Bürokratie in Stuttgart Traditionsladen im Stuttgarter Westen in Gefahr
Die Reihe der zügellosen Bürokratie setzt sich fort: Von den Verboten der Blumenkübel übers Nachbarschaftsbänkle hin zu einem aktuellen Fall, der im Westen spielt.
Die Reihe der zügellosen Bürokratie setzt sich fort: Von den Verboten der Blumenkübel übers Nachbarschaftsbänkle hin zu einem aktuellen Fall, der im Westen spielt.
Feinkost Fischer in der Gaußstraße gibt es nunmehr seit 1933 im Westen. Doch die Wurzeln gehen bis ins Jahr 1902 zurück, damals begann die Firmengeschichte als Milchlädle an der Ecke Alexander-/Blumenstraße. Doch im Jahr 2022 ist womöglich das Ende des Traditionsgeschäftes eingeläutet. „Man resigniert“, sagt Manuela Fischer, „wenn man nur Prügel zwischen die Beine bekommt, hat man es als Kleiner schwer.“ Mit Prügel meint sie auch die Bürokratie der Stadt mit all ihren Anforderungen. „Die Großen haben dafür eigene Abteilungen“, klagt die Einzelhändlerin, „aber ich muss solche Dinge immer an den Wochenenden machen.“ All das hat sie jedoch bisher mit der Passion einer Kauffrau und der Liebe für das Familienunternehmen weggesteckt. Bis zuletzt, da traf sie und ihren Mann Andreas eine Mitteilung der Stadt Stuttgart wie ein Donnerschlag. Inhalt des Schreibens: die Konzession für den Lebensmittelladen sei erloschen.
Ausschlaggebend war eigentlich eine Formalie. Denn die Fischers hatten den Laden bereits 1999 vom Vater übernommen. Aber erst jetzt von Manfred auf Andreas Fischer umgeschrieben. Das rief die Verwaltung auf den Plan, die dem Feinkostladen daraufhin die Konzession entzogen hatte. Mit dem Entzug sei auch das Recht erloschen, zwei kleine Ständer vor dem Laden aufzustellen. 22 Jahre lang haben die Fischers dort Obst und Gemüse drapiert. 22 Jahre hatte sich daran niemand gestört. Nicht einmal die sehbehinderten oder blinden Menschen der nah gelegenen Nikolauspflege. Auch sie kamen ohne Mühe an der Obst- und Gemüseauslage vorbei. Daher verstehen Manuela und Andreas Fischer die Welt nicht mehr. Denn auch die Möglichkeit, die Konzession zurückzuerlangen halten sie für unmöglich. Wollten sie weiterhin eine Konzession, müssten sie diese für 76 Euro neu beantragen. Allerdings: Der Antrag müsse mit einem Luftbild sowie einem Plan vom Stadtplanungsamt im Maßstab 1:500 sowie einem Plan der Ständer versehen sein. „Das kommt für uns überhaupt nicht in Frage“, sagt Manuela Fischer und ergänzt: „Vielleicht ist die Verwaltung auf Grundlagen der Gesetze im Recht, aber moralisch ist sie es ganz sicher nicht.“
Auch die Kunden verstehen diese Aktion der Stadt nicht. Denn der kleine Lebensmittelladen ist eine der letzten Möglichkeiten, sich in diesem Gebiet des Stuttgarter Westens fußläufig mit Produkten des täglichen Bedarfs zu versorgen. „Wir sind tatsächlich der letzte Überlebende hier“, bestätigt Manuela Fischer. Hier im Westen sei es wie überall in den Bezirken. Die fußläufige Nahversorgung ist eines der größten Probleme der Stadt. Und nicht nur das: Die Stadt ist im Sinne der kommunalen Daseinsvorsorge dazu verpflichtet, für die Nahversorgung der Bürger zu sorgen.
Doch wenn es so weitergeht, schließt Feinkost Fischer früher für immer seine Ladentür, als es jedem Recht wäre. Denn das Sein oder Nichtsein der kleinen Obst- und Gemüseständer hat große Wirkung. „Die Kunden sind es gewohnt, dass dort etwas steht. Nun denken sie, wir haben geschlossen“, sagt Manuela Fischer. Mehr noch: Auch die Gelegenheitskäufe fallen so weg. Zusammen genommen ergibt sich so über die Zeit eine beträchtliche Umsatzeinbuße. Fehlendes Geld, das in Zeiten der Wirtschafts- und Energiekrise mehr schmerzt als je zuvor.
Zudem wundert sich die Familie Fischer, wie die Stadtverwaltung mit ihren eigenen Ressourcen umgeht. Täglich seien die Schlangen vor der Ausländerbehörde zu sehen, weil angeblich Personal und damit die Zeit für einen zügige Bearbeitung der Bürgeranliegen fehle. Auch die Klagen über die fast zweijährige Bearbeitung von Baurechtsanträgen oder die Missstände an der Zulassungsstelle würden nicht abreißen. Sie selbst habe das Chaos am eigenen Leib erfahren. „Weil mein Ausweis abgelaufen war, musste ich nach Botnang, weil das zuständige Bürgerbüro im Westen schon lange geschlossen ist“, berichtet sie mit Empörung. Denn selbst ihr Erscheinen dort um sechs Uhr in der Früh war zu spät. „Als ich kam, waren alle zehn Nummern, die pro Tag vergeben werden, schon vergriffen“, sagt sie, „ich musste zu einem Bürgerbüro hinterm ehemaligen Ufa-Palast.“
Sie, ihre Familie, aber auch viele Kunden fragen sich nun: „Wieso funktionieren die einfachsten Dinge in dieser Verwaltung nicht mehr.“ Und sie fragen sich: „Warum wiederholt sich das immer wieder.“ Damit gemeint sind ganz ähnliche Fälle, die diesem gleichen. Etwa das Verbot von Pflanzkübeln im Bohnenviertel, die Jahre lang dort stehen durften und plötzlich eine Gefahr darstellten. Oder der Eklat um das Nachbarschaftsbänkle im Westen. Immer wieder werde die Stadt in solchen Fällen aktiv, binde Personal und zieht den Ärger der Bürgerschaft auf sich. Erst als eine breite Öffentlichkeit durch die Berichterstattung dieser Zeitung davon erfahren hatte, gab es ein Einlenken der Verwaltung.
Darauf hoffen nun auch Manuela und Andreas Fischer. Allerdings bleibt eine gewisse Ungewissheit. Denn die Stadtverwaltung hat auf Anfrage dieser Zeitung keine Stellung zu diesem Fall bezogen.