Es ist ihre Premiere: Aus Vaihingen haben sich Sezer und Enis Masalci in die Innenstadt aufgemacht. Und knüpfen doch an eine lange Weindorf-Tradition an.

Der Papa ist Stuttgarter. Und folglich sparsam mit Lob. Doch als sich das erste Wochenende beim Weindorf dem Ende neigte, war dann nicht gebruddelt doch nicht mehr genug. „Gut gemacht“, adelte er seine Söhne Sezer (28) und Enis (25).

 
Schuhe von Vicinity als Werbemittel Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Das habe sie sehr gefreut, sagen die beiden. Und strahlen. Obschon sie rechtschaffen müde sind. Es ist morgens, noch weit bevor der Trubel um 11.30 Uhr beginnt. In der Küche wird schon vorbereitet, die Bedienungen decken die Tische ein in der Laube Zum Rädle. Sezer und Enis Masalci haben ein bisschen Zeit durch zu schnaufen und zu erzählen. Doch bevor sie dazu kommen, schaut erst noch der Nachbar vorbei. Als Axel Schmieg sieht, dass die Presse da ist, lässt er sich nicht lange bitten und setzt zu einer Hymne an: „Super Jungs sind das! Die machen das richtig gut!“ Und zählt gleich noch die Vorgänger der Masalcis auf, die an diesem Platz beim Fruchtkasten standen, hinten im Eck des Schillerplatzes. Soll heißen, da haben sich schon viele versucht in jüngster Zeit.

Beim Weindorf stehen sie hinten im Eck

Da füllt einem keine Laufkundschaft die 400 Sitzplätze, da muss man ganz bewusst hinkommen, um seine Viertele zu trinken oder seinen Rostbraten zu essen. Eine Aufgabe, gerade für Neulinge, die anders als die Schmiegs noch nicht zum Inventar zählen. „Der Platz ist super“, sagt Sezer Masalci, „unsere Gäste haben hier ihre Ruhe, da vorne drücken sich alle durch, wir können die ganze Ecke nutzen.“ Sie haben gute Laune, auffallend gute Laune, gerade in einer Branche, in der das Jammern zum Handwerk gehört. Immer nahe an der Pleite ist die Gastronomie, glaubt man den Vertretern des Gewerbes, gerade mal eine fehlende Mehrwertsteuerreduzierung vom Tode entfernt.

Von den Masalcis hört man kein Klagen. Im Gegenteil. Sie glauben an sich. Die Kollegen hatten ihnen geraten am Anfang langsam zu machen, die Bar kleiner zu bauen, die Küche nicht offen, die Bänke nicht so bequem mit Lehne, halt alles eine Nummer kleiner. Das wollten sie nicht. „Wenn wir es machen, machen wir es richtig!“, sagt Enis Malsaci. Seinen Bruder musste er nicht überzeugen. Das kann man das doch als eine Art Familienmotto betrachten.

Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Opa und Oma kamen aus der Türkei zum Schaffen nach Stuttgart. Bei Neoplan und Züblin malochten sie, Sohn Ergin blieb erst mal in der Türkei. Nach einigen Jahren hatten sie sich eine Existenz aufgebaut, holten den sechs Jahre alten Buben nach Stuttgart. Das Arbeitsethos hat sich vererbt. Ergin Masalci und seine Frau Zehra bauten eine alte Apotheke in ein Wirtshaus um, später kam ein Hotel dazu. Die beiden Jungs wuchsen praktisch im Drive auf, wie das Gasthaus damals hieß. Sezer war „immer draußen bei den Leuten“, Enis in der Küche, „beim Küchenmann“, wie er den Koch nannte.

Damit war der Berufsweg vorgezeichnet. Obschon die Eltern fanden, die Jungs müssten ihre Plackerei nicht wiederholen. Sezer lernte Hotelkaufmann im Graf Zeppelin, Enis Koch im Pullmann Fontana in Vaihingen. Weil Sezer früher dran war, ging er noch ein Jahr nach Berlin, ehe sie zusammen im Kempinski in Sankt Moritz in der Schweiz die Haute-Voleé bekochten und bedienten. Eine harte Schule bei einem Zwei-Sterne-Koch. Inklusive morgendlichem Antreten der Küchencrew. „Da ging es schon zur Sache“, erinnert sich Enis, aber mit Küchenchef Matthias Schmidberger sei er gut ausgekommen. „Ich war immer fleißig, mir für nichts zu schade“, sagt er.

Wenn sie nicht beim Weindorf sind, findet man sie im Wirtshaus

Das ist bis heute so. Im Gasthaus, das sie von den Eltern übernommen haben und nun schlicht Vaihinger Wirtshaus heißt, haben sie zwar einen Koch. Aber mehrmals die Woche geht er, wenn Ruhe einkehrt des Nachts in die Küche, bereitet bis morgens um 4 Uhr Jus vor und Desserts. Weil es ihm Spaß macht; weil er morgens länger schlafen kann; und weil er „nah dran bleiben will“ am Geschäft am Herd. Momentan kümmern sich die Eltern um die Wirtschaft. Während die Brüder ihre Tage und Nächte auf dem Weindorf verbringen. Der Auftakt war turbulent, es musste sich einruckeln. „Ich habe gleich noch in der Nacht die Tische umnummeriert und die Bar umgestaltet“, sagt Sezer Masalci.

Sie bringen das Rädle aufs Weindorf

Seitdem läuft es runder. Sie drehen ja auch ein großes Rädle. Buchstäblich. Das Logo haben sie von ihrer Wirtschaft übernehmen. Ein Wagenrad, dass am Eingang hängt. Es taucht auf der Laube auf, extra noch gesprüht, in der Laube – und auf der Kleidung. Kumpel Kiyan Yildiz mit seiner sehr hippen Marke Vicinity hat für sie Polohemden, T-Shirts, Socken und Schuhe gestaltet. So oft werden sie danach gefragt, dass Enis schon überlegt, die Klamotten zu verkaufen. Doch Sezer plädiert erst mal dafür sich aufs Verkaufen von Rostbraten, Maultaschen, Schnitzel vom Hohenloher Kalb oder vom Hällischen Landschwein, Weine von Schnaitmann, Aldinger , Kusterer zu konzentrieren. Und natürlich haben sie Weine vom Weingut Peter Mayer aus Bad Cannstatt.

Denn Sezers Frau Romy kommt vom Wolfersberg, ist eine Mayer und mit Weinbau und Gastro aufgewachsen. Ihr Opa Otto Mayer war beim ersten Weindorf mit dabei. Familiensache halt. Und wie aufs Stichwort kommt Papa Ergin vorbei. „Da steht noch eine leere Flasche!“, spricht’s, schnappt sie und bringt sie weg. Nicht viel schwätzen, schaffen. Ein Stuttgarter halt im besten Sinne.