Stuttgarter Verein Just human Menschlichkeit hat keine Grenzen

Atish– hier zu Gast im Württembergischen Kunstverein – lebt mittlerweile in Frankfurt, hat eine Aufenthaltserlaubnis und will Kunst studieren. Foto: Julian Rettig

Der Verein „Just Human“ hilft seit fünf Jahren weltweit Verfolgten und Geflüchteten wie Atish aus dem Iran – vor allem Frauen, Mädchen und Mitgliedern der Regenbogen-Community. Atish aus dem Iran hat sich so ein eigenes Leben aufbauen können.

„Ihr seid meine Familie, Katja Walterscheid, du, all die anderen ...“ Atish lächelt Elka Edelkott an, die Vorstandsvorsitzende von Just Human. Mit Familie meint er die Menschen, die sich dort engagieren. Der Stuttgarter Verein setzt sich für Menschen in aller Welt ein, die von Krieg, Gewalt, politischer oder persönlicher Verfolgung, Ausbeutung, strukturellen Fluchtursachen oder wirtschaftlicher Not betroffen sind. Seit 2015 als Hilfsinitiative, seit fünf Jahren als Verein, um handlungsfähiger zu sein: Der Geburtstag wurde im Württembergischen Kunstverein gefeiert, am Wochenende nimmt „Just Human“ an der Pride Parade des Christopher Street Day teil. „Beim CSD sind wir mit Infostand und Tuk Tuk Tours“, freut sich Elka Edelkott. Die Tuk Tuks gehören der Marbacher Unternehmerin Christa Schultheiß, sie unterstützt Just Human.

 

Bei den Menschenrechten der LGBTTIQ*-Community registriert der Verein Rückschritte

Deren Prämisse lautet „Menschlichkeit ist grenzenlos“. „Ein Schwerpunkt unserer Arbeit sind Frauen und Mädchen sowie Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender, Transsexuelle und Intersexuelle“, sagt Edelkott. Die Menschenrechte der LGBTTIQ*-Community würden an vielen Orten der Welt missachtet. „Es gibt leider Rückschritte!“ In Uganda etwa wurde das Gesetz gegen Homosexuelle im Mai verschärft, die Todesstrafe droht. Im Iran ist Homosexualität verboten. Dort wird schwulen Männern geraten, entweder eine Geschlechtsumwandlung zu machen oder das Land zu verlassen. Das thematisiert die Dokumention „Be Like Others“ der in New York lebenden iranischen Filmemacherin Tanaz Eshaghian. Vor 2008 sollen im Iran die zweitmeisten Geschlechtsangleichungen weltweit durchgeführt worden sein – vor Thailand. Indes: Es gilt als psychische Störung, wird in offiziellen Dokumenten notiert, kann bei Kontrollen Folgen haben.

Atish wurde im Iran geboren, als Junge. Aber seine/ihre Eltern konnten mit Diversität nicht umgehen. „Strenggläubige Moslems! Sie akzeptierten mich nicht“, sagt die nun 22-jährige Person. „Stigmatisierung, Schikane, so konnte ich nicht existieren.“ Ein Drittel ihres Lebens war Atish auf der Flucht. Mit 14 verließ sie die Heimat, ging mit dem damaligen, älteren Freund „tagelang zu Fuß“ in die Türkei, um „am Leben zu bleiben“ – und zu lieben, wie sie wollte. In Istanbul arbeiteten die beiden schwarz, das winzige Apartment war teuer. „Von Geflüchtete und Illegale verlangen sie höhere Preise“, sagt Atish. Als dann die Türkei ab 2018 zunehmend in den Iran abschob, machten sich die beiden auf nach Griechenland – auf einem kleinen überfüllten Boot. „45 Leute! Du hast Angst, gleichzeitig treibt dich die Hoffnung an – auf ein besseres Leben in einem sicheren Land.“

Der Umzug in einen Schutzraum von Just human brachte die Wende

Nach dem Camp in Alexandroupolis folgte ein übervolles Sammellager in Athen. „Dort zeigte man besser nicht, dass man queer ist“, sagt Atish. Dass sie damals noch minderjährig war, sorgte für bürokratisches Chaos. Die Behörden waren nur eine Stunde pro Woche zu erreichen. „Die Registrierung kann ein Jahr dauern.“ Emotional schwer war, dass Atishs Freund sich trennte, 2019 nach England ging. „lch war allein, depressiv, hatte nichts, mir ging es körperlich und psychisch schlecht.“ Dann traf sie einen Landsmann, der sich bei „Just Human“ in Athen engagiert. Endlich wieder in der Muttersprache Farsi sprechen – und ohne Vorurteile angenommen werden. Als Atish volljährig wurde, konnte sie in einen Schutzraum von Just Human umziehen.

„Wir kooperieren mit NGOs und Strukturen vor Ort, mit Geflüchteten, die bereits Fuß gefasst haben. Wir springen überall da ein, wo etwas fehlt, unterstützen Menschen und Projekte, die von anderen Menschen oder Institutionen keine oder nicht genug Unterstützung erhalten. Spenden und Beiträge von Fördermitgliedern fließen zu 100 Prozent weiter“, erklärt Edelkott. Das kann in Form von Windeln und Medikamenten sein, aber auch als Anwaltshonorar. Es gibt auch Hilfe bei Behördengängen, Beratung und Räume für vulnerable Gruppen. So unterstützt Just Human etwa das Safe House Bredasdorp in Südafrika – es ist für Frauen und Mädchen, die häuslicher und sexueller Gewalt ausgesetzt sind. Zwei Schutzhäuser hat der Verein in Griechenland – mit Wohnungen für Frauen mit Kindern und drei Zimmern für LGBTQ-Personen. „150 Euro kostet ungefähr ein Raum monatlich“, sagt die Systemische Beraterin. Dazu konnte Atish beitragen.

Aus den kubistisch gestalteten Motiven wird ein Kalender

Um Geld zu verdienen, hatte sie begonnen, T-Shirts und Taschen zu bemalen – etwa mit kubistisch gestalteten Gesichtern von Menschen und Katzen – und in Athen zu verkaufen. „Just Human“ vermittelte die Unikate in Deutschland. Der Stuttgarter Kabarettist und Anstifter Peter Grohmann habe sich als einer der ersten ein Shirt geholt, sagt Edelkott. Auch über die „Künstler:innensoforthilfe“ habe man Atish unterstützen können. Zum Jubiläum entsteht ein Kalender mit den Werken. Die Kunstschaffende gab mehrfach Textilworkshops in Stuttgart, lebt nun in Frankfurt, hat eine Aufenthaltserlaubnis. „Ich will Kunst studieren. Das hätte ich nie geschafft ohne Just Human!“

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