig ihren Zukünftigen – und das verändert ihr Leben. Denn bei diesem Ausnahme-Mann fühlt sie sich das erste Mal sicher und aufgehoben. Bereit, das Leben zu meistern. Bis das Glück auf so brutale Art und Weise in den Abgrund rutscht, dass man es kaum glauben möchte.

Gefühl der Beklemmung

Mit eindringlicher Intensität erkundet der Monolog aus der Feder des britischen Theaterautoren Dennis Kelly so die Dimensionen männlicher Gewalt. Dabei ist das Kammerspiel weniger eine klassische Abhandlung über toxische Maskulinität und eine Gesellschaft, in der männlich dominierte Gewalt zum Symptom eines krankenden Systems wird. Es ist vielmehr eine sensible Auseinandersetzung mit dem zerstörerischen Potenzial eines gescheiterten Lebensentwurfs, hinter der sich größere Fragen auftürmen. Das Stück vereinnahmt keine Allgemeingültigkeit. Aber es entlässt die Zuschauer mit einem Gefühl der Beklemmung. Wie viel Potenzial zur Gewalt steckt wirklich in unserer Gesellschaft?

Ein neunzigminütiger Kraftakt

Zu dieser Intensität trägt maßgeblich das großartig inszenierte Mit- und Gegeneinander der beiden Hauptakteure auf der Bühne bei: Sabine Fürst steht im Zwiegespräch mit dem Publikum – ein 90-minütiger Kraftakt. Die Stolpersteine solcher Inszenierungen liegen auf der Hand: Die Verbindung könnte abreißen. Die Aufmerksamkeit der Zuschauenden abschweifen. Die Brutalität der Geschichte überfordern.

Doch Sabine Fürst trägt meisterhaft durch die Geschichte ihrer Figur. Von den leichten, herrlich verträumten Episoden der ersten Liebe über die liebevollen Rückblicke auf ihre beiden Kinder bis hin zu den bitteren Abgründen der brutalen Verbrechen spielt sie mit großer Anziehungskraft. Dabei bleibt die Sprache des Stücks genauso rau und nahbar wie die Trauer und Wut, mit der Fürst den Schicksalsschlag ihrer Figur auf der Bühne verarbeitet.

Wann wird „Girls & Boys“ gespielt?

Termine
Weitere Vorstellungen von „Girls & Boys“ : 26. Februar, 10. bis 12., 16. bis 19. und 24. bis 26. März sowie 1. und 2. April, jeweils um 20 Uhr.

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