Stuttgarter Weinquartett Lieber Kellermeisterin als Königin

Es gab bisher nur einen Weinkönig: Sven Finke wurde im Jahr 2016 in Kesten an der Mosel zum Bacchus. Foto: dpa/Harald Tittel
Es gab bisher nur einen Weinkönig: Sven Finke wurde im Jahr 2016 in Kesten an der Mosel zum Bacchus. Foto: dpa/Harald Tittel

Kathrin Haasis freut sich über einen Rielsing aus dem Remstal, der von Deutschlands erster Kellermeisterin stammt. Frauen sind in der Branche noch immer selten. Auch im Weingut Medinger sind sie in der Minderheit.

Böblingen: Kathrin Haasis (kat)
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Kernen - Im Rampenlicht stehen Frauen im Weinbau nach wie vor in einer dekorativen Rolle: als Prinzessin oder Königin. Zwar sollen gutes Aussehen und Tanzbegabung, wie es früher gewünscht war, heute keine Pluspunkte mehr für die Bewerbung sein, sondern vielmehr Fachwissen. Aber trotzdem darf sich nach wie vor kein Mann für die Aufgabe bewerben, und das ist vor allem für die Frauen diskriminierend. Nur in der Moselgemeinde Kesten hat es vor ein paar Jahren ein Bacchus auf den Thron geschafft – weil es keine weibliche Kandidatin gab.

Weinkönig bisher nur als Flasche

Den Namen Weinkönig schmückt bislang nur eine Flasche, in der ausgerechnet alkoholfreier Wein steckt. Dass in Deutschland seit 90 Jahren Weinköniginnen gewählt werden, machte sich jedenfalls nicht mit einer kontinuierlichen Steigerung des Frauenanteils in der Branche bemerkbar. Zwar übernehmen mit jedem Generationenwechsel mehr und mehr Töchter Weingüter. Aber der Anteil ist dennoch gering: Beim Verband der Prädikatsweingüter werden aktuell zehn Prozent der 200 Mitgliedsbetriebe von Frauen geführt oder demnächst von Töchtern übernommen. Unter den Württemberger Mitgliedern steht dieser Wandel nur bei einem Betrieb an.

Ersten Jahrgang 1988 abgefüllt

Umso großartiger ist es, dass das Anbaugebiet immerhin Deutschlands erste Kellermeisterin stellte: 1988 füllte Barbara Medinger-Schmid ihren ersten Jahrgang ab. Und gegen die Kürung zur Württembergischen Weinmeisterin hätte sie sicher keine Einwände gehabt. In der Kategorie der höherpreisigen Weißweine kam ihr Riesling Terra bei der Weinmeisterschaft von Stuttgarter Zeitung und Nachrichten zwar nicht in die Endauswahl, aber er schnitt bei fast allen Jurymitgliedern gut ab. Als „elegant, fein und lebendig“ wurde er in der Blindverkostung beschrieben. Er besticht mit vielfältigen Aromen von Pfirsich, Melone und Quitte sowie einem langen Abgang. Den Job im Keller macht Barbara Medinger-Schmid übrigens nicht mehr alleine: Auch bei ihr steht ein Generationenwechsel an – ihre Söhne Christian und Friedrich sind eingestiegen.

Das Urteil der Weinrunde: 

Holger Gayer Trotz aller Sympathie für Frau Medinger muss ich leider sagen, dass mir ihr Riesling bei unserer Blindverkostung vor allem durch einen etwas unangenehmen Vanilleton aufgefallen ist.

Harald Beck Wer die leichte Frische sucht, ist bei dem Riesling mit kräftiger weiblicher Handschrift falsch. Klar, der wäre fürs Finale auch interessant gewesen.

Michael Weier Der Name ist Programm: Ein geerdeter Riesling mit viel Schmelz, eher ein Essensbegleiter denn ein leichter Tropfen für laue Sommernächte.

Riesling Terra 2020, 12,50 Euro, Weingut Medinger, Kernen-Stetten im Remstal, 0 71 51 / 4 45 13, www.weingut-medinger.de




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