Der Rot- und Schwarzwildpark beherbergt ein großartiges Tierreich aus „Urweltreliktarten“. Das Wissen darum lässt einen den Wald bewusster sehen. Ein Kommentar von Jan Sellner.

Stadtleben/Stadtkultur: Jan Sellner (jse)

„Tiere gehen immer“, lautet ein beliebter Spruch in Redaktionen. Damit ist gemeint, dass Tiergeschichten eine große Leserschaft finden. Und das stimmt häufig ja auch, wenn man daran denkt, welche Aufmerksamkeit beispielsweise Leuze-Kater Lucky erfährt, der inzwischen das Mineralbad gewechselt hat und ein überzeugter Berg-Kater geworden ist (dazu demnächst mehr). Oder wenn wir an Geschichten aus dem Tierheim denken, die von Tieren handeln, die leider gar nicht lucky sind. Oder an die vielen Nachrichten aus der Wilhelma – erfreuliche, wie der Ankunft des persischen Leopardenkaters Khal, und traurige, wie der Tod des Koala-Weibchens Scarborough und der Jung-Koalas Jimbelung und Borobo.

 

Das Interesse an Tiergeschichten führt uns in Stuttgart aber nicht nur ins Mineralbad, ins Tierheim oder in die Wilhelma, sondern auch in den Wald. Vorzugsweise in den Rot- und Schwarzwildpark, der ein großartiges Tierreich beherbergt – auch wenn es auf den ersten Blick nicht so spektakulär erscheint, wie die Terra Australis und die im Entstehen begriffene Elefantenwelt im Stuttgarter Zoo. Und wir wollen hier auch gar nicht aus einer Mücke im Rotwildpark einen Elefanten machen. Aus einigen der dort lebenden Käfer allerdings schon: Weil sie nämlich sehr besonders sind.

Und weil sie eine lange Geschichte haben! Fachleute haben an den mehr als 200 Jahre alten Baumriesen im Rot -und Schwarzwildpark zuletzt 17 Käferarten identifiziert, die zu den „Urwaldreliktarten“ zählen. Das sind Insekten, die nur auf und in uralten Bäumen existieren können. Deshalb ist der Schutz und die Pflege der 1500 Methusalem-Bäume im Stuttgarter Wald so wichtig. Nach Auskunft von Forstleuten existieren sie in dieser großen Zahl nirgendwo sonst in Baden-Württemberg.

Für diese Urwald-Käfer-Welt muss man noch nicht mal Eintritt zahlen. Allerdings bekommt man die Bewohner, zu denen der berühmte Juchtenkäfer zählt, so gut wie nicht zu Gesicht. Die Krabbeltiere leben im Verborgenen. Doch es ist gut zu wissen, dass es sie gibt. Man sieht den Wald dann mit anderen Augen. Bewusster. Ihre Existenz ist ein Ausdruck von Artenreichtum.

Ja, Tiere gehen immer. Und einige gehen für immer, wenn wir nicht auf sie achten.