Stuttgarter Zoogeschichte Die wundersame Welt der Tiere

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Die Geschichte der Stuttgarter Tiergärten ist viel älter als die berühmte Wilhelma. Eine Zeitreise auf den Spuren von Elefanten und einem Affen.

Wilhelma-Chef Dieter Jauch kennt die Historie der Tiergärten. Foto: Heinz Heiss
Wilhelma-Chef Dieter Jauch kennt die Historie der Tiergärten. Foto: Heinz Heiss

Stuttgart - Dieter Jauch geht in die Hocke. Mit dem Zeigefinger wischt er Dreck und Staub von den verschlungenen gusseisernen Verstrebungen des Maurischen Landhauses. Erst als das Metall allmählich wieder zu glänzen beginnt, ist ein Name zu erkennen, der bei den meisten Besuchern des Stuttgarter Zoos in Vergessenheit geraten ist: Karl Ludwig von Zanth. Vor mehr als 150 Jahren hat der Schlesier im Auftrag von König Wilhelm I. jene Terrassen, Treppen, Lusthäuser und Wandelgänge anlegen lassen, die heute die Seele der Alhambra am Neckar bilden: der Wilhelma.

Das Haus der Heimat widmet von Zanth nun eine Ausstellung, die das Bild des Baumeisters polieren soll, auf das sich so viel Staub herabgesenkt hat. Dieter Jauch schwärmt von der Schönheit italienischer Gärten, der Wilhelmachef schätzt auch von Zanth, den einstigen Hofbaumeister des Königs. Der konnte Mitte des 19. Jahrhunderts nicht ahnen, dass sich sein höfisches Gartenidyll im maurischen Stil einmal in einen Volkszoo verwandeln würde.

Lange bevor aus der Wilhelma jedoch jener Zoologisch-Botanische Garten der Neuzeit wurde, begann in Stuttgart eine Geschichte der Tiergärten, die ebenfalls weitgehend vergessen ist. Diese Geschichte erzählt von schwäbischen Selfmademen, von Rummelattraktionen und tierischen Stars, die Generationen von Stuttgartern begeisterten – damals, als noch keine Rede von einem Eisbären namens Wilbär war.

Ein Elefant bricht in die Kirche ein

Ein Elefant bricht in die Kirche ein

Solche Tiere kannten die meisten Stuttgarter Anfang des 19. Jahrhunderts höchstens aus Büchern: In gotischen Vogelhäusern saßen Weißkopfadler, Bartgeier und Uhus – Biber und sogar ein Tapir teilten sich ein Wasserbecken. König Friedrich hatte unterhalb des Neckartors die erste größere Menagerie der Stadt anlegen lassen. Der Eingang des Tiergartens lag an der Cannstatter Straße, der Eintritt war für die Besucher frei. Aus der königlichen Privatschatulle floss viel Geld, mit dem exotische Tiere aus der Alten und der Neuen Welt gekauft wurden: Kakadus und Gürteltiere, Wasch- und Nasenbären, ein Leopard und ein Kamel.

Staunend versammelten sich die Menschen vor jenem Haus, in dem drei asiatische Elefanten lebten. Doch dieses exotische Vergnügen blieb den Stuttgartern nur kurze Zeit erhalten. König Friedrich starb, und eine weltweite Missernte stürzte auch Württemberg in eine Hungersnot. Im Jahr 1816 musste die königliche Menagerie deswegen aufgeben, und viele Tiere mussten verkauft werden. Ein Zirkusbesitzer erwarb den jüngsten der drei Elefanten, der mittlere wurde getötet und für das königliche Naturalienkabinett ausgestopft.

Eine wahre Irrfahrt durch Europa erlebte jedoch der dritte und größte der drei Elefanten: Der zehnjährige Bulle Jumbo landete schließlich in Venedig. Dort sollte er nach Mailand eingeschifft werden. Als die Brücke zum Schiff unter seinem Gewicht nachgab, geriet das Tier in Panik, tötete seinen Wärter, plünderte Obststände und flüchtete in eine Kirche. Soldaten brachen daraufhin eine Schießscharte in das Gemäuer, und man wusste sich nicht anders zu helfen als mit Gewalt: Am 16. März 1819 erlegten sie Jumbo mit einer Kanonenkugel.

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