Stuttgarter Vesperkirchen-Bilanz Gravierende Spuren der Armut

Von Martin Haar 

Die 22. Vesperkirche in Stuttgart geht am Samstag zu Ende. Diakonie-Pfarrerin Karin Ott zieht eine zwiespältige Bilanz. Einerseits freut sie die gesellschaftliche Unterstützung, andererseits ist betrübt: „Die Schere zwischen Arm und Reich in der Stadt geht immer weiter auseinander.“

610 warme Mahlzeiten werden in der Vesperkirche im Schnitt pro Tag ausgegeben. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth
610 warme Mahlzeiten werden in der Vesperkirche im Schnitt pro Tag ausgegeben. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Stuttgart - Sieben Wochen Vesperkirche gehen am Samstag zu Ende. Sieben Wochen der Schande. Aber auch sieben der Wochen der mutmachenden Hilfe. Beide Perspektiven von Vesperkirchenpfarrerin Karin Ott sind berechtigt. „Einerseits freue ich mich über die breite Solidarität und die finanzielle Unterstützung, andererseits kommt die allgemeine gute wirtschaftliche Entwicklung nicht bei unseren Gästen an.“ Im Gegenteil. Die Schere zwischen den Ärmsten und den Reichen in dieser Stadt klaffe immer weiter auseinander.

Für diese Einschätzung der Diakoniepfarrerin sprechen im 22. Jahr Vesperkirche weniger die nackten Fakten. Gut, es wurden im Schnitt mehr Mittagessen über den Tresen gereicht. Waren es im vergangenen Jahr täglich 592 warme Mahlzeiten, so sind es heuer 610. Aber mehr als diese Zahlen sind es die Eindrücke, die Karin Ott und die 830 Ehrenamtlichen erschüttern. Plakativ ausgedrückt: „Armut riecht.“ Was Vesperkirchen-Pfarrerin damit sagen will: Noch nie sei einem die Armut so sinnhaft entgegen­gesprungen: „Früher konnte man nicht vom Äußeren auf die jeweilige Lebensituation schließen.“ Heute, im Jahr zehn von Hartz IV, zeigen Kleidung, Hygiene und das psychische Erscheinungsbild der Vesperkirchen-Besucher deutlichere Spuren denn je.

Dekan Käpplinger ist traurig und verärgert

Ein weiteres Phänomen dieses schleichenden Verfalls sei, dass immer mehr Menschen mit Taschen, kleinen Koffern und Rucksäcken in die Leonhardskirche kommen. Ott benennt den Grund: „Immer wehr Menschen haben keinen Ort, wo sie ihr Hab und Gut lassen können.“

Diakoniedekan Klaus Käpplinger ist daher betrübt, traurig und verärgert: „In so einer wohlhabenden Stadt gibt es nicht nur Einsamkeit und Wohnungsnot, sondern auch eine sich verfestigende Armut.“ So gesehen, seien die sieben Wochen Vesperkirche nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Käpp­linger hat daher eine klare Forderung: „Es braucht ein politisches Handeln.“ Für die Kommunalpolitik hat er daher eine Auf­gabenliste zusammengestellt: „Es braucht bezahlbaren Wohnraum, neue Chancen für überschuldete Menschen und Chancen für Langzeitarbeitslose.“

Denn länger andauernde Armut zermürbt die Menschen zusehends. Diesen Eindruck hat auch der für die Hauswirtschaft zuständige Ehrenamtliche Hans-Jürgen Grünefeld: „Die Atmosphäre ist in diesem Jahr unruhiger geworden.“ Denn zu der Perspektivlosigkeit gesellt sich nun die Sorge vor einem sozialen Konkurrenz- und Verteilungskampf. Das Thema Flüchtlinge weckt Ängste. Aus Sicht von Dekan Käpplinger unbegründet: „Flüchtlinge aus Syrien oder Afghanistan sind kaum unter den Gästen der Vesperkirche.“

Konflikte mit Armutsmigranten aus Osteuropa

Immer stärker wird dagegen eine andere Gruppe: Armutsmigranten aus Osteuropa. „Sie kommen in größerer Zahl“, berichtet Klaus Käpplinger – und sie stellen das Vesperkirchen-Team vor neue Herausforderungen. Ehrenamtliche berichten von Konflikten zwischen den Stammgästen und den Osteuropäern. „Diese Leute sind halt temperamentvoller als Schwaben“, sagt Hans-Jürgen Grünefeld und versucht die Lage so etwas entspannt darzustellen. Dekan Käpp­linger zuckt indes mit den Schultern und meint: „Es sind Menschen, die sich seit langem nicht angenommen fühlen und sich leider auch häufig so verhalten.“ Daher sei auch hier die Politik gefordert. Im Kleinen wie im Großen. Doch das, so glaubt Hans-Jürgen Grünefeld, Jahrgang 1939, „werde ich in diesem Leben nicht mehr erleben“.

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