Geboren in Filderstadt, also der Wiege des Turniers, sowie mit einer Wohnung am Spielort Stuttgart ist Laura Siegemund für die Rolle der Losfee ja geradezu prädestiniert. Also steht die 37-Jährige am Sonntag um die Mittagszeit auf dem Showcourt 2 in der Schleyerhalle an der Seite der Sportlichen Leiterin Anke Huber – und rührt ein paar orangefarbene Kugeln in einer Schüssel. Denn es gilt, die Spielpaarungen des Hauptfeldes beim Porsche Tennis Grand Prix auszulosen, also den sogenannten Turnierbaum zu erstellen.
Angeführt wird das Feld von der Weltranglistenersten Aryna Sabalenka und der zweifachen Turniersiegerin Iga Swiatek, den beiden klaren Favoritinnen im Hauptfeld des Einzels, das bis zum Finale am Ostermontag in der Porsche-Arena auf Sand ihre Beste ermittelt. Auch hier besitzt Siegemund, die in ihrem ersten Spiel der aktuellen Ausgabe im rein deutschen Duell auf Jule Niemeier treffen wird, die nötige Erfahrung: Schließlich stand sie im Neckarpark, wo auch diesmal acht Spielerinnen aus den Top Ten der Welt antreten, bereits zweimal im Endspiel. 2016 verlor sie noch gegen ihre Landsfrau Angelique Kerber; 2017 setzte sich die Lokalmatadorin dann mit ihrem Dreisatzerfolg gegen Kristina Mladenovic die Krone auf.
„Dieses Turnier ist immer etwas Besonderes für mich, Stuttgart ist meine Heimat. Hier können auch mal Freunde und Bekannte vorbeikommen und zuschauen“, sagt Laura Siegemund, die in Riedenberg wohnt, wenn sie nicht in Sachen Tennis durch die Welt jettet, oder bei ihrem Freund und Trainer Antonio Zucca auf Sardinien ist: „Durch meinen Sieg von 2017 habe ich natürlich auch sportlich eine ganz spezielle Beziehung zu dem Turnier.“
Es ist bis heute Siegemunds einziger Titelgewinn auf der WTA-Tour – im Einzel wohlgemerkt. Denn längst schon besitzt die 37-Jährige ein Faible für das Doppel, gewann hier 2020 die US Open und 2023 die WTA-Finals im mexikanischen Cancun – jeweils an der Seite ihrer russischen Partnerin Wera Swonarjowa.
Das Doppel holt den deutschen Ehrenpunkt
Vor dem Stuttgarter Grand Prix hatte Siegemund mit Anna-Lena Friedsam im niederländischen Den Haag im Doppel die Ehre gehabt. Als das Duo im zweiten Match gegen Großbritannien mit seinem Sieg gegen die Kombination Olivia Nicholls/Harriet Dart den Ehrenpunkt geholt hatte, da war das Kind für das Team des Deutschen Tennis-Bundes (DTB) um Kapitän Rainer Schüttler beim Billie Jean King Cup, dem ehemaligen Fedcup, bereits in den Brunnen gefallen.
Denn durch das 0:3 gegen die Niederlande und das 1:2 gegen die Britinnen hat die DTB-Auswahl mit dem Doppel Siegmund/Friedsam und den Einzelspielerinnen Jule Niemeier und Tatjana Maria, die jeweils beide Matches verloren, sowie der von einer Erkältung ausgebremsten Eva Lys die Endrunde des Cups im Eiltempo verpasst. Im November geht es gegen den Abstieg aus der Weltgruppe.
Zunächst aber kämpft das deutsche Quartett Niemeier, Maria, Siegemund und Lys als Solistinnen in Stuttgart um wertvolle Weltranglistenpunkte. Dass die vier überhaupt in dem Topfeld mitmischen können, haben sie den Veranstaltern um Turnierchef Markus Günthardt zu verdanken, die sämtliche vier zur Verfügung stehenden Wildcards in die Hände der Deutschen gaben. Auch, weil ein Grand Prix ohne deutsche Note nicht denkbar ist. Zwar ist Eva Lys als 68. der Welt die beste nationale Spielerin – doch diese Platzierung hätte bei Weitem nicht fürs Hauptfeld gereicht.
Zwei starke Ergebnisse bei den Grand Slams
„Jule und Eva haben sich im Welttennis etabliert, sodass wir jetzt schon größere Ergebnisse von ihnen sehen können“, sagt Siegemund. Phasenweise hat das Duo sein Können auf der ganz großen Bühne aufblitzen lassen: So spielte sich Niemeier 2022 in Wimbledon bis ins Viertelfinale vor, wo sie gegen Tatjana Maria verlor. Auch Eva Lys ließ aufhorchen, als sie es Anfang des Jahres als Lucky Loser bei den Australian Open bis ins Achtelfinale brachte.
Doch es bleibt bei den Wellenbewegungen im deutschen Tennis: Nach der Hochphase mit Steffi Graf, Anke Huber und Claudia Kohde-Kilsch folgte die zweite mit Angelique Kerber, Andrea Petkovic, Julia Görges und Sabine Lisicki. 2014 stand man in Prag im letztlich verlorenen Finale des Fedcup; jetzt gilt es kleinere Brötchen zu backen.
„Natürlich haben wir uns den Billie Jean King Cup sportlich ganz anders vorgestellt“, sagt Laura Siegemund: „Aber die Vibes im Team stimmen. Es gibt keinen Zickenkrieg, wir unterstützen uns.“ Mit jeweils 37 Jahren stehen Siegemund und die zweifache Mutter Tatjana Maria, die bereits vor zwanzig Jahren erstmals beim Porsche Tennis Grand Prix aufschlug, nicht mehr für die Zukunft des deutschen Tennis.
„In einem Feld mit solch einem Niveau antreten zu dürfen ist das Beste, das einem als Spielerin passieren kann“, sagt Eva Lys, die mit 23 Jahren die jüngste des deutschen Quartetts von Stuttgart ist. Im Nationalteam hatte die Hamburgerin erkältet nicht spielen können, ist jetzt aber wieder fit – und sorgt sich nicht um die Zukunft des deutschen Tennis: „Wir haben ein paar starke Mädels, die es nach vorne schaffen können. Es gibt gerade einen Generationswechsel im Tennis. Doch um erfolgreich zu sein, braucht es auch Erfahrung. Und die sammelt man hier.“