Stuttgarter Zukunftsrede von Daniel Kehlmann Schöpferischer Dialog mit Künstlicher Intelligenz

Der Autor Daniel Kehlmann muss sich wegen der Zukunft seines Berufs fürs erste keine Sorgen machen. Foto: imago/Leemage/imago stock&people

Der Schriftsteller Daniel Kehlmann hat die erste Stuttgarter Zukunftsrede gehalten. Sie handelt von einem Schreibexperiment mit einer Künstlichen Intelligenz. Ein Bericht aus der Zukunft.

Kultur: Stefan Kister (kir)

Stuttgart - Immer wenn es spannend wird, hängt sich Control auf. Das sind nicht die besten Voraussetzungen, um eine Geschichte zu erzählen. Und so viel darf man vorwegnehmen, ohne allzu sehr zu spoilern: es wird noch eine Weile dauern, bis Wesenheiten wie Control, solchen, die auf Namen wie Daniel Kehlmann hören, die Show stehlen werden.

 

Control ist ein Algorithmus, Daniel Kehlmann einer der gefeiertsten Schriftsteller der jüngeren Autorengeneration. Vor einem Jahr wurde er von einer Firma in das Silicon Valley eingeladen, um in einer Art Dichterwettstreit mit einer Künstlichen Intelligenz Aufschluss über einige nicht nur für die Literatur bedeutende Fragen zu erlangen: Kann ein Algorithmus Geschichten erfinden? Die Antwort gibt der 46-jährige Autor in seiner Stuttgarter Zukunftsrede, dem Auftakt einer neuen Gesprächsreihe, die künftig im Zweijahresrhythmus was wir sind aus dem was wir sein werden zu bestimmen versucht. Statt wie ursprünglich geplant in einer prall gefüllten Liederhalle, findet sein Auftritt im leeren Literaturhaus statt, der digitalen Thematik gemäß via Livestream übertragen.

Ein Hauch von David Lynch

Algorithmen sind in vielerlei Hinsicht dabei, das Steuer zu übernehmen. Um herauszufinden, ob dies nun auch auf dem Kerngebiet des menschlichen Selbstverständnisses, dem künstlerischen Schöpfungsakt, bevorsteht, reist Daniel Kehlmann also von seinem damaligen Wohnort New York nach San Francisco, und auch das darf man schon verraten: so beginnen spannende Geschichten.

Dabei zerstreut sich die Erwartung rasch, bei dem neuen Schreibpartner Control könnte es sich um einen Wiedergänger jener aufsässigen Supercomputer handeln, die in Science-Fiction-Fantasien den Aufstand proben, menschliche Wesen in metallischer Umkleidung. Kehlmanns Algorithmus fehlt jedes Bewusstsein, dafür ist er angefüttert mit einer unfassbaren Menge an Daten, die es ihm ermöglicht, Voraussagen über die Wahrscheinlichkeit zu treffen, dass auf ein bestimmtes Wort ein anderes folgt.

Auszug aus der Coproduktion

Ein Wort gibt das andere – so entstehen im Leben die wildesten Verwicklungen. In dem Schreibexperiment entstehen daraus zumindest vielversprechende Anfänge: „Es war ein schöner Sommertag“, beginnt Kehlmann aufs Geratewohl. Control übernimmt: „Die Sonne schien hell auf das grüne Gras und die Blumen im Garten, aber kein Vogelgezwitscher oder Summen von Insekten war zu hören.“ Interessant, kommentiert der menschliche Autor diese Fortsetzung des künstlichen, „ein Hauch von David Lynch“.

Die Erzählung nimmt ihren Lauf, plötzlich ist man zu zweit, ein Mann namens Otto kommt ins Spiel, sie laufen durch die Gegend, irgendwann erreichen sie ein seltsames Haus. Ob wohl eine Hexe darin sei, fragt Kehlmann. „Es ist einfach ein Haus, überall in der Welt sind Häuser, und sie sehen genauso aus.“ Doch gerade, als man hofft, etwas über die Bewohner zu erfahren, schmiert Control ab.

Hören Sie hier unseren StZ-Feierabend-Podcast zu dem Thema.

Eher Kafka als Dickens

Und so geht es auch mit den weiteren Ansätzen, die beiläufig das Feld der Gattungen queren, Prosa, Drama, Lyrik: Erst bleibt der inhaltliche Zusammenhang auf der Strecke, dann die Systemstabilität. Wobei die logischen Ungereimtheiten sich nicht überall gleich auswirken: „Gespräche werden durch mangelnde Konsistenz zunächst eher realistischer als schwächer, wir Menschen reden nun einmal ständig aneinander vorbei“, sagt Kehlmann. Am besten gelingt das verrätselte Fach – eher Kafka als Dickens.

Der schöpferische Dialog zwischen Mensch und Maschine wird im englischen Original wiedergegeben, ohne etwas zu korrigieren oder gar zu lektorieren. Künstliche Intelligenz, so Kehlmann, ist ein reiner Zweitverwerter. Alles, was sie tun kann, beruht auf der vom Internet verfügbar gemachten Tätigkeit unzähliger Menschen. Und je nachdem, aus welchen Daten-Quellen sich der Wortschatz speist, kann es zu einer bedenklichen Neigung zu rassistischen oder obszönen Witzen kommen. Auf Deutsch hat Control nicht viel zu bieten. Probeweise legt Kehlmann den ersten Satz aller ersten Sätze vor, Marcel Prousts: „Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen“. Die Fortsetzung ist dürftig: „Die ZEIT: Sie haben sich in den letzten Jahren mit der AfD besch@@“ – Absturz.

Glimmen einer geisterhaften Anwesenheit

Ist das Schreibexperiment also gescheitert? Nein, und das ist die eigentliche Pointe dieses Berichts aus der Zukunft. Aus der Zusammenarbeit ist tatsächlich eine Geschichte entstanden. Und zwar genau die, die Kehlmann erzählt. Sie spielt in einer Zeit, in der ein Virus das Leben lahmlegt, und handelt von sympathischen Menschen, die in dem kalifornischen Utopia mit neuen Technologien die Welt zu einem besseren Ort machen wollen, und dabei oft das Gegenteil bewirken. In ihrem Mittelpunkt steht ein einsamer Schriftsteller, der während des Lockdowns versucht in einem Algorithmus ein Gegenüber zu finden und wider besseres Wissen manchmal glaubt, das Glimmen einer geisterhaften Anwesenheit wahrzunehmen.

Noch ist nicht in Sicht, dass der vornehme Schöpfungsakt uns einmal abgenommen würde. Aber sollten wir irgendwann tatsächlich von Künstlichen Intelligenzen ausrangiert werden, die vieles besser lösen, als wir es je vermochten: auf die Geschichten, die sie sich erzählen, muss man nicht besonders scharf sein.

Info

Autor Daniel Kehlmann, 1975 in München geboren, zählt mit Romanen wie „Die Vermessung der Welt“ und „Tyll“ zu den profiliertesten Autoren unserer Zeit. Er lebt in Berlin.

Initiative Die Stuttgarter Zukunftsrede ist eine Initiative des Literaturhauses, des Internationalen Zentrum für Kultur- und Technikforschung der Universität Stuttgart sowie des Hospitalhofs. Im Zweijahresrhythmus sollen Persönlichkeiten aus Literatur, Wissenschaft, Politik und Gesellschaft zum Nachdenken über unsere Zukunft anregen.

Rede Die Rede, die anschließende Diskussion sowie ein Werkstattgespräch sind unter www.literaturhaus-stuttgart.de kostenlos abrufbar. Dort findet sich ab 16.2. auch der Literatur-Podcast „Flausen“ mit dem Autor. Im März erscheint Kehlmanns Rede „Mein Algorithmus und ich“ bei Klett-Cotta.

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