ExklusivStuttgarter Tatort Die RAF-Zeit treibt ihn bis heute um

Von Jörg Nauke 

Christoph Hofrichter spielt im neuen Stuttgarter Tatort einen Journalisten, dem der „Deutsche Herbst“ keine Ruhe lässt. Die Rolle passt perfekt, denn Hofrichter bewegte sich in den 70ern selbst in der Szene und erinnert sich gut an das damalige Klima.

Christoph Hofrichter (rechts) bringt in „Der rote Schatten“ den „Tatort“-Kommissar Lannert (Richy Müller) auf die Spur eines Verfassungsschutzspitzels. Foto: SWR
Christoph Hofrichter (rechts) bringt in „Der rote Schatten“ den „Tatort“-Kommissar Lannert (Richy Müller) auf die Spur eines Verfassungsschutzspitzels. Foto: SWR

Stuttgart - Kaum ein Schauspieler dürfte diese Rolle so überzeugend ausfüllen wie er: Christoph Hofrichter (71) verkörpert im nächsten Stuttgart-„Tatort“, der Bezug auf die „Todesnacht von Stammheim“ nimmt, den fiktiven Journalisten Rainer Kravitz. Dieser hat laut Drehbuch in den 70er Jahren über die Rote-Armee-Fraktion (RAF) berichtet. 40 Jahre später bringt er Kommissar Lannert auf die Spur einer dubiosen Figur, die als Spitzel für den Verfassungsschutz im Umfeld der Terroristen ermittelte und noch geschützt wird. Der „Tatort“, bei dem Dominik Graf Regie führt, wird am 15. Oktober ausgestrahlt.

An dieser Rolle ist Hofrichter ganz nah dran: Als vom rebellischen Zeitgeist erfasster Künstler erlebte er den „Deutschen Herbst“ hautnah mit. Die Ereignisse seit der Ermordung von Benno Ohnesorg 1967 bis zum (von ihm bezweifelten) Selbstmord der ersten RAF-Generation 1977 treiben ihn bis heute um. Die Kritik am Vietnamkrieg, am Radikalenerlass, an der Unterstützung des Pinochet-Regimes und an der mangelnden Aufarbeitung der Nazizeit teilten Künstler mit Studenten, aber auch mit jenen, die ihre Ziele mit Gewalt erreichen wollten.

Eine Freundschaft mit Otto Schily

In Berlin war Hofrichter bis 1976 als Ensemblemitglied des Schillertheaters und der Staatlichen Schauspielbühne mitten drin im Widerstand gewesen. Seinen politischen Horizont glaubte er durch Schulungen der Sozialistischen Einheitspartei Westdeutschland (SEW) erweitern zu können. Die Szene traf sich in der Kneipe Zwiebelfisch, dort lernte er Otto Schily kennen, den späteren Anwalt von Gudrun Ensslin. „Waldorfschüler trifft auf Anthroposoph – das passte“, sagt Hofrichter. Auch im „Deutschen Herbst“ hielten sie Kontakt. Nach einem anstrengenden Prozesstag entführte Hofrichter den Anwalt ins idyillsche Remstal. Im Adler in Baach saßen sie im Garten, als am Nachbartisch die Rede auf die hungerstreikenden Terroristen kam, „die man verrecken lassen soll“. Es habe viel Mühe gekostet, erinnert sich Hofrichter, den späteren Innenminister vor einem handfesten Streit zu bewahren.

1976 kehrte der Stuttgarter in die CDU-regierte Heimat zurück, in der Freunden mit DKP-Parteibuch das Lehramt versagt wurde und die einen Schauspieldirektor Peter Palitzsch nicht ertragen wollte und mit Claus Peymann „bestraft“ wurde. „Er war ein Glücksfall. Jede große Vorstellung und jede noch so kleine Lesung im Foyer waren sofort ausverkauft“, sagt Hofrichter. Das Theater sei „im besten Sinne politisch gewesen, weil es die Menschen erreichte“.

Der Geldtransporter

Die Gefühlslage vieler Künstler sei Mitgefühl mit den Gefangenen gewesen, etwa mit der krebskranken Katharina Hammerschmidt, der man im Gefängnis eine wirksame Behandlung versagte, aber auch mit den in Stammheim vorübergehend in Isolationshaft gehaltenen Terroristen. Die Sympathisantenszene traf sich im Club Voltaire, der Weinstube Widmer oder im Hahnenhof. Hofrichter sagt, man habe sich auf dünnem Eis bewegt, es habe immer die Gefahr bestanden, um praktische Hilfe gebeten zu werden. Einmal habe man ihn überredet, zwei Männer nach Waldenbuch zu chauffieren. In ihren Taschen, so hieß es später, habe sich jede Menge Bargeld befunden.

Drei Jahre lang hatte er unter Beobachtung gestanden, wie er 1979 erfuhr. Wegen des „Verdachts der Beihilfe zum Mord und Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung“ wurde ermittelt. Ein „Herr Kruse, Typ evangelischer Jugendpfarrer“, hatte ihn verdächtigt, die bis heute untergetauchte Friederike Krabbe zeitweise versteckt zu haben. Das BKA ließ sich aber überzeugen, dass Hofrichters Ex-Freundin der Terroristin ähnlich sah. Gewalt hielt der Zeitzeuge für ein untaugliches Mittel. Das hat er von Lenin, der 1920 schrieb: „Es ist ein Verbrechen, den Kampf aufzunehmen, wo es offensichtlich nicht für uns, sondern für den Gegner von Vorteil ist.“

Aug’ in Aug’ mit einem Terroristen

Unvergessen bleibt der Moment, als ihn der 2006 verstorbene Dramaturg Horst Brandstätter wegen eines „unangemeldeten Besuchs“ aus seiner Wohnung komplimentierte. Später habe er erfahren, es habe sich bei dem jungen Mann an der Tür um den Terroristen Willy-Peter Stoll gehandelt, der mit Brandstätter in Vaihingen in die Schule gegangen war. „Brandstätter versicherte mir, er habe Stoll damals nicht bei sich übernachten lassen.“

Hofrichter war Augenzeuge der Beerdigung von Ulrike Meinhof 1976 in Berlin-Alt-Mariendorf. 4500 Menschen machten daraus eine Demonstration. Die Beisetzung von Baader, Ensslin und Raspe auf dem Dornhaldenfriedhof empfand er als „zutiefst depressiv“: „1000 Menschen schwiegen, man hörte nur das Wiehern der Pferde im Wald.“ An diesem Tag brach er mit Claus Peymann, obwohl der Intendant zuvor einen Skandal provoziert hatte, als er auf einem Zettel am Schwarzen Brett um Spenden für die Zahnbehandlungen der Gefangenen bat. Hofrichter sagt, sie seien damals vom Theater nur zu dritt auf dem Dornhaldenfriedhof gewesen, keine Spur von Peymann und den Kollegen. Nach einigen Viertele im Murrhardter Hof habe er das Peymann in der Schaupiel-Kantine ins Gesicht gesagt. Doch die Versöhnung folgte zwei Jahre später.