Stuttgarter Zeitung Die Pressehaus-Druckerei stand still

So sieht’s aus, wenn alles gut ist in der Druckerei. Foto: Lichtgut/Julian Rettig
So sieht’s aus, wenn alles gut ist in der Druckerei. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Wer die gedruckte Samstagausgabe der Stuttgarter Zeitung ergattern kann, sollte sie aufheben: Noch nie war das Blatt so groß. Die Ursache ist ein Fehler, der einzigartig bleiben soll.

Lokales: Holger Gayer (hog)
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Stuttgart - Es ist der Albtraum, den jeder Zeitungsmensch kennt: Artikel und Seite fertig, Knopf gedrückt, nichts passiert. Was Generationen von Druckern, Redakteuren, Vertriebs- und Verlagsleuten im Schlaf befürchtet haben, ist von Freitag auf Samstag wirklich passiert: Die Druckerei im Pressehaus zu Möhringen stand still. Als Stuttgarter Zeitung, Stuttgarter Nachrichten, „Fellbacher Zeitung“, „Marbacher Zeitung“, „Kornwestheimer Zeitung“, „Kreiszeitung Böblinger Bote“ und „Leonberger Kreiszeitung“ über die Rotation jagen sollten, geschah – nichts.

Havarieplan aktiviert – doch keine Rettung

Dabei klang der erste Anruf harmlos. „Es gibt Probleme, aber wir sind in der Zeit“, sagte Redaktionstechniker Thorsten Schiek, als er den Chef vom Dienst beim Abendspaziergang erwischte. Eine „Tatort“-Länge später verdichteten sich die Anzeichen, dass das Aktenzeichen ungelöst bleiben sollte. „Wir haben alle Fehlerquellen systematisch abgearbeitet“, bekannte Druckereichef Johannes Degen, „ab jetzt suchen wir die Nadel im Heuhaufen.“ In solchen Fällen wird ein Havarieplan aktiviert, der den Leserinnen und Lesern den bestmöglichen Service auch ohne Papier bieten soll: umfangreiche Online-Berichterstattung, kostenlosen Zugang zur elektronischen Zeitung im Internet. Das klappte, doch der Schmerzpegel stieg. Erste Amputationen folgten um elf: Die Lokalteile von Marbach, Kornwestheim, Strohgäu, Leonberg, Fellbach, Fildern und den Stuttgarter Stadtteilen konnten nicht gedruckt werden, StN und StZ waren ernsthaft gefährdet. Das Bulletin von Druckereichef Degen klang nach Raumschiff Enterprise auf dem Weg ins Schwarze Loch: „Auch der Versuch, die Sektionen zu trennen und manuell zu steuern, hat keinen Erfolg gebracht.“

Stuttgarter Zeitung in ganz neuem Format

Im wirklichen Leben ist’s wie im Film: Hoffnung erwächst, wenn sich Kompetenz und Hilfsbereitschaft treffen. Kurz vor Mitternacht eröffnete Ralf Wahlmeyer, Technischer Leiter der Bechtle Graphische Betriebe in Esslingen, die Möglichkeit, seine Maschinen für die Stuttgarter zu öffnen. Die Stuttgarter Zeitung sollte auf der Rotation gedruckt werden, auf der sonst die „Bild“-Zeitung entsteht – in einem Format, das die StZ schluckt wie ein Hemd Kragenweite 56 den alten Josef Eberle. Egal. Vielleicht, so die vage Hoffnung, erreiche man dann noch Stuttgart sowie die Kreise Esslingen und Böblingen. Ludwigsburg, Rems-Murr, Göppingen und all die anderen waren ohnehin verloren.

Noch schlimmer sollte es die Stuttgarter Nachrichten treffen: Von 44 geplanten Seiten sollten nur 32 erscheinen können, wenn überhaupt. Es war, als schnitte man jeden Finger einzeln ab, und dann fehlten immer noch zwei. Die Szenarien waren grausam, doch bessere gab es nicht. Die Logistikexperten Stephan Effenberg, Uwe Stegmeyer und Uwe Müller leiteten ihre Lastwagen und Austräger um.

Was ist die Ursache des Übels?

Um 0.12 Uhr kam ein unverhoffter Hoffnungsschrei: Wenigstens eine Linie in der Druckerei funktionierte wieder, die StN konnten in Stuttgart bleiben. Selten war der Chef vom Dienst so froh, dass einer seiner Pläne im Mülleimer landete. Die Stunden danach erinnerten an Harold Lloyd: Die Uhr tickte, man hing an den Zeigern und versuchte, nicht abzustürzen. Das Ergebnis am nächsten Morgen: Muskelkater. Die Techniker ahnten noch nicht, dass sie die Ursache allen Übels – ein Schaden am internen Netzwerk der Drucktürme – noch bis zum Sonntag weitersuchen müssten. Viele Leserinnen und Leser riefen an, um ihre Zeitung vermisst zu melden. Manche machten ihrem Ärger Luft, verständlicherweise, andere äußerten Bedauern und Verständnis. Allen gemein war (und ist) die emotionale Nähe zum Blatt ihres Vertrauens, das sie zum Teil schon seit Jahren jeden Morgen auf dem Frühstückstisch haben.

Es sei, als fehle ein guter Freund, berichtete eine Abonnentin am Lesertelefon. Andere, die zum Glück noch eine Zeitung erhalten hatten, spendeten die schönste Form des Trostes: lieben Spott. „Wer klebt den StN den schönen Rand an, den die StZ heute hatte?“, fragte der eine. „Niemand“, antwortete der andere, „das ist die Blaue Mauritius der Stuttgarter Zeitung.“

Hoffentlich bleibt sie einzigartig.




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