Wenn Andrea Schwarz auf der Straße eine Jüngere sieht, die dem Essen entsagt wie sie selbst, würde sie am liebsten auf sie zugehen und sie umarmen. Wie oft hat sie sich ausgemalt, wie sie ihr zuraunt: „Ich weiß, wie es Dir geht.“ Sie kenne diese innere Qual so gut. „Mach ganz schnell was! Bevor es chronisch wird!“ Diese Botschaft würde sie der anderen gerne sagen. Aber sie traut sich nicht. Sie selbst hätte damals jeden „weggestoßen“, der sich ihr so genähert hätte. Sie hätte es als übergriffig empfunden, von einer Fremden auf ihre Magersucht angesprochen zu werden. Und das wäre es ja auch, meint sie. Und dennoch: „Ich sehe die Folgen“, sagt die 65-jährige Stuttgarterin. Besser gesagt: Sie spürt sie. Jeden Tag.
Auf ihrem Tisch im Wohnzimmer liegen lauter Tablettenpackungen. Andrea Schwarz, die eigentlich anders heißt, ist auf starke Schmerzmittel angewiesen. Gerade versucht sie, von der Höchstdosis runterzukommen, aber das ist schwer. Sie habe immer gewusst, dass Magersucht zu Osteoporose, also porösen Knochen, führt. Gerade, wenn man so lange an Anorexie leidet wie sie – ganze 50 Jahre lang. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung weist darauf hin, dass der Knochenschwund umso ausgeprägter sei, je länger das Untergewicht anhält. Aber was es tatsächlich bedeutet, starke Osteoporose zu haben, das hat sich Andrea Schwarz nicht ausmalen können.
Drei Wirbel und das Kreuzbein sind gebrochen
Sie holt ihre Querflöte aus dem Regal. Bedächtig schraubt sie das Instrument zusammen. Das hat sie schon lange nicht mehr gemacht. Wie gerne würde sie sie an die Lippen führen und ihr Töne entlocken. Eine Sonate von Bach anstimmen, das wäre wundervoll. Stattdessen legt sie sie nur auf den Tisch, kreuzt die Arme darüber, um zu zeigen, was nicht geht. Sie hat seit Monaten nicht gespielt. So wie sie seit Monaten nicht mehr gesungen hat, weil ihre erlittenen Knochenbrüche ihr auch das verbieten. Beim letzten Auftritt ihres geliebten Chores saß sie zumindest im Publikum. Aber selbst nicht mitsingen zu können, das tut weh.
Sie sei immer sehr aktiv gewesen. Das gehörte zu ihrem Selbstbild. Die Chorprobe war natürlich Pflicht, dazu machte sie Pilates, ging sie zweimal die Woche Schwimmen, außerdem ins Fitnessstudio. Doch dann fuhr im März beim Gerätetraining ein heftiger Schmerz in sie. Das war ihr erster Wirbelbruch. Zwei Lendenwirbel, einen Brustwirbel und das Kreuzbein hat sie sich inzwischen gebrochen. Einfach so. Sie traut sich nicht mal mehr ins Wasser. „Ich habe Angst – man macht eine Bewegung und es ist etwas gebrochen“, sagt Andrea Schwarz.
Die Todesrate ist hoch bei Magersucht
Essstörungen seien „nicht nur ein Pubertätsthema“, betont Julia Hirschmüller von der Anlaufstelle bei Essstörungen (Abas) in Stuttgart. Wie im Fall von Andrea Schwarz könne sich die Essstörung über das ganze Leben erstrecken. Da gebe es auch bei Ärzten noch zu wenig Wissen, so die Sozialpädagogin. Zwar kommen die meisten Beratungsanfragen, die Abas erreichen, von Jüngeren oder deren Angehörigen. Aber die Zahl der 50- bis 59-jährigen Klienten sei 2023 von drei auf fünf Prozent gestiegen. Gerade die Wechseljahre seien für viele eine herausfordernde Zeit – und so manche ehemals Betroffene bekomme in der Lebensmitte einen Rückfall. Auch Über-60-Jährige würden die Anlaufstelle kontaktieren.
Generell gelte: „Es gibt diejenigen, die die Essstörung überwinden, diejenigen, die phasenweise an einer Essstörung leiden, und die, bei denen sich die Essstörung chronifiziert“, sagt Hirschmüller – das Verhältnis betrage jeweils ungefähr ein Drittel. Je eher man sich Unterstützung hole, desto besser, betont die Expertin und weist auf die Gefahren hin, die gerade eine Magersucht mit sich bringt. Die Todesrate sei hoch. Laut der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung ist das Sterberisiko von Menschen mit Magersucht fünffach höher als das Gleichaltriger. Es wird geschätzt, dass zehn bis 15 Prozent der Erkrankten an ihrer Anorexie sterben.
Im betreuten Wohnen steht sie auf der Warteliste
„Ist das alles einmal chronisch, gibt es kaum noch einen Weg raus“, meint Andrea Schwarz, deren Leben sich auf einem „Grat zwischen Leben und Tod“ bewegt habe. Gerade fühlt sie sich, als wäre sie schon 80 Jahre alt. Ihr Leben sei „komplett auf null“ gefahren. Plötzlich sei sie wegen der Osteoporose bei ganz vielen Dingen auf Hilfe angewiesen. Im Supermarkt kann sie keinen Einkaufswagen schieben. Ist die Waschmaschine durchgelaufen, muss sie wegen des Gewichts jedes Teil einzeln herausnehmen. Im betreuten Wohnen steht sie auf der Warteliste. Dabei sei sie immer stolz auf ihre Eigenständigkeit gewesen.
Sie hofft, dass Eltern oder Betroffene ihre Geschichte lesen – und handeln. Sie habe immer wieder mitbekommen, dass andere den Weg aus der Magersucht fanden, weil sie früh eine Therapie machten. Sie selbst war spät dran, schon Ende 20, als sie das erste Mal in die Klinik kam. Das lag auch daran, dass sie lange gar nicht wusste, was sie hat. Als Schülerin kannte sie die Diagnose Anorexie schlicht nicht.
Früher habe man Magersüchtige wie „Abartige“ behandelt
Sie hat allerdings keine guten Erinnerungen an ihre erste Klinik im Allgäu. Die Therapie sei damals ganz anders gewesen als heute. Man habe Magersüchtige wie „Abartige“ behandelt. Die ersten neun Wochen waren für sie besonders „traumatisch“: Sie war „in Klausur“ in ihrem Zimmer. Nicht einmal ein Buch habe sie lesen dürfen. Das einzige, was sie bekam, war Essen: fünf Mahlzeiten pro Tag. Aß sie die Butter nicht, fand sie die Portion das nächste Mal erneut auf dem Tablett. So lange ging das, bis sie die geforderten 50 Kilo erreichte. In ihrer Erinnerung hatte sie einen aufgeblähten Bauch und dicke Backen. Das klingt unwahrscheinlich. Aber den Therapeuten gelang es offensichtlich nicht, ihr ein realistisches Körperbild zu vermitteln.
Dieser erste Klinikaufenthalt habe „alles nur schlimmer gemacht“, sagt sie. Später hat sie die Zeit aufgearbeitet. Zehn Jahre lang machte sie eine klassische Psychoanalyse, legte sich einmal die Woche beim Therapeuten auf die Couch. Er habe sie einfach reden lassen, keinen Druck ausgeübt und sie habe „von ganz alleine zugenommen“.
Sie sei immer unerbittlich mit sich gewesen
Aber ganz überwinden konnte sie die Magersucht auch da nicht. Sie konnte sich nie von ihrem inneren „Verbot zu leben und zu genießen“ lösen. Dass Magersüchtigen unterstellt werde, einem Schönheitsideal nachzueifern und deshalb zu hungern, regt sie auf. „Ich fand mich nie schön.“ Bei der Magersucht gehe es viel mehr um Kontrolle, die bei ihr zum Zwang wurde. Sie sei immer unerbittlich mit sich selbst gewesen.
Als es dann im März los ging mit den Brüchen, dachte sie: „Jetzt wirst du bestraft.“ Diese Härte mit sich selbst sei typisch für sie. Sie versucht, liebevoller mit sich selbst umzugehen. Ihr Leben sei zudem „nicht so schlecht“ gewesen, das betont sie mehrfach. Sie habe viele tolle Freunde, die ihr wie ihre Geschwister zur Seite stehen. Und sie liebt die Kinder ihrer Geschwister. Eigene konnte sie wegen der Magersucht nicht bekommen.
Mit dem Essen ist es weiterhin schwierig. Gelingt es ihr, an einem Tag mal mehr zu essen, fühlt sie sich nicht gut, sondern schlecht. Dann bestrafe sie sich am Tag drauf umso mehr. Dabei weiß sie von ihrer Ärztin, dass jedes Gramm mehr gut für sie wäre. Sie weiß so viel. „Warum schaffe ich nicht, was ich im Kopf habe, in die Tat umzusetzen?“
Dieser Text erschien erstmals 14. August 2024.
Offene Sprechstunden
Hilfe
Betroffene von Essstörungen aller Art und ihre Angehörigen finden in Stuttgart bei der Anlauf- und Fachstelle bei Essstörungen (Abas) Hilfe. Diese ist im Gesundheitsladen in der Lindenspürstraße 32 angesiedelt. Neben Gruppen- und Einzelangeboten gibt es dort zum Beispiel für den Einstieg ganz niedrigschwellige offene Sprechstunden. Diese sind kostenfrei und auch anonym möglich. Es gibt offene Sprechstunden für Erwachsene sowie Angehörige und für Jugendliche. Näheres zu den Terminen findet sich im Internet unter https://www.abas-stuttgart.de. Die Anlaufstelle ist unter Telefon 0711-30 56 85 40 erreichbar.