Stuttgarter Verlagsgemeinschaft UTB Die roten Taschenbücher feiern Jubiläum

Insgesamt 6000 Titel umfasst das Verlagsprogramm. Foto: Susanne Ziegler

In den roten Universitäts-Taschenbüchern lebt ein rebellischer Impuls. Seit fünfzig Jahren trotzt die Stuttgarter Verlagsgemeinschaft UTB den großen Konzernen.

Kultur: Stefan Kister (kir)

Stuttgart - Zuletzt war die Stimmung am Verlagsstandort Stuttgart eher getrübt. Erst verabschiedete sich der große Zwischenhändler KNV in die Insolvenz, dann verließ mit J. B. Metzler der älteste Verlag die Stadt, und Steinkopf, die älteste Buchhandlung, musste den Standort in der City räumen. Doch es geht auch anders. Seit einem halben Jahrhundert trotzt ein rotes Widerstandsnest der ökonomischen Unterwerfungslogik der großen Konzerne. Rot ist die Farbe der handlichen Taschenbücher, mit denen die Stuttgarter Verlagsgemeinschaft UTB den Lehrbuch-Markt revolutioniert hat.

 

Teure Schwarten wurden mit einem Mal für Studierende erschwinglich, und dass diese Farbe mit Bedacht gewählt wurde, darauf weist das Gründungsdatum 1970 im Strudel des Reformprozesses, der von dem großen gesellschaftlichen Aufbruch zwei Jahre zuvor ausgelöst worden war. Auch die Verlagswelt wurde von dem Beben der Utopie erfasst. Bei Suhrkamp rebellierten die Lektoren, auf der Buchmesse wurde gegen die Patriarchen des Gewerbes protestiert, Mitbestimmung war die Losung der Stunde – und das Taschenbuch das Medium zur Demokratisierung der Bildung.

Chance für die kleinen Verlage

Die größeren Verlage hatten begonnen, die Wissenschaft in das kleinere Format zu bringen, Suhrkamp, Ullstein, Rowohlt, Fischer. Die mittelständischen Häuser mussten befürchten, da nicht mithalten zu können. Da kamen die beiden Stuttgarter Verleger Wulf D. von Lucius und Roland Ulmer auf die Idee einer Kooperation, um in den theoriehungrigen Zeiten eine verlagsübergreifende Wissenschaftsreihe auf die Beine zu stellen. Elf Gründungsverlage sammelten sich unter dem Dach der Uni-Taschenbücher, kurz UTB. Und schon wenig später konnte das erste Programm mit 14 Büchern an den Start gehen. Mehr als 6000 Titel wurden seitdem veröffentlicht.

Im Programm findet sich auch ein Standardwerk zur Verlagswirtschaft von Wulf D. von Lucius. Die Gründer scheinen jedenfalls alles richtig gemacht zu haben. Während andere ihre Eigenständigkeit unter dem Dach großer Konzerne eingebüßt haben, können die UTB-Verlage gemeinsam stemmen, womit jeder für sich überfordert wäre. „Wir sind die Alternative“, sagt der Geschäftsführer Jörg Platiel, „UTB ist ein Sammelbecken, das den Kleinen eine Chance gibt, dynamisch am Markt mitzugehen.“ Galt dies in den Anfangszeiten vor allem für die Bereitstellung eines konkurrenzfähigen Vertriebsnetzes, so gilt es heute für die gewaltige Herausforderung einer digitalen Infrastruktur. „Wenn man UTB nicht vor fünfzig Jahren erfunden hätte, dann müsste man sie dringend jetzt erfinden.“

Anatomischer Bestseller

Der genossenschaftliche Gedanke gehört bis heute zum Wesenskern der Verlagsgemeinschaft, die am Vaihinger Bahnhof ihren Sitz hat. „Wir bieten ein Modell für kleine Verlage, die dem Monopolisierungsdruck nicht nachgeben wollen“, sagt Matthias Ulmer, der die Geschäfte seines Vaters im Ulmer-Verlag weiterführt. „Als Schwarm haben wir eine Chance gegen die anderen – man muss nur Mut haben.“

Man hört in diesem Jahr nicht gerade häufig, dass die Geschäfte in einer Branche, die nicht unbedingt zu den krisenfestesten zählt, bisher ganz erfreulich verlaufen wären. Doch UTB scheint von dem Digitalboom zu profitieren. „Die Studenten sitzen alle zu Hause, da brauchen sie gut aufbereitetes digitales Material“, sagt Jörg Platiel. Jedes gedruckte Buch wird mittlerweile auch als E-Book angeboten. Interessanterweise hat in diesem Jahr aber auch Print Konjunktur. Zuletzt waren regelmäßig leichte Rückgänge zu verzeichnen. Zum ersten Mal seit sieben Jahren kann ein ordentliches Plus im Printbereich verzeichnet werden. „Möglicherweise haben die Leute, die den ganzen Tag hinter dem Bildschirm sitzen, abends einfach Lust, etwas in die Hand zunehmen“, vermutet der Geschäftsführer.

Auch im Reich der roten Bände gibt es Bestseller, die sich durch die Zeit behauptet haben. Das „Arbeitsbuch zum Neuen Testament“ zählt dazu, oder Umberto Ecos „Wie man eine wissenschaftliche Abschlussarbeit scheibt“. Aber der UTB-Band Nummer 13 aus dem Ulmer-Verlag stellt alles in den Schatten: Er wurde vor 49 Jahren erstmals veröffentlicht und erscheint mittlerweile in der 15. Auflage: „Anatomie und Physiologie der Haustiere“. Klar, Anatomie geht immer.

Neugründungen statt müder Platzhirsche

Vor Kurzem gab es eine besorgte Anfrage der SPD-Gemeinderatsfraktion zur Lage der Verlage und des Buchhandels in Stuttgart. Matthias Ulmer sieht die Situation eher gelassen. „Es ist nicht das Vitalste, was uns da verlässt“, kommentiert er die Abwanderung manch ehrwürdigen Namens. „Wir haben viele junge Verlage, mit einem dynamischen Programm, die machen richtig gute Arbeit. Die Politik sollte sich besser die Frage stellen, wie sie Neugründungen unterstützen kann, statt sich damit zu beschäftigen, arrivierte Verlage in Stuttgart zu halten.“

Kann man jungen Leuten in diesen Zeiten den Schritt in das Verlagswesen empfehlen? „Absolut“, meint Jörg Platiel. „Man muss flexibel sein und sich etwas einfallen lassen, dann kann man in diesem Bereich sehr viel bewegen.“ Und Matthias Ulmer ergänzt: „Um reich zu werden, ist das vielleicht nicht der beste Weg. Aber wenn Sie etwas Sinnstiftendes und Erfüllendes machen wollen, gibt es kaum eine Branche, die bessere Möglichkeiten bietet.“

Stuttgarter Verlagswesen

Geschichte Verlegerfamilien wie die Cottas, Steinkopfs, Metzlers, Franckhs und Hallbergers haben Stuttgart im 19. Jahrhundert neben Leipzig und Frankfurt zu einer der führenden deutschsprachigen Verlagsstädte gemacht. Auch in der Weimarer Republik gehörte Stuttgart – nach Berlin und Leipzig und mit München – zu den führenden Städten belletristischer Verlage.

Buchproduktion Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen viele Verlage aus dem Osten. 1954 waren 180 Buchverlage in Stuttgart tätig. Dazu gehörte etwa der Reclam-Verlag, heute in Ditzingen. Schwerpunkte der Buchproduktion liegen im wissenschaftlichen und Fachbuch-Bereich. Die Stuttgarter Klett-Gruppe, zu der der Belletristik-Verlag Klett-Cotta gehört, ist einer der größten Verlagsbetriebe für Bildungsdienstleistungen.

Schwund In den letzten Jahren ist die Zahl der Verlage kontinuierlich gesunken. Hatten 1992 noch 142 Häuser ihren Sitz in Stuttgart, waren es nach Angaben des Börsenvereins 2019 nur noch 71. Damit hat Stuttgart den lange behaupteten dritten Platz unter den wichtigsten Verlagsstandorten eingebüßt. Es liegt nun hinter Berlin mit 152, München mit 107 und Hamburg mit 75 Verlagen.

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