Es ist ein Ritual aus alter Zeit. Noch immer lassen die Schausteller ihre Geschäfte weihen. Gottes Segen scheint nach den Pandemiejahren vonnöten.

Der Körper wird gespeist und getränkt beim Weihnachtsmarkt, die Seele kommt dabei etwas zu kurz, so nah wie nach dem Genuss von mehreren Gläsern Glühwein kommt so mancher dem heiligen Geist ganz selten. Es ist ein alter Vorwurf, die Adventszeit und alles was dazu gehört, die Lichter, der Markt, die Musik, die Bäume, sie dienten nur dem Kommerz, dem Verkauf, dem Geld einnehmen. Dabei finden sich durchaus Spuren des Christentums auf dem Weihnachtsmarkt.

Der erste neue Stand

Jüngst schritt etwa Schaustellerpfarrer Johannes Bräuchle zur Tat. Er segnete den neuen Verkaufsstand von Mark Roschmann vor der Alten Kanzlei. Kein Zweifel, nach den Jahren der Pandemie können die Schausteller alle Hilfe brauchen, die sie kriegen können. Zumal, wenn wie bei so vielen Kollegen das Ersparte gebraucht wurde, um über die Runden zu kommen und den Betrieb weiterführen zu können. Und man nun investieren muss. „Einen hohen fünfstelligen Betrag“ habe er bezahlt für seinen neuen Süßwarenstand, sagt Roschmann. Dem alten hat Corona den Garaus gemacht. Drei Jahre nur rumzuliegen, das tut niemand gut, auch so einer Holzbude nicht. Sein erstes neues Geschäft, nachdem er zuvor immer gebrauchte Stände gekauft hatte. Aber jetzt gab er lieber etwas mehr Geld aus, denn es ist eine Investition fürs Leben: „Ich bin jetzt 41, das muss halten, bis ich 71 bin.“

Was ist mit dem Zucker?

Dafür wäre es ganz förderlich, viele Bratäpfel, Lebkuchenherzen und gebrannte Mandeln zu verkaufen. Ob das gelingt? Noch rätseln alle wie das Comeback des Weihnachtsmarktes angenommen wird. Die Menschen sind neugierig, sie kommen, aber kaufen sie auch? Zumal es den Beschickern so geht wie den Besuchern. Alles wird teurer. Ein kleines Lebkuchenherz kauft Roschmann für 3 Euro ein. „Verkaufen müsste ich es für 8 Euro“, sagt er. Um die Kosten zu decken und noch Geld zu verdienen. „Aber das zahlt niemand“, weiß er, also versucht er es über eine Mischkalkulation aufzufangen. Man schlägt hier und da was drauf. was ohnehin nötig ist, denn der Zucker kostet statt 70 Cent das Kilo nun 1,80 Euro. Was sich bei einem Süßwarenstand bemerkbar macht.

Es braucht eine Urkunde

Himmlische Unterstützung kann da nicht schaden. Der neue Stand hat nun Gottes Segen. Auch wenn sie nicht mehr so oft beten oder in die Kirche gehen wie die Altvorderen, einen Rest Frömmigkeit haben sich die Schausteller bewahrt. So lassen sie immer noch ihre Fahrgeschäfte und Buden weihen. Bräuchle hatte ein Holzkreuz dabei, und bat darum , die Familie Roschmann „vor Unfall und Gefahren zu bewahren, und dass der neue Süßwarenstand mit seinem Angebot viele Menschen anlockt“. Sein Wort in Gottes Ohr. Am Ende gab es einen Aufkleber. Und eine Urkunde. Wir sind schließlich in Deutschland. Da wird auch der Segen beglaubigt.