Stuttgarterin kämpft um Gerechtigkeit Heimerziehung und Missbrauch – Fürs Leben gestraft

Der Alltag in vielen Heimen war geprägt von Unterordnung, Abwertung und Einsamkeit. Foto: Landesarchiv Baden-Württembergi

Die große öffentliche Debatte um misshandelte Heimkinder in den 1950er und 1960er Jahre ist abgeebbt. Aber ganz für sich kämpfen weiter viele Menschen um eine kleine Rente, um Gerechtigkeit und um ihre Würde – auch die 85-jährige Anna Widum aus Stuttgart.

Klima/Nachhaltigkeit : Thomas Faltin (fal)

Anna Widum besitzt ein Löwenherz. Es ist voller Stärke und Mut, auch wenn dieser Mut oft aus der Verzweiflung geboren ist. Die Stuttgarterin, deren Name zu ihrem Schutz geändert ist, wagt es, sich bei einer Veranstaltung dem katholischen Bischof in den Weg zu stellen und um ein Gespräch zu bitten. Sie schreibt und ruft die Diözese an, immer und immer wieder. Und sie schleppt sich trotz mittlerweile schwerer Erkrankung zu Gesprächsabenden von Betroffenen, die vage Hoffnung hegend, dort noch von einem Weg zu hören, wie sie Gerechtigkeit erfahren könnte.

 

Nein, auch mit 85 Jahren kann Anna Widum nicht aufhören zu kämpfen gegen die himmelschreiende Ungerechtigkeit, die ihr Leben mit einer schwarzen Patina überzogen, die ihr Leben in Teilen zerstört hat. Ein Dutzend Jahre lang hat sie als Kind und Jugendliche, zwischen 1946 und 1961, in der Fremde verbringen müssen, in katholischen Heimen, unter Nonnen und Pfarrern, die glaubten, man müsse die Seele eines Kindes brechen, damit aus ihm ein ordentlicher Mensch werde. Gerade in dieser prägenden Phase des Lebens, in der Liebe und Vertrauen das Allerwichtigste sein sollten, hatte sie fast nur Feinde um sich herum, die ihr eintrichterten: „Aus dir wird nie etwas.“ Jetzt aufzugeben, wäre ein Eingeständnis, dass diese anderen, diese Bösen und Mächtigen, Recht behielten. „Solange mein Kopf mitmacht, lasse ich nicht nach“, sagt Anna Widum.

Eines Morgens wurde die Sechsjährige einfach abgeholt

Es war ein Schock für das sechsjährige Mädchen, als eines Morgens unbekannte Menschen vor der Wohnung auftauchten und Anna einfach mitnahmen. Die Mutter steckte dahinter, sie wollte offenbar das Kind loswerden. Warum weiß Anna Widum bis heute nicht, womöglich war sie ein uneheliches Kriegskind, die Mutter hat ihr nie etwas erzählt. Und seit Anna 14 war, hat sie nie wieder mit ihr gesprochen.

Zunächst kam Anna in ein Kinderheim der Barmherzigen Schwestern von Untermarchtal, mit etwa acht Jahren wurde sie dann von heute auf morgen in das Heim St. Anna in Leutkirch gebracht. Dort habe es regelrechte Prügelorgien gegeben, erinnert sie sich: „Wir mussten uns bis auf den Schlüpfer ausziehen und wurden mit einem Bambusstab grün und blau geschlagen.“ Es habe keinen einzigen Tag ohne Schläge gegeben. Jugendamt, Lehrer, Besucher – sie schauten alle weg. Die Kinder waren ausgeliefert.

Nachts musste sie oft stundenlang halbnackt im Flur unter einem Christuskreuz stehen bleiben, auch im Winter, und durfte sich nicht rühren – das war die Strafe, wenn es im Schlafsaal mit 30 Mädchen nicht mucksmäuschenstill blieb. Dann zogen die Nonnen willkürlich ein paar Mädchen heraus. Sie erinnert sich, dass sie allein in einen dunklen Keller gesperrt wurde. Oft gab es verschimmeltes Brot, und wenn man es nicht essen wollte, wurde man dazu gezwungen. Einmal habe sie sich erbrechen müssen, habe das Erbrochene aber wieder runterwürgen müssen. So fasst sie jene Zeit zusammen: „Mein Leben war von Angst geprägt, immer nur Angst, da ich für alles die Schuld bekam.“

Das Böse austreiben – diese Vorstellung von Ordnung und Unterwerfung war damals gang und gäbe in vielen Heimen, das haben mittlerweile viele Studien nachgewiesen. Mehr als eine Million Kinder und Jugendliche mussten diese schwarze Pädagogik in Deutschland bis in die 1970er-Jahre hinein über sich ergehen lassen, viele, sehr viele sind daran zerbrochen. Erst nach der Jahrtausendwende kam, vorangetrieben durch die ehemaligen Heimkinder selbst, eine erste Welle der Aufklärung, vor allem nach dem Abschlussbericht eines Runden Tisches zur Heimerziehung im Jahr 2010. Mittlerweile ist das Thema aber wieder weitgehend aus der Öffentlichkeit verschwunden. Nur für die Betroffenen ist es nie vorbei.

Als sie das erste Mal über ihre Geschichte sprach, war sie lange krank

Anna Widum verließ Leutkirch mit zehn Jahren, schon damals hat sie sich in den Einrichtungen widersetzt und darum gekämpft, heimzudürfen. Doch sie war nicht willkommen zuhause, wie ein Aschenputtel wurde Anna behandelt und gegenüber der älteren Schwester benachteiligt.

Mit 14 Jahren war der Bruch mit der Familie dann endgültig, und Anna musste zurückkehren nach Untermarchtal, wo sie im Heim zum Guten Hirten in der Wäscherei arbeitete. Offiziell war es eine Lehre, aber ihr wurde kaum etwas beigebracht, stattdessen eine Woche waschen, eine Woche bügeln, und von ihrem Gehalt sah sie nie etwas.

Auch im Guten Hirten wachten keine christlichen Menschen über ihre Lämmchen. Im Gegenteil. Als sie 15 war, holte ein älterer Pfarrer sie mehrfach zu sich ins Zimmer. Er ließ die Hose herunter und sie musste ihn mit der Hand befriedigen.

Über viele Erlebnisse kann Anna Widum bis heute nicht sprechen, zu sehr würden alte Wunden aufgerissen. Als sie vor zwölf Jahren das erste Mal ihre Geschichte erzählte, war sie danach lange krank. Mit 17 schaffte sie es, nach Stuttgart in verschiedene Mädchenheime zu kommen, wo es teilweise besser war. Erst mit 21, als man damals volljährig wurde, kam sie endgültig frei und konnte selbst entscheiden, was sie tun wollte. Sie war zunächst als Hilfsarbeiterin tätig, um ihre Miete für eine Einzimmerwohnung bezahlen zu können, hat aber abends in Gaststätten gearbeitet, um etwas Geld zur Seite zu legen. Damit bezahlte sie Fortbildungskurse und konnte ins Druckgewerbe wechseln.

Trotzdem lebt sie heute von einer kleinen Rente und Grundsicherung. In der Wohnung darf nichts kaputt gehen, das würde sie finanziell in die Bredouille bringen. Geheiratet hat sie nie: „Ich bin seit den Jahren im Heim nicht mehr beziehungsfähig.“

Trotz allem ist der Kern ihrer Seele unbeschädigt

Im Gespräch mit Anna Widum fragt man sich oft, was aus ihr geworden wäre, wenn sich die Menschen, allen voran ihre Mutter, fürsorglich um sie gekümmert hätten. Denn Anna Widum ist intelligent, strukturiert im Denken und willensstark, sie hat keine Angst vor vermeintlichen Obrigkeiten. Und sie zieht sich entsprechend ihrer Möglichkeiten noch immer adrett an. Was man ihr einflüsterte – dass sie es nie zu etwas bringen würde – war nie richtig und hat sich deshalb zumindest im Kern ihrer Seele nicht bewahrheitet. Anna Widums größter Erfolg ist, dass sie sich nicht hat brechen lassen.

Zwei Mal hat auch sie eine Entschädigung erhalten. Das erste Mal vor gut zehn Jahren, nachdem der Fonds Heimerziehung gegründet worden war, in den Bund, Länder und Kirchen insgesamt 485 Millionen Euro einzahlten – Anna Widum hat 7500 Euro erhalten. Das zweite Mal war vor zwei Jahren. Die Unabhängige Kommission für Anerkennungsleistungen (UKA) bei sexuellem Missbrauch entstand 2021 und wird von der katholischen Kirche getragen; bis Ende 2023 wurden 57 Millionen Euro bei aktuell knapp 3000 Anträgen ausbezahlt. Anna Widum erhielt 8000 Euro und – so ist sie halt – nach einem Widerspruch nochmals 2000 Euro.

Zusammen sind das also 17 500 Euro. Wiegt das eine Kindheit voller Demütigungen, Angst und Prügel auf und ein Leben mit wenig Wärme und Rückhalt?

Entschädigung orientiert sich an vergleichbaren Gerichtsfällen

Stefan Vesper, der Koordinator in der Geschäftsstelle der UKA, verteidigt das Vorgehen der Kommission mit Nachdruck. Sie orientiere sich bei der Bemessung der Entschädigung am oberen Rand dessen, was deutsche Gerichte in vergleichbaren Fällen an Schmerzensgeld zumessen würden. Sie bestehe aus erfahrenen Richtern, Psychologen und Ärzten und entscheide völlig unabhängig von der Kirche. Zudem müssten keine lückenlose Nachweise über einen Missbrauch vorgelegt werden, es reiche, wenn die Schilderungen plausibel sind. In allen Diözesen und Orden gebe es daneben rund 200 Ansprechpersonen, die Betroffene beim Ausfüllen der Anträge unterstützen.

Matthias Katsch, selbst ehemaliges Heimkind, sieht das ganz anders. Er ist der Geschäftsführer des Vereins Eckiger Tisch in Berlin, der sich seit 2010 für die Betroffenen einsetzt und Beratungen anbietet. Er sagt: „Viele machen negative Erfahrungen im Kontakt mit der Kirche, und sehr viele Betroffene möchten mit der Organisation, die jahrzehntelang die Täter geschützt hat, überhaupt nichts mehr zu tun haben.“ Vor allem kritisiert Katsch, dass das Verfahren der UKA intransparent sei – eine Begründung, wie die Kommission zu ihrer Entscheidung und auf eine bestimmte Entschädigung kommt, gebe es nie. Oft dauere die Bearbeitung ein Jahr oder länger.

Von der Kirche erhält sie eine Entschädigung – und Kanzleitrost

Auch im Fall von Anna Widum lehnt Stefan Vesper eine nachträgliche Begründung ab. Für sie ist das Fazit klar: „Wir müssen nochmals zu Kreuze kriechen und werden mit Almosen abgespeist, während die Kirche vielen Täter weiter ihre Pensionen zahlt.“

In der Diözese Rottenburg-Stuttgart sieht man Widums Akte jedenfalls durch die Entschädigung der UKA als geschlossen an. Anna Widum erhielt zwar ebenfalls Hilfe bei der Antragstellung, seither bekommt sie aber nur noch Kanzleitrost. „Briefe wie Ihrer sind uns Ansporn, dass wir nicht nachlassen in unserem Bemühen“, heißt es in einem Brief. In einem anderen Schreiben wird auf die ausbezahlte Summe verwiesen und dass man deshalb nichts weiter tun könne: „Wir bitten Sie dennoch, unsere ausgestreckte Hand anzunehmen.“

Anna Widum macht das wütend. Dieses Abwiegeln, Weiterverweisen und Ruhigstellen kenne sie zur Genüge. Sie erwarte keine Betroffenheit, kein Mitleid und auch kein Verständnis: „Es geht mir um eine Entschädigung für das, was nicht wieder gut gemacht werden kann, wenigstens für die wenigen Jahre, die mir noch bleiben.“

Was sie sich wünscht, ist eine monatliche Rente, durch die das Leid gewürdigt wird, das ihr widerfahren ist. Dass dies kein utopischer Wunsch ist, hat Österreich vorgemacht. Dort erhalten alle Betroffenen, die schon anerkannt worden sind, ohne weitere Nachweise 300 Euro mehr Rente pro Monat.

In Österreich erhalten Betroffene eine monatliche Zusatzrente

Vielleicht versucht Anna Widum noch einen zweiten Widerspruch bei der UKA, weil sie der Meinung ist, dass die gravierenden Folgen für ihr ganzes Leben nicht ausreichend berücksichtigt wurden. Keine rechte Ausbildung, keine Familie und immer dieses Gefühl von Schuld und Scham – wie soll sich das überhaupt in Geld aufwiegen lassen? Ansonsten könnte sie nur noch vor Gericht klagen – doch dazu hat sie weder das Geld noch die Nerven.

Und sowieso läuft Anna Widum die Zeit davon. Da schwingt dann doch ein Hauch von Resignation mit, wenn sie sagt: „Die wollen nicht und sitzen es aus.“

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