Niedrige Renten, hohe Mieten, steigende Preise: Im Alter reicht vielen Menschen das Geld nicht mehr. Wenn Gudrun Nopper mit dem Verein Stille Not zu Kaffee, Kuchen und Kultur einlädt, strömen die Bedürftigen und stellen sich anderthalb Stunden davor an.

Stadtleben/Stadtkultur: Uwe Bogen (ubo)

Nicht nur an den langen Schlangen vor den Tafelläden sieht man: In der reichen Stadt Stuttgart herrscht Armut. „Es trifft zunehmend Menschen, die das ganze Leben lang hart gearbeitet haben“, sagt Gudrun Nopper, die Vorsitzende des Vereins Stille Not, „die Renten bleiben niedrig, doch die Mieten steigen, und auch beim Einkaufen wird alles immer teurer.“

 

Der Traum vom schönen Lebensabend erfüllt sich für viele damit nicht. Wer keinen eigenen Wohnraum besitzt, muss oftmals so hohe Summen für die Miete aufbringen, dass dafür ein Großteil der Rente draufgeht.

Unter den Gästen bei der Einladung des Vereins Stille Not zu Kaffee, Kuchen und Kultur im Hotel Royal befindet sich eine Dame, die über 40 Jahre lang gearbeitet und Sozialbeiträge gezahlt hat, sich aber angesichts der Miete bei niedrig bleibender Rente nicht mal den Besuch beim Friseur leisten kann – auch Kultur, ob Theater, Kino oder Konzert, ist für sie zum Luxus geworden. „Hätte ich mir früher nur eine Wohnung gekauft“, sagt die Dame heute, dann, so meint sie, wäre sie nicht sozial abgerutscht im Alter.

Die Schauspielerin Monika Hirschle liest aus dem Buch „Stuttgart – Kleine Geheimnisse einer großen Stadt“ /Klaus Schnaidt

Gudrun Nopper hat den Verein im April 2021 gegründet

Laut Statistischem Bundesamt waren 2024 in Deutschland 3,5 Millionen Rentnerinnen und Rentner armutsgefährdet – das sind etwa 19,4 Prozent, so viele wie noch nie. Das bedeutet: Jeder Fünfte ist betroffen.

Vor vier Jahren hat Gudrun Nopper, die Frau des Stuttgarter OB Frank Nopper, den Verein Stille Not gegründet. Etwa alle zwei Monate organisiert sie ein Treffen für Bedürftige im Seniorenalter. Längst hat sich herumgesprochen, wie schön diese Nachmittage sind (manchmal auch Abende etwa im Musical oder im Varieté). Anderthalb Stunden, bevor das Programm im Hotel Royal beginnt, bildet sich eine Schlange am Eingang, die immer länger wird. Die Gäste wissen: Nach Kaffee, Kuchen und Kultur gibt’s Geschenktüten, die Frau Nopper mit der Unterstützung von Sponsoren füllt.

An diesem Nachmittag singt die Sopranistin Marit Bonerewitz, begleitet von dem Pianisten Maximilian Straßer, deutsches Liedgut mit über 100 Bedürftigen. Es sind so viele gekommen, dass die Stühle nicht reichen – schnell werden weitere aus Nebenräumen geholt. Man sitzt dicht an dicht.

Die Schauspielerin und Autorin Monika Hirschle, die kürzlich mit dem Sebastian-Blau-Ehrenpreis, dem „schwäbischen Oscar“, geehrt worden ist, liest aus dem Buch „Stuttgart – Kleine Geheimnisse einer großen Stadt“ und präsentiert Ausschnitte aus ihrem Soloprogramm. Die Gäste sind begeistert – freuen sich etwa, als es um die frühere Schokoladen-Hochburg Stuttgart geht, um Eszet-Schnitten und Waldbaur-Katzenzungen. Da kommen Erinnerungen hoch! Am 21. März feiert der Publikumsliebling der Komödie im Marquardt ebendort Premiere von „Häberle und Pfleiderer“ – die „Moni“, wie sie alle nennen, übernimmt die Rolle des Willy Reichert. Eine Herausforderung schon für einen Mann – und erst recht als Frau!

Die Sopranistin Marit Bonerewitz singt für über 100 Seniorinnen und Senioren. Foto:  /Klaus Schnaidt

Elisa Kafritsas, bekannt aus der Vox-Sendung „The Piano“, spielt eigene Stücke. An diesem Nachmittag gibt es viel zu lachen, zu träumen, zum Mitsingen – für die Seniorinnen und Senioren ist dies ein willkommener Anlass, die Sorgen des Alltags zu vergessen. Gudrun Nopper organisiert mithilfe von Sponsoren und Spendern Besuche in verschiedenen Kultureinrichtungen, aber auch beim Frühlingsfest oder dem Weltweihnachtscircus auf dem Wasen – eben all das, was sich viele nicht mehr leisten können.

Um Menschen, die am Rand stehen und ohne Geld auf vieles verzichten müssen, kümmert sich der Verein Stille Not. Denn die wohlhabende Stadt Stuttgart wird dann zur solidarischen Stadt, wenn sich Menschen, denen es gut geht, sich um Menschen kümmern, die kämpfen müssen.