Stuttgarter Technologiekonzern Backofen, Auto, E-Bike: So bringt Bosch KI in den Alltag

Hände weg vom Steuer: Das Auto findet sich in Stuttgart-Feuerbach selbst zurecht. Foto: Köster/STZN

Für Bosch-Chef Stefan Hartung ist Künstliche Intelligenz eine Zäsur in der Menschheitsgeschichte.

Automobilwirtschaft/Maschinenbau : Klaus Köster (kö)

Vorsichtig tastet sich das Auto der chinesischen Marke Exeed in die Kreuzung, hinter der eine belebte Geschäftsstraße beginnt. Rechts parken Autos, links steht ein Fußgänger, der die Straße überqueren will, von vorne nähert sich ein Radfahrer. Für ein selbstfahrendes Auto ist dies eine der schwierigsten Aufgaben – geht es doch darum, das Verhalten unterschiedlicher Verkehrsteilnehmer nicht nur in Echtzeit zu erfassen, sondern auch vorherzusagen.

 
Die Testfahrzeuge sind vollgestopft mit Technik. Ein Teil der Geräte ist für Entwicklungszwecke an Bord. In Serienfahrzeugen wird die Technik kaum Platz benötigen. Foto: Köster/STZN

In China sind Fahrzeuge, die sich sogar im dichten Stadtverkehr weitestgehend selbst steuern können, schon weit verbreitet – anders als in Europa, wo die Regeln strenger sind. Dabei hat diese Technik erhebliche Fortschritte gemacht, wie Testfahrten in Stuttgart-Feuerbach zeigen, wo der Bosch-Konzern seine neuesten Entwicklungen erprobt.

Schluss mit plötzlichen Bremsmanövern

Waren die Fahrzeuge früher auf maximale Vorsicht programmiert und blieben oft unvermittelt stehen, bewegen sie sich heute sehr viel sicherer durch den Verkehr. Dabei sorgte das autonome Fahren in der Branche jahrelang für Frust wie keine andere Technologie. Während Schlüsseltechnologien fürs E-Auto schneller vorankommen als erwartet, war die Entwicklung des autonomen Fahrens lange durch Rückschläge geprägt. Verkehrssituationen im städtischen Raum erwiesen sich als zu kompliziert für herkömmliche Algorithmen.

Doch diese Zeiten gehören der Vergangenheit an – die Wende kommt mit der Künstlichen Intelligenz (KI), die praktisch unbegrenzt Informationen sammeln und verwerten kann. „Nicht jeder Fortschritt bringt eine Zäsur, nicht jede Erfindung ist epochal“, sagt Bosch-Chef Stefan Hartung bei der Präsentation der KI-Entwicklungen seines Unternehmens. „Was wir derzeit jedoch bei der KI beobachten können, rechtfertigt nahezu jede sprachliche Zuspitzung.“

Die KI werde viel weiter reichende Veränderungen mit sich bringen als die Erfindung des Autos, des Flugzeugs, des Computers und des Internet. In der Menschheitsgeschichte sei sie am ehesten mit der Erfindung des Buchdrucks vergleichbar. Sie werde dazu führen, dass „wir zutiefst menschliche Kompetenzen wie Intelligenz und Kreativität mit Maschinen teilen“.

Ihr wahres Potenzial werde die Technologie aber weniger im virtuellen Raum zeigen, sondern dort, wo sie auf die physische Welt treffe – und somit auch bei Bosch.

Investment in Milliardenhöhe

Mehr als 2,5 Milliarden Euro investiert das Unternehmen bis Ende 2027 in die KI. Der Schwerpunkt liegt im Autobereich, wo Bosch noch immer fast zwei Drittel seines Umsatzes erzielt. Durch immer mehr Daten kann das Fahrzeug heute nicht nur zwischen Fußgängern, Autos und Hindernissen unterscheiden, sondern auch das wahrscheinliche Verhalten beweglicher Objekte vorhersagen.

Doch auch andere Bereiche sind von Bedeutung – die KI durchzieht das gesamte Unternehmen einschließlich der Produkte und der Arbeit der eigenen Beschäftigten.

  • Über 5000 Experten sind bei Bosch nur für das Thema KI zuständig – kein anderes Unternehmen hat in den vergangenen zwölf Jahren so viele Patente in diesem Bereich beim Europäischen Patentamt angemeldet.
  • In der industriellen Produktion soll KI Störungen minimieren. Bei Problemen durchforstet das System innerhalb von Sekunden sämtliche Handbücher und wertet bisher aufgetretene Störungen vergleichbarer Maschinen weltweit aus. Daraus leitet es präzise Lösungsvorschläge ab.
  • Auch Konsumgüter werden von KI durchzogen: In der Küche erkennt ein Backofen mit Kamera automatisch, welches Gericht zubereitet werden soll, und bestimmt Temperatur und Garmethode. E-Bikes analysieren die Strecke einschließlich Steigungen, um die Motorkraft so zu regulieren, dass die Batterie am Ende den gewünschten Ladestand aufweist.

Europa droht den Anschluss zu verlieren

In China ist der KI-Einsatz schon weit verbreitet – selbst in kleineren Autos. Die chinesische Marke Exeed zeigt, dass auch Bosch dort mit seiner KI-Technologie zumindest einen Fuß in der Tür hat. Gleichwohl äußert sich Hartung besorgt über Europas Wettbewerbsfähigkeit. Zwar sei es gut, dass die EU einheitliche Regeln für vertrauenswürdige KI einführen will. Allerdings mache eine Mischung aus umfangreicher Bürokratie und unklaren Vorgaben den Standort Europa für KI-Unternehmen weniger attraktiv.

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