Stuttgarter überwintert in der Antarktis Ganz tief im Süden

Von Jürgen Löhle 

Daniel Noll aus Sillenbuch überwintert mit elf Kollegen in der Forschungsstation Neumayer III in der Antarktis. Wir berichten in loser Folge über das Leben und Arbeiten im ewigen Eis. Teil 1 – die Ankunft.

Faszinierende Lichter der Nacht: Über der deutschen Forschungsstation  geht im antarktischen Winter von Mitte  Mai an monatelang die Sonne  nicht mehr auf. Foto: Christmann 7 Bilder
Faszinierende Lichter der Nacht: Über der deutschen Forschungsstation geht im antarktischen Winter von Mitte Mai an monatelang die Sonne nicht mehr auf. Foto: Christmann

Stuttgart - Noch eine Stunde bis zur Landung, bitte ziehen sie jetzt ihre Polarkleidung an.“ Es ist kurz vor Weihnachten 2016 als Daniel Noll gegen den Lärm der Flugzeugmotoren diese Durchsage hört. Noch eine Stunde also bis zum Ziel, 60 Minuten Warten, dann endet für den 29-jährigen aus Sillenbuch die monatelange Vorbereitung und beginnt das Abenteuer einer Überwinterung in der Antarktis. Noll sitzt mit elf Kollegen in einer mit Kufen ausgestatteten, umgebauten DC 3 auf der letzten 800 Kilometer langen Etappe zum Ziel Forschungsstation Neumayer III. Es geht westwärts, rechts sieht man die Schelfeiskante, links die eisbedeckten Berge.

Noll steht auf, sucht sein sorgsam gepacktes Polaroutfit und zieht sich um. Routine, oft geübt, wie auch das Verhalten im ewigen Eis, dass die Crew auf dem Taschachferner im Tiroler Pitztal im Sommer 2016 trainiert hat. Jetzt ist es also soweit, das Ende einer langen Anreise in Sicht. Erst ging es von Frankfurt nach Kapstadt, dann in einer Iljuschin 4200 Kilometer weiter in Richtung Süden zur russischen Antarktis-Station mit dem unaussprechlichen Namen Novolazarevskaya, die man international deshalb schlicht „Novo“ nennt. Und jetzt also das Finale.

Landung im antarktischen Hochsommer

Eine Stunde später Landung knapp 500 Meter von der Neumayer-Station entfernt. Noll und seine Kollegen stehen dick eingepackt am Ausgang des Fliegers. Draußen strahlt die Sonne aus einem tiefblauem Himmel. Die Tür geht auf. „Und dann wurde es mir ganz schnell warm“, erzählt Noll lachend. Null Grad, kein Wind und volle Sonne. Willkommen im antarktischen Hochsommer. Draußen stehen die Vorgängercrew und Gäste der Station in normalen Jacken und begrüßen die Neuen, die bald alleine sein werden und erst im Februar 2018 wieder zurück fliegen.

Einzug in die Station, die jetzt für mehr als ein Jahr die Heimat des Stuttgarters sein wird. Noll hat nach dem Abitur am Geschwister-Scholl-Gymnasium an der Uni Stuttgart Elektrotechnik und Informationstechnik studiert und besitzt zudem ein Lizenz als Berufspilot. Auf die Idee sich auf den Job im ewigen Eis zu bewerben, kam er durch eine Sendung im Fernsehen. Später hat er sich dann in einem Bewerberverfahren durchgesetzt und gehört jetzt zu den zwölf Menschen, die auf der Station den antarktischen Winter verbringen werden. Auf Noll wartet von Mitte Mai an die Polarnacht mit tagelangen Stürmen, Temperaturen bis zu Minus 50 Grad und der psychische Stress, dass man, bis es Mitte Oktober wieder langsam heller wird, von der Außenwelt abgeschnitten ist. Neumayer III ist in der Polarnacht weder über den Seeweg noch über die Luft erreichbar.

Die große Einsamkeit – und Pinguine

Am 27. Februar haben die Vorgängerwintercrew und die letzten Sommergäste die Station verlassen. „Jetzt ist es schon deutlich ruhiger hier“, sagt Noll. Mit ihm werden vier Wissenschaftler, zwei Ingenieure, ein Koch, ein Arzt und eine dreiköpfige Filmcrew, die eine Dokumentation über Pinguine dreht, auf Neumayer III überwintern.

Daniel Noll wird in den kommenden Monaten so etwas wie das Tor der Station zur Heimat sein. Der Informatiker ist zuständig für die Server der Station, die Telefonkanäle und den gesamten Mailverkehr. Zudem überwacht er die Funktion der Elektronik in den Observatorien und versorgt seine Kollegen über digitale Abos mit Informationen aus dem Rest der Welt. „Ich bin also mehr drin als draußen“, sagt er.

Aber natürlich nicht nur. Erkundigungen der Umgebung gehören auch für ihn dazu. Entweder mit dem Motorschlitten oder auch zu Fuß – und natürlich immer zu zweit, da selbst bei gutem Wetter die Orientierung im ewigen Weiß nicht so einfach ist. „Man kann hier stundenlang in eine Richtung gehen, ohne dass sich etwas ändert“, beschreibt er seine ersten Eindrücke. Vor allem beeindruckt ihn „die absolute Stille“ der Antarktis. „Du hörst deinen eigenen Atem, das Knirschen der Schritte – sonst ist es ruhig“, sagt er. Optischen Kontakt gibt es, wenn überhaupt, zu den Pinguinen, denen er sich aus Tierschutzgründen nicht zu sehr nähern sollte, die aber manchmal ganz nahe an die Station kommen.

Von Mai an ist es monatelang dunkel

Jetzt rückt der Winter langsam näher. Während zu Hause die Tage länger werden, geht es in der Antarktis auf die Polarnacht zu. So warm wie bei seiner Ankunft wird es Daniel Noll außerhalb der Station wohl lange nicht mehr werden. Noch ist für ihn vieles neu. Zeit etwas zu vermissen, hat er wenig. Die Fliegerei, die fehlt ihm. Auch der Kontakt zur Familie zu Hause und eben mal auf einen Snack zum türkischen oder asiatischen Imbiss – das hätte er doch gerne mehr, wobei der nächste Döner ein paar Tausend Kilometer entfernt ist.

Noch gibt es frisches Obst und Gemüse, das man im Januar vom Versorgungsschiff Polarstern mit Motorschlitten auf die Neumayer gebracht hat. „Irgendwann im Winter geht das aber aus“, sagt Noll. Und die große Stille draußen wird weichen, wenn die Stürme heulen, die hier oft tagelang toben. Trotzdem ist Noll auf die lange Dunkelheit und die Ruhe der Wintermonate gespannt. Sorge vor einem Lagerkoller hat er aber nicht. „Ich habe mein Akkordeon dabei und will eine Sprache lernen“, sagt er.

Wir werden uns immer wieder via Satellit erkundigen, wie es ihm so geht an einem der südlichsten Arbeitsplätze der Welt.




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