Stuttgarter Wilhelma und Co. Flugunfähige Flamingos – Tierrechtlerin übt Kritik an Zoos

Die Flamingos in der Wilhelma werden regelmäßig flugunfähig gemacht – Tierrechtsorganisationen üben Kritik. Foto: Lichtgut/Ferdinando Iannone

Immer wieder sorgen Skandale für Debatten über die Haltung von Wildtieren in Zoos, etwa weil gesunde Tiere getötet werden oder die Haltung grundsätzlich hinterfragt wird. Die Stuttgarter Wilhelma reagiert auf die Kritik.

Baden-Württemberg: Lea Krug (lkr)

Rosafarbene Flamingos begrüßen die Besucherinnen und Besucher in der Wilhelma in Bad Cannstatt. Mehrere dutzend Tiere stehen an einer Wasseranlage, drum herum grünt es. Doch laut Tierrechtsorganisationen eine trügerische Idylle. Denn während die Tiere in freier Wildbahn fliegen können, ist das den Flamingos in der Wilhelma wie in vielen anderen Zoos nicht möglich. Den Tieren werden die Federn gekürzt, früher wurden sie gar kupiert. Kritik kommt von Tierschutzorganisationen, aber wie geht die Wilhelma damit um?

 

„Die Tiere müssten so untergebracht werden, dass sie ihr arteigenes Verhalten und ihre Bedürfnisse ausleben können“, fordert Katrin Pichl, Fachreferentin für Wildtiere beim Deutschen Tierschutzbund. Wenn Flamingos in der Natur fliegen können, sollten sie es auch in den Einrichtungen können, findet sie. Die Organisation spricht sich nicht grundsätzlich gegen Zoos aus, kritisiert allerdings die Praxis der Tierhaltung. „Wir sollten die Tiere nie an das Haltungssystem anpassen, sondern uns an ihren Bedürfnissen orientieren“, sagt Pichl.

Zoodirektor widerspricht Tierrechtlern

Thomas Kölpin, Direktor der Wilhelma, steht vor dem Flamingo-Gehege und widerspricht mit Blick auf die Tiere: „Flamingos fliegen nur für große Ortsveränderungen.“ Das sei in freier Wildbahn etwa notwendig, wenn die Tiere sonst keine Nahrung mehr finden. Im Zoo gebe es dieses Problem nicht. „Wir schneiden den Tieren regelmäßig die Schwungfedern, Schmerzen empfinden sie dabei nicht“, erklärt er. Im Zoo gebe es auch noch einzelne Flamingos mit kupierten Flügeln. Bis vor einigen Jahren wurden in der Wilhelma Teile des Flügels an den Tieren amputiert. „Heute ist das aber verboten“, erklärt der Direktor. Auf das Stutzen komplett zu verzichten sei keine Lösung, ein Netz könnte große Gefahren für die Tiere bergen. Für Tierrechtsorganisationen ist das kein Argument. „Wenn es keinen ausreichenden Platz gibt, sollte man eben von der Haltung absehen“, findet Pichl vom Deutschen Tierschutzbund.

Stolz auf seinen Zoo: Wilhelma-Direktor Thomas Kölpin. Foto: Lichtgut/Ferdinando Iannone/Ferdinando Iannone

Laut Direktor Kölpin sind Zoos trotz solcher Kritik ein Erfolgskonzept. „Zu uns kommen im Jahr 1,8 Millionen Menschen.“ Vor allem für Familien seien sie ein beliebtes Ausflugsziel. „Wenn es noch keine Zoos geben würde, dann müssten wir sie jetzt erfinden“, sagt der 55-Jährige. In Einrichtungen wie der Wilhelma könnten Menschen für die Diversitätskrise und die Klimakrise sensibilisiert werden. „Es geht um Umweltbildung“, sagt er. Wer etwa bei den Koalas in der neuen Terra Australis unterwegs ist, erfährt, dass die Tiere Buschbränden hilflos ausgeliefert sind. Ähnliche Infotafeln befinden sich auch in vielen anderen Teilen des Zoos.

Doch auch Thomas Kölpin gibt zu, dass sich die Zoos durchaus weiterentwickelt hätten. Vor einigen Jahren entschieden sie etwa, dass man sich von den Eisbären trenne, weil die Haltung „nicht mehr zeitgemäß war“, so der Direktor.

Die letzten Eisbären der Wilhelma, im Jahr 2018 beendete der Zoo die Haltung (Archivbild). Foto: Max Kovalenko/PPF/ppfotodesign/Max Kovalenko

Die Wilhelma ist nicht der einzige Zoo, der sich in Anbetracht der Haltungsbedingungen von Arten trennt. Der Tiergarten Heidelberg erklärt, dass sich der Park in Anbetracht der Ansprüche an sich selbst von Orang-Utans, Geparden, Breitmaulnashörnern und Wölfen getrennt habe, um für andere Tiere mehr Platz zu schaffen. Doch auch diese Trennung von Tieren führt zu teils heftigen Debatten. Als sich der Zoo in Heidelberg im vergangenen Jahr etwa von seinem letzten Großen Kudu – einer Antilope – trennte, kam es unter Tierrechtlern zu einem Aufschrei. Das Tier wurde durch einen Schuss getötet und schließlich den Tigern und Löwen als Futter vorgeworfen. „Für den Kudu-Bock ließ sich leider kein neuer Halter finden“, hieß es in einer Erklärung des Zoos.

Gesunde Affen töten?

Ein ähnlicher Fall sorgt im Tiergarten Nürnberg gegenwärtig für heftige Debatten: dort sollen aus Gründen des Populationsmanagements einige gesunde Paviane getötet und ebenfalls an Raubtiere verfüttert werden. Laut dem Münchner Merkur soll es sogar zu Sitzblockaden vor dem Zoo gekommen sein. Nun werden offenbar Alternativen geprüft.

Auch wenn in der Natur täglich Antilopen und andere Tiere Löwen und Tigern zum Opfer fallen – dass der Mensch sich einmischt, wird kritisch beäugt. „Der Zoo ist ein Spiegel der Gesellschaft“, sagt Direktor Thomas Kölpin. Wie der Mensch auf Tiere blickt und welche Haltung als angemessen gilt, das habe sich über die Jahrzehnte gewandelt.

Ein Löwe während seines Mittagsschlafes in der Wilhelma. Foto: Lichtgut/Ferdinando Iannone/Ferdinando Iannone

Katrin Pichl vom Deutschen Tierschutzbund spricht von einem „gesellschaftlichen Umdenken“, Kritik an Zoos werde immer lauter. Aktuelle Umfragen gibt es allerdings kaum. Im Jahr 2019 sprach sich aber eine große Mehrheit einer Forsa-Umfrage für Zoos aus, 82 Prozent befürworteten die Einrichtungen. Zoos genießen innerhalb der Gesellschaft ein hohes Ansehen. Auch aus der Politik kommen wohl auch deshalb nur selten kritische Stimmen über die Tierhaltung. Baden-Württembergs Finanzminister Danyal Bayaz lächelte mit einem Seelöwen der Wilhelma für die Kameras. Für „Unesco“, wie das Tier heißt, hat er die Patenschaft übernommen und zeigt damit auch die Verbundenheit der Politik zur Wilhelma in Bad Cannstatt.

Finanzminister Danyal Bayaz (links) 2023 mit einem Seelöwen. An seiner Seite: Zoodirektor Thomas Kölpin. Foto: Ministerium für Finanzen Baden-Württemberg

Auf das Wohlwollen der Politik sind die Zoos angewiesen. Der Betrieb ist teuer. Mehr als 13 Millionen Euro des Landes fließen jährlich in die Wilhelma. Während andere Zoos in städtischer Hand sind, gehört sie dem Land Baden-Württemberg. Die Stadt Karlsruhe teilt mit, dass seitens der Stadt mehr als 7 Millionen Euro im Jahr 2022 in den Zoologischen Stadtgarten flossen, Heidelberg plant für seinen Park dieses Jahr rund 3,3 Millionen ein. Die Eintrittsgelder in die Zoos sind bei weitem nicht ausreichend, um die Zoos zu finanzieren.

Elefanten fehlt die positive Stimulation“

Die größten Attraktionen in der Wilhelma – zumindest gemessen am Gewicht – sind in der Wilhelma die beiden Elefanten Pama und Zelle. In der Mittagssonne werfen sie ihre Rüssel rhythmisch nach links und rechts. Ihr Gehege hat die Größe eines sehr großen Gartens. In der Natur legen die Tiere laut der Organisation Pro Wildlife bis zu 100 Kilometer zurück, im Zoo undenkbar. „Elefanten fehlt oft die positive Stimulation. Die Gefangenschaft bedeutet immer eine Einschränkung“, sagt Katrin Pichl vom Deutschen Tierschutzbund.

In Großbritannien kündigen deshalb die ersten Zoos an, die Haltung von Elefanten beenden zu wollen. Zoo-Direktor Kölpin verteidigt die Haltung, der Platz sei im Zweifel nicht entscheidend. „Die Beschäftigung der Tiere ist wichtig“, betont er. In Stuttgart setzt man auf die Tiere. „Sie sind unser Logo“, sagt Kölpin und zeigt auf sein pinkfarbenes T-Shirt, auf dem das Tier prangt. Doch auch der Stuttgarter Zoo will das neue Elefantenhaus weitaus größer gestalten. Mit 1,5 Hektar soll die neue „Elefantenwelt“ zehn Mal so groß werden wie die bisherige Anlage und einer ganzen Herde Platz schenken. Bis es aber wirklich so weit ist, dürften noch Jahre vergehen.

Das bestehende Elefantenhaus der Wilhelma (Archivfoto). Foto: dpa/Bernd Weißbrod

Doch wie könnte die Zukunft des Zoos aussehen, wenn es nach Tierschützern geht? „Wir sollten stärker auf die heimischen Wildtierarten wie Luchse, Wildkatzen, alte Haustierrassen oder Greifvögel setzen“, sagt Pichl. Weniger Arten auf mehr Fläche, dafür plädiert sie. Große Investitionen betrachtet sie hingegen kritisch. „Wenn man wirklich dem helfen will, dann wäre das Geld andernorts besser investiert“, sagt sie.

Die Wilhelma und viele andere Zoos in Deutschland sehen ihre Daseinsberechtigung aber auch im Artenschutz begründet. In Stuttgart versuche man, bedrohte Wildbienenarten zu retten. Mit viel Wissen und finanziellen Mitteln gehe es auch um den Artenschutz in anderen Teilen der Welt, etwa um die Rettung von Nashörnern. Die Tiere im Zoo dienten als „Botschafter“. Der Deutsche Tierschutzbund hält viele der Projekte zwar für löblich, aber nur eingeschränkt zielführend. „Viele Tiere können nur schwer wieder ausgewildert werden, ihr Lebensraum ist oft bereits zerstört“, sagt Pichl.

Auf solche Argumente verweist der Zoodirektor auf die Verantwortung des Menschen. „Wir wollen die Vielfalt erhalten“, sagt er. Man müsse eben alles an diesen Schutz setzen. Das gehöre zur Aufgabe moderner Zoos.

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