Hedwig Pahl damals und heute. Foto: Privat/Lichtgut/Leif Piechowski/Montage: Pichlmaier
Als Kind ist Hedwig Pahl krank und stigmatisiert, da der Vater KPD-Mitglied ist. Dann erhält sie eine Geige – und wächst über sich hinaus. Nun wird die Professorin 100.
Mit vier Jahren stirbt sie fast an einer doppelseitigen Lungenentzündung. Dann sagen die Ärzte, sie werde wegen eines Herzfehlers nie über die Pubertät hinwegkommen. Sie überlebt die Bombenangriffe in Stuttgart vom September 1944, dann Brustkrebs im Erwachsenenalter. Sie erholt sich selbst noch mit 98 Jahren von einem Schädelbruch, nachdem eine Dame mit Rollator sie auf einem Wochenmarkt zu Fall brachte.
Dieses Jahr wird Hedwig Pahl 100 Jahre alt und öffnet ohne Gehhilfe ihre Wohnungstür in Stuttgart-West. Ihr Lebenselixier liegt in einem rechteckigen Kasten unter einem Samttuch. „Meine Landolfi“, sagt sie und streicht über das Fichtenholz. „Ich habe alles der Geige zu verdanken.“
Eine Reise zurück in ihre Kindheit
Es braucht ein paar Anläufe, bis Hedwig Pahl bereit ist, von sich zu erzählen. Sie ist neugierig, stellt selbst gern Fragen. Dann aber reist sie zurück in ihre Kindheit, schildert diese lebendig und detailreich, als sähe sie das schüchterne Mädchen, das sie einst war, direkt vor sich.
Ihr Elternhaus bietet nicht gerade den Nährboden für eine Künstlerkarriere. Der Vater ist zwar Rechtsanwalt und hat eine Kanzlei in Stuttgart. Aber er gehört der kommunistischen Partei an und darf nach März 1933, nach Erlass der Reichstagsbrandverordnung, seiner Arbeit nicht mehr nachgehen. Zeitweise bangt er im KZ um sein Leben. Die Mutter ist eine Bauerntochter, die Pullover strickt, um die Familie zu ernähren. „Es war eine Liebesheirat“, sagt Hedwig Pahl. „Aber wir waren bitterarm.“ Hinzu kommt ihr Herzfehler. Wenn die anderen Schüler nachsitzen, soll „das Hedwigle“ rasch heim. Auf dem Nachhauseweg muss immer der Vater kommen, um sie die Treppe vom Leipziger Platz zur Bismarckstraße hochzutragen. „Das war mir alles gar nicht recht.“
Der Vater Lothar Pahl Foto: privat
Das Leben scheint für sie keinen Platz vorgesehen zu haben. Bis sie eines Tages mit zwölf Jahren im Volksempfänger der Eltern die Fünfte von Beethoven hört. Die Nazis hatten das Stück, das an die „germanische Kraft“ erinnern soll, für ihre Propaganda vereinnahmt. Auf die kleine Hedwig entfaltet es seine ganz eigene Wirkung. „Darin steckte für mich die ganze Erlösung von der Leere, die das Dritte Reich verbreitet hat“, erinnert sie sich. „Von da an sah die Welt anders aus.“
Sie hat nun ein Ziel: Sie will ein Instrument spielen. Viel zu teuer, sagen die Eltern. Zum Singen aber fehlt ihr das Selbstvertrauen. Als sie beim Zeugnissingen im Königin-Olga-Stift-Gymnasium keinen Ton herausbringt und ein „Ungenügend“ erhält, sucht ihre Mutter den Musiklehrer auf. Herr Eichele zeigt Verständnis und macht einen Vorschlag: „Ich leite einen Flötenkurs, der ist umsonst. Vielleicht schafft sie den Anschluss. Und so ein Flötle kostet vier Mark.“ Zwei Monate später tritt sie beim Tag der Hausmusik auf, allein, und spielt ein Kinderlied. Alle Schüchternheit ist verflogen.
Wieder geht die Mutter an die Schule, diesmal auf Bitten von Herrn Eichele. „Das Mädle muss Geige oder Klavier spielen. Das kann man sonst nicht verantworten“, beschwört er sie. Die Eltern wenden sich an den Großvater. „Könnt’ sei, dass auf der Bühne noch a alt’s Geigle liegt.“ Er lässt das Instrument richten und bezahlt Unterricht bei Herrn Schultheiß in der Klopstockstraße. Eine halbe Stunde pro Woche, neun Mark im Monat. Schon nach dem ersten Besuch sagt die Zwölfjährige: „Ich werde Geigerin.“
Vater spricht in der Stadtbahn Mann mit Bratschenkasten an
Den Großeltern verdankt sie auch ihren ersten Konzertbesuch. Sie haben damals noch eine Karte übrig für das Stuttgarter Staatstheater. Die amerikanische Geigerin Guila Bustabo steht mit Brahms Violinkonzert auf dem Programm. „Mir kommen heute noch die Tränen, wenn ich daran zurückdenke.“ Und sie begreift: „So wie ich spiele, spielt man nicht. Ich brauche einen anderen Lehrer.“ Die Eltern sind ratlos: „Aber du spielst doch so nett.“ Hedwig insistiert: „Nein. So geht es nicht weiter.“
Der Vater, den die Not der Tochter bedrückt, spricht in der Straßenbahn einen Herrn mit Bratschenkasten an. Es ist Herr Köhler, Bratschist beim Theaterorchester „Schicken Sie sie zu mir“, sagt er. Hedwig spielt vor und landet bei seiner gestrengen Kollegin Frieda Schilke, die ihr sämtliche Ševčík-Etüden aufgibt. „Ich übte wie eine Verrückte“, erzählt Hedwig Pahl. Im Haus regt sich Unmut über „das ständige Gefiedel“. Wieder hilft Musiklehrer Eichele aus der Patsche. Sie erhält den Schlüssel zur Instrumentensammlung der Schule.
Die Suche nach der Geige
Irgendwann ist Frieda Schilke am Ende mit ihren Etüden. „Du kannst jetzt auf die Musikhochschule“, sagt sie. „Aber nicht mit diesem Instrument.“ Hedwig Pahl, mittlerweile eine forsche 15-Jährige, klappert die Geigenbauer der Stadt ab. „Haben Sie mir vielleicht eine ganz besonders günstige Geige?“ Kopfschütteln, abweisende Gesten. In der Rotebühlstraße erlebt sie dann das ersehnte Wunder. In einem Garten entdeckt sie ein Schild mit der Aufschrift „Hans Klotz, Geigenbaumeister“. Dieser will sie vom Fenster aus abwimmeln. „Hab’ schon alles fortgebracht, muss in den Krieg ziehen.“ Er sieht ihr enttäuschtes Gesicht und besinnt sich. „Naja, zwei hab’ ich noch hier.“ Sie spielt darauf, er ist entzückt. „Hier, nehmen Sie die“, sagt er. „Sie können mir was dafür geben, wenn ich den Krieg überlebe.“
Geigenschülerin Helga Breuninger Foto: privat
Hedwig Pahl erlebt das schönste Jahr ihres Lebens. Sie geht täglich in die Württembergische Hochschule für Musik, ein Prachtbau mit großen Treppenaufgängen. Selbst sonntags verschafft sie sich Zutritt über die Hinterseite. Dann wird auch ihr Leben vom Krieg erfasst. 1942 wird die Hochschule nach Trossingen verlegt. Dort erhält sie nur noch wenige Stunden Theorieunterricht, bevor die Studenten 1944 verpflichtet werden, bei dem Mundharmonikabauer Hohner Zünder für die Rüstungsindustrie herzustellen.
Im September 1944 wird Hedwig Pahl Zeugin der schlimmsten Bombenangriffe in Stuttgart. „Wir Streicher sollten auf Wehrmachtstournee gehen“, erzählt sie. In Stuttgart übernachtet sie in ihrem verwaisten Zuhause in der Bismarkstraße 108 – der Vater ist an der Front, die Mutter mit der jüngeren Schwester bei Verwandten in Steinheim am Albuch. Geweckt durch den Fliegeralarm rettet sie sich, die Geige umklammert, in einen Luftschutzstollen unterhalb des Westbahnhofs. „Als wir raus kamen, lag das Haus, in dem ich gerade noch geschlafen hatte, in Trümmern.“ Auf der Suche nach einer Bleibe sucht sie die Großeltern auf, die am Bismarkplatz wohnen – und sieht, wie der Turm der Pauluskirche in sich zusammen bricht.
Flucht aus der brennenden Stadt
Drei Nächte harrt sie bei den Großeltern aus, bis klar wird, dass sie raus müssen aus der Stadt. „Es gab kein Wasser, es war heiß, alles verrußt.“ Am Bismarckplatz hält sie Ausschau nach Autos. Irgendwann stoppt ein Wagen mit Soldaten. „Steigen Sie auf, junges Fräulein.“ Sie sagt: „Aber nur, wenn meine Großeltern und meine Tante mitdürfen.“ Die Großmutter kommt ins Führerhaus, die anderen müssen nach hinten. So gelingt die Flucht aus der brennenden Stadt.
Zurück bei Hohner fällt die zarte Hedwig Pahl eines Tages in Ohnmacht und kommt in ein Krankenhaus. Dort steckt sie sich mit Diphtherie an – just als sie den Stellungsbefehl erhält, sich bei der Flak in Ludwigsburg zu melden. Als sie endlich genesen ist, bittet sie darum, vorher noch der Mutter ihre Geige nach Steinheim zu bringen. Dort bleibt sie, bis wenige Tage später, im März 1945, die Amerikaner in Steinheim einmarschieren.
Jeden Tag eine Stunde Geige spielen für die Amerikaner
Hedwig Pahl ist gerade am Geigeüben, als die Soldaten in ihr Haus eindringen. „Spielen Sie für uns“, sagt der Anführer. Sie setzt ängstlich an, spielt Bachs Violinkonzert a-moll. „Moment.“ Der Soldat winkt weitere 20 Mann ins Zimmer. „Mir blieb grad so viel Platz, dass ich spielen konnte“, erinnert sich Pahl. Ihr Haus bleibt unbesetzt – dafür muss Hedwig Pahl jeden Tag eine Stunde lang für den Amerikaner Geige spielen. So geht für sie der Krieg zu Ende.
Hedwig Pahl will rasch zurück nach Stuttgart, um weiter zu studieren. Im Sommer 1945 läuft sie die ganze Strecke zu Fuß. In Sonnenberg kommt sie bei einer Kommilitonin unter. Während sie wieder mal übt, klopft eine Frau an der Tür. „Könnten Sie meine Tochter unterrichten?“ Sie zögert. „Ich studiere noch.“ Die Mutter lässt nicht locker. So kommt sie zur ersten Schülerin.
Mit 88 Jahren verabschiedet sie den letzten Schüler
Sie findet eine Wohnung für sich und ihre Familie, wieder im Stuttgarter Westen. Bald geht es zu wie ihm Taubenschlag. Die Freundin der Schülerin will auch zu ihr, die Nachbarin schickt ihren Sohn. „Ich hatte ruckzuck ein ganzes Ensemble zusammen.“ Vom Unterrichtsgeld kann sie bald Geigenbauer Klotz, der unbeschadet heimgekehrt ist, 1000 Mark für die Geige geben.
Sie schließt ihr Studium ab. Die Lehre bleibt ihre Leidenschaft, nicht der große Auftritt. „Die Geige gab mir einen Lebensinhalt, den musste ich weitertragen.“ Ihr pädagogisches Talent spricht sich herum. Sie wird Professorin in Trossingen, gibt aber weiter Privatunterricht in Stuttgart, darunter prominenten Kindern wie Helga Breuninger oder dem Sohn des Bürgermeisters Christian Fahrenholz, der sich allerdings schwer tut. Andere Schüler spielen heute für Spitzenorchester wie den Bamberger Symphonikern. Mit 88 Jahren verabschiedet sie den letzten Schüler. „Wegen meines Gehörs. Sonst hätte ich weitergemacht.“
Heute rührt sie die Geige nicht mehr an. „Das mag ich mir nicht anhören“, sagt sie. Lieber hört sie zu, wenn ehemalige Schüler von ihren Erfolgen mit der Geige berichten. Viele kommen sie weiterhin besuchen. „Neulich kam eine ehemalige Schülerin mit ihrer Tochter“, erzählt sie. Das Mädchen spielte ihr ein Ständchen.
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