Stuttgarterin schreibt Roman „Schreiben ist politisch“ – junge Autorin über Dark Romance, KI und TikTok

Lisa Marie Menzel ist gerne in den Cafés rund um den Marienplatz im Stuttgarter Süden unterwegs. Foto: Sandra Belschner

Lisa Marie Menzel (25) schreibt gerade ihren zweiten Roman. Uns hat die Stuttgarterin erzählt, wie TikTok-Trends, Dark Romance und Künstliche Intelligenz ihr Schreiben beeinflussen.

Filderzeitung: Sandra Belschner (sbr)

In einer Welt, die vom Nexus beherrscht wird, verbirgt Valora ein gefährliches Geheimnis: Sie kann die Fäden des Lebens sehen und durch ihre Hautkunst lenken – eine verbotene Macht. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass sich Lisa Marie Menzel diesen Satz, der den Inhalt ihres zweiten Romans wiedergibt, mitten in der Nacht ausgedacht hat. Denn da schreibt die 25-Jährige am liebsten.

 

Dann, wenn alle um sie herum schlafen, taucht die Wahl-Stuttgarterin in ihre eigene Welt ab – und lässt dabei ihrer Fantasie freien Lauf. Aktuell schreibt sie ihren zweiten Roman, diesmal im Genre Romantasy. Dass dabei eine junge Frau, ihre Protagonistin Valora, die mächtigste Person im Buch ist, sei kein Zufall, sondern bewusst so gewählt, erzählt Lisa im Gespräch. Denn in der Vergangenheit habe sie einige Bücher gelesen, in denen das nicht der Fall war.

Gegenentwurf zu Dark Romance?

„Mir ist es bei meiner Arbeit wichtig, junge, starke, weibliche Figuren zu entwickeln und dafür zu sorgen, dass meine Protagonistin in einer Welt, in der ihr eigentlich nichts zusteht, etwas bewegt“, sagt Lisa. Für sie entstehe dabei das Gefühl, sich als Autorin die Kontrolle zurückzuholen, die Frauen „allgemein in der Welt fehlt“. Ihr Schreiben soll einen Teil zur Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern beitragen: „Ich will keine männliche Side-Figur, die am Ende des Tages wieder der Held ist und alle rettet“. Bücher zu schreiben sei mehr als sich Geschichten auszudenken: „Es ist immer auch politisch – allein die Entscheidung, welche Figuren eine Stimme bekommen oder wie man mit Themen wie Macht, Angst und Freiheit umgeht“.

Eine Debatte, die sich bei diesem Thema aufdrängt und die an einer jungen Autorin – vor allem im Romantasy-Bereich, wie Lisa erzählt – derzeit nicht vorbeigeht, ist die zum Genre Dark Romace. Also zu Büchern, die heterosexuelle Beziehungen und deren Machtverhältnisse behandeln – in der Regel mit drastischen Gewalt- und Sexszenen.

Während Kritikerinnen und Kritiker in den Büchern eine Romantisierung von Gewalt und toxischen Beziehungen und damit eine Gefahr für vor allem jüngere Leserinnen und Leser sehen, feiern Fans das Genre – vor allem auf TikTok. Sie sehen Dark Romance als Möglichkeit, sich mit dunklen Themen im sicheren Rahmen der Fiktion auseinanderzusetzen. Andere wollen einfach nur abschalten.

Lisa hat sich viel mit dem Thema auseinandergesetzt. Ihre Meinung zu Dark Romance sei vielschichtig, sagt sie. Sie hat sich aber bewusst dazu entschieden, keine gewaltvollen Szenen in ihren Büchern stattfinden zu lassen. „Ich finde es schwierig, wenn das junge Frauen lesen, weil es bei den Büchern keine Altersfreigabe gibt. Gleichzeitig sind diese Bücher aber optisch meistens schön und fröhlich gestaltet“. Nicht alle Leserinnen und Leser seien in der Lage, das Gelesene richtig einzuordnen.

Dennoch ist sie der Meinung, dass man Dark Romance Bücher, und vor allem die weiblichen Figuren darin, nicht degradieren dürfe. Schließlich sei das Schreiben und das Lesen dieses Genre auch ein Fortschritt: „Es ist ein Raum, in dem Frauen sich erzählerisch Macht und Kontrolle zurückholen und auch Tabuthemen erforschen können“. Ein Stück weit sei das auch feministisch, weil es dazu beitrage, offener über Fantasien, Grenzen und gesellschaftliche Rollen zu sprechen.

Mit Tinte auf Papier Emotionen erzeugen – der Anfang vom Schreiben

Der Wunsch eigene Bücher zu schreiben, ist in Lisas Kindheit entstanden. „Lesen war immer so ein großes Ding von meiner Mama“, erzählt sie. Weil die Neugier zu groß war und die Einschulung noch etwas dauerte, brachte ihre Mama ihr das Lesen zuhause bei. „Ich habe alles gelesen, was ich in die Finger bekommen habe“. Je älter Lisa wurde, desto mehr Fantasy-Romane seien dazugekommen. Ein Gedanke war dabei immer präsent: „Ich habe es bewundert, wie die Autorinnen und Autoren so viele Emotionen in mir hervorholen können, weil eigentlich ist es ja nur Tinte auf Papier“.

Für die damals 12-Jährige war klar, das will sie auch: Charaktere erfinden, Welten erschaffen, Geschichten erzählen – und damit andere Menschen berühren. Also fing sie an ein Buch zu schreiben. Schaute sich viel bei anderen ab, vermischte Genres und Stile. Doch sie blieb dran.

Damit, dass die Zeilen, die Lisa vor vielen Jahren in ihrem Kinderzimmer schrieb, in ihrem Erwachsenenalter nochmal so viel Bedeutung haben würden, habe sie nicht gerechnet. Doch genau das ist passiert. Denn durch Teile der Fantasy-Welt, die Lisa sich mit zwölf ausdachte, bewegen sich die Figuren ihres zweiten Romans, den sie gerade finalisiert. Doch wie kam es dazu?

New Adult, Angststörung und 400 000 begeisterte Leserinnen und Leser

Angefangen hat alles auf Whattpad, einer Plattform für Hobby-Autorinnen und Autoren, auf der fortlaufende Geschichten veröffentlich werden können. Für Lisa eine Möglichkeit Feedback von Fremden zu bekommen. Doch ans Veröffentlichen habe sie erstmal nicht gedacht, das Schreiben sollte ein Hobby bleiben. Ihre Fantasy-Geschichte wuchs und wuchs und erreichte irgendwann etwa 400 000 Aufrufe.

Doch Lisa konzentrierte sich zunächst auf ihr Abi – und die anschließende Reise nach Island. Dann kam die Pandemie, die Island-Reise war nicht mehr möglich – und Lisa flüchtete sich in ein neues Manuskript. „Ich habe zu der Zeit viele Bücher aus dem New Adult Genre gelesen und hatte einfach Lust auf etwas Neues“.

Also fängt sie an über eine junge Frau zu schreiben, die sich in einen geheimnisvollen Mann verliebt und mit vielen Ängsten zu kämpfen hat. Eine typische Geschichte, wie sie im New Adult Genre zu finden ist.

Ihren ersten Roman „Before Summer ends“ schrieb Lisa Marie Menzel während der Pandemie. Foto: Menzel

Von einer anderen Whattpad-Autorin erfuhr sie dann, dass diese den Schritt zum Verlag geschafft hatte. „Die Idee lies mich ab da nicht mehr los“, erzählt Lisa, „auf einmal war der Gedanke in meinem Kopf realistisch“. Sie überarbeitete das Manuskript und schickte es an denselben Verlag.

Wenig später hielt sie die Zusage in den Händen und ein paar Monate später ihren ersten Roman „Before summer ends“. „Das war krass. Ich kann es manchmal immer noch nicht glauben, dass das so schnell ging und ich jetzt wirklich Autorin bin“.

Zurück zum Ursprung – in die Fantasy-Welt

Dass sich Lisa nun dazu entschieden hat, für ihren zweiten Roman das Genre zu wechseln, hat zwei Gründe. Zum einen glaubt sie, man könne mit Fantasy leichter die Aufmerksamkeit von Verlagen, generell der Buchbranche, auf sich ziehen, weil „die Inhalte gut auf Social Media funktionieren“. Zum anderen wollte sie dahin zurück, wo ihr Schreiben seinen Ursprung hat.

Also kramt sie die vielen Seiten, die sie in ihrer Jugend getippt hat, nochmal hervor und überarbeitet sie. Sich surreale Welten und Fantasie-Figuren auszudenken, ist Lisas Lieblingspart. Doch einfach drauf los zu schreiben, funktioniert für die 25-Jährige nicht. Plotten lautet das Stichwort. Bedeutet: Die Kapitel müssen davor schon strukturiert und in Stichworten skizziert sein. Auch Dialoge finden erst in ihrem Notizbuch statt, bevor sie ihren Weg ins Manuskript finden.

Die Arbeit an ihrem Buch plant Lisa um ihre Arbeit im Social Media Bereich bei einem Unternehmen herum. „Ich plane mir feste Zeiten zum Schreiben ein, auch wenn es ein Hobby ist, man muss es priorisieren“. Doch obwohl das Schreiben Lisas größte Leidenschaft ist, fällt es ihr nicht immer leicht. „Es gibt natürlich auch Tage, das klappt gar nichts“. Dann helfe es ihr, das Projekt beiseitezulegen und sich mit anderen Dingen zu beschäftigen.

Künstliche Intelligenz und Schreibtipps für Anfängerinnen und Anfänger

Um kreativ zu sein, braucht es für Lisa auch das richtige Setting: aufgeräumter Schreibtisch, Kerzen, passende Musik. Auch künstliche Intelligenz? Das sei ein schwieriges Thema in der Buchbranche, sagt Lisa.

Sie selbst benutzt ChatGPT nur, um Ideen zu strukturieren, die noch unsortiert in ihrem Kopf liegen. Einen großen Vorteil sieht sie allerdings: „Ich lasse mir mit KI Bilder von meinen Protagonistinnen und Protagonisten erstellen“. Das helfe ihr dabei, sich ihre Geschichte besser vorstellen zu können.

Irgendwann einmal vom Bücherschreiben leben zu können, ist zwar Lisas Traum, aber nicht ihr Ziel: „Ich bin offen für alles, aber möchte den Spaß daran nicht verlieren“. Für angehende Autorinnen und Autoren oder Menschen, die gerne mehr schreiben möchten, hat Lisa ein paar Tipps:

  • Kein Druck und klein anfangen: Zum Beispiel Tagebuch schreiben oder poetisch erzählen, wie der Tag war
  • Bewusster Lesen: Warum gefallen manche Stellen mehr als andere? Wie lässt sich das umsetzen?
  • Auf die Umgebung achten: Gute Charaktere leben von ihren Eigenheiten – beobachte deine Mitmenschen
  • Geschriebenes auch immer laut lesen
  • Feste Zeiten zum Schreiben einplanen
  • Herausfinden, wo und wann man am besten schreiben kann

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