Die Stuttgarter Markthalle gilt als schönste in Deutschland. Was Kunden nicht zu sehen bekommen: Unter ihr verbergen sich drei Kellergeschosse – teils aus dem Jahr 1914.
In der Stuttgarter Markthalle wimmelt es an diesem Tag nur so vor Besuchern. Unterschiedlichste Düfte dringen in die Nase, verschiedenste Sprachen in die Ohren. Doch es gibt da noch eine zweite Welt. Eine, die Besuchern normalerweise verborgen bleibt und die doch größer ist als die Halle selbst. Der Zugang dazu versteckt sich ganz dezent neben dem wiederaufgebauten Ceresbrunnen an der Kopfseite – eine unscheinbare Tür.
Geht man hindurch und die Stufen hinunter, kommen Gefühle wie auf einer Zeitreise auf. Holzverschläge mit Latten, die zumeist über hundert Jahre alt sind. „Die Beschriftungen darauf sind oft noch original aus dem Jahr 1914“, sagt Thomas Lehmann, der Geschäftsführer der Märkte Stuttgart. In historischen Zeichen werden die Quadratmeterzahlen der einzelnen Verschläge angezeigt. Unten haben viele etwa faustgroße Löcher. „Die waren für die Katzen, die hier unten gelebt haben“, weiß Lehmann. So konnte man früher Mäuse und Ratten in Schach halten.
Nachträglich eingebaute Kühlhäuser
Unter der Markthalle liegen drei Kellergeschosse. Zwei umfassen die gesamte Grundfläche plus die umliegenden Arkaden. Das dritte findet sich nur unter den Kopfseiten. „Der Mittelteil der Kellerräume stammt noch aus der Bauzeit und wurde im Krieg nicht zerstört. Heute dienen die Räume der Markthalle für Trockenlagerung, aber auch Weihnachtsmarkthändlern und Flohmarkthändlern“, erzählt Lehmann.
Die Verschläge sind begehrt. Es gibt viele Anfragen. Wein zum Beispiel lässt sich hier hervorragend lagern. An den einzelnen Räumen stehen die Händlernamen. Frische Lebensmittel dürfen allerdings nicht mehr hinein. „Nach heutigem Lebensmittelrecht kann man da nicht mehr viel lagern“, sagt Lehmann. Für frische Ware sind an den Seiten Kühlhäuser eingebaut worden. Das war nicht ganz einfach, denn alles steht unter Denkmalschutz. Für Kühlhäuser sind die Räume eigentlich nicht geeignet. Kondenswasserpumpen sorgen permanent dafür, dass überflüssiges Wasser verschwindet.
So manches erinnert an längst vergangene Zeiten. An mehreren Rampen finden sich merkwürdige Zacken im Boden. Früher sind hier die Wagen mit Waren hereingekommen. Die hatten Keile, die sich verhakt haben, damit die schweren Lasten nicht ungebremst in den Keller rauschten. Inzwischen gibt es für die Anlieferung zwei Aufzüge. Sie sind nach dem Zweiten Weltkrieg eingebaut worden. Das war möglich, weil die Halle erst seit 1974 unter Denkmalschutz steht.
Wo heute die Kühlräume eingebaut sind, hat es früher vermutlich eine Eismaschine gegeben, um Lebensmittel kalt zu halten. Und an manchen Stellen sind die Pfeiler zu sehen, auf denen die Markthalle steht. Einige sind innen hohl, weil sich darin eine Lüftung befindet.
Oben kennt die Markthalle nahezu jeder. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Eine Etage tiefer, im zweiten Kellergeschoss, wird es plötzlich deutlich wärmer. Hier befindet sich heutzutage die Kühl- und Klimatechnik vieler Stände. Aus Denkmalschutzgründen kann die Abwärme nicht übers Dach entweichen, deshalb geht sie nach unten. Ein kilometerlanges Gewirr aus Rohren und Leitungen durchzieht die langen Gänge. „Man muss sich mit den Begebenheiten arrangieren. Wir sind immer am kämpfen, versuchen, ein altes Gebäude mit moderner Technik am laufen zu halten“, sagt Lehmann. Vier Pumpen entfernen permanent Grundwasser.
Und dann wird es endgültig geheimnisvoll. Über eine schmale Wendeltreppe geht es noch weiter hinab. Mit dem Handy beleuchtet der Märkte-Chef den Weg. Im dritten Untergeschoss sind noch Reste des alten Ofens zu finden, mit dem die Halle früher beheizt worden ist. Heute funktioniert das über Fernwärme. An einer Wand hängt noch ein vergilbtes Schild mit den Heizregeln. „Man überzeuge sich zuerst vom richtigen Wasserstand im Kessel, der auf etwa drei Viertel Höhe des Anzeigeglases stehen soll. Alsdann wird der Regulator geöffnet, sodass er frei spielen kann, ein Holzfeuer angelegt und ein bis zwei Eimer Koks zugegeben“, heißt es da.
Originalfliesen als Reserve
Nebenan lagern in einem Räumchen alte Aktenordner. Wer sie wann hier abgestellt hat, weiß wohl niemand mehr. Um den „Weihnachtsmarkt 78“ geht es da zum Beispiel. Alte Stempel lagern in einer Kiste, dazu historische Waschmarken.
Über Treppen geht es wieder zwei Stockwerke nach oben. In den Gängen lagert die Gastronomie ihre Bierfässer. An der Kopfseite gibt es eine Müllstation. Hier wird der Abfall erst gewogen und dann zur Recyclingstation am Großmarkt gefahren. Bezahlen müssen die Händler den Müll nach Gewicht. Auch ein Lager befindet sich hier. Dort werden alle noch vorhandenen Originalfliesen und sonstige Teile aufbewahrt, um sie bei Reparaturarbeiten verwenden zu können. „Viel ist allerdings nicht mehr vorhanden“, weiß Lehmann.
Es geht die letzte Treppe hinauf und wieder durch die Tür am Ceresbrunnen. Helles Licht fällt durch die Glasdecke der Markthalle, man taucht ein in Stimmengewirr und Düfte. Und befindet sich zurück in der bekannten Welt.