"Ich bin Single, na und?" Eigentlich könnte es so einfach sein: Mein Beziehungsstatus, mein Problem. Doch was ist mit Menschen, die am Anfang oder Mitten im erwachsenen Leben stehen und noch nie eine Partnerschaft hatten? Der erste Kuss, Händchenhalten und irgendwann kommt die Frage: "Willst du mit mir gehen"? Eine Umfrage der Ludwig-Maximilians-Universität München zeigt, dass Deutsche im Durchschnitt ihre erste Beziehung mit 14 Jahren haben. Doch das ist nicht die Norm, es gibt jede Menge Menschen, die es anders machen, sich vielleicht sogar bewusst gegen eine Beziehung entscheiden, noch nicht den passenden Herzensmenschen gefunden haben - und trotzdem glücklich sind. So ein Mensch ist die 21-jährige Annika.
"Stimmt etwas nicht mit mir?"
Die Stuttgarterin hatte noch nie eine Beziehung und sieht darin auch keinen Defizit. Das Singledasein an sich ist dabei gar nichts ungewöhnliches, denn laut einer Studie des Datingportals Elite Partner aus dem Jahre 2020 lebt jede:r zweite Deutsche zwischen 18 und 29 Jahren partnerlos. Jeder fünfte Single ist sogar Langzeit- oder Dauersingle. Annika bekommt dennoch immer wieder das Gefühl vermittelt, dass daran ja so gar nichts normal sei. "Die Frage nach dem Warum ist die häufigste, die ich gestellt bekomme", erzählt sie. "Ich habe mich gefragt, ob etwas nicht stimmt mit mir, warum jeder eine Beziehung hat - 'nur ich nicht'."
"Solche Worte sind sehr verletzend"
Gängige Reaktionen auf ihren Single-Status oder den Fakt, dass das schon immer so war, sind Sätze wie "liegt bestimmt an dir", "sei nicht zu wählerisch" oder "du bist aber verklemmt." Heute kann Annika darüberstehen, doch verletzend findet sie diese Worte schon. In ihrem Freundeskreis sei das allerdings kein Thema. Apropos Freund:innen: Eine Studie der US-Soziologen Natalia Sarkisian und Naomi Gerstel zeigt, dass Singles keineswegs einsam sind, denn sie pflegen Freundschaften ausgesprochen gut. Auch ihre sozialen Beziehungen waren intensiver als die von Menschen, die in einer Partnerschaft lebten. Alleinstehende hatten sowohl mit ihren Freund:innen als auch mit den Eltern, Geschwistern und sogar ihren Nachbar:innen mehr Kontakt als Verheiratete.
Trifft das Single-Stigma Frauen anders als Männer? Noch vor wenigen Jahrzehnten war es ganz normal, zu heiraten und eine Familie zu gründen und dadurch gesellschaftlich akzeptiert zu sein. Vor allem Frauen mussten einen Partner finden, um finanziell versorgt zu sein. Inzwischen leben in Deutschland 17,6 Millionen Menschen alleine, das entspricht einem Viertel der erwachsenen Menschen. Es kann vielerlei Gründen haben, warum sich jemand für ein Leben alleine entscheidet. Sicher ist aber: nicht jeder von diesen 17,6 Millionen Menschen will die große Liebe und die scheinbare Erfüllung einer Partnerschaft.
Normal bedeutet für jede:n etwas anderes
Auch Annika hadert oft mit dem Bild des einsamen Singles, der nur auf die große Erfüllung wartet. "Ich wünsche mir ein Umdenken in der Gesellschaft, was die Norm betrifft. Das, was als 'normal' im Hinblick auf eine Beziehung gilt, muss nicht für jeden gelten. Jeder Mensch ist anders und es ist eine individuelle Entscheidung, ob man eine Beziehung will oder nicht und welche Art von Beziehung oder Liebe man lebt." Dafür braucht es laut Annika vor allem Selbstakzeptanz, Toleranz und Austausch: "Vorurteile entstehen schnell, da das Gegenüber meist unwissend ist, wie verletzend so eine Aussage für eine Person wie mich sein kann und Kommunikation hilft meist dabei, dieses Unwissen zu vermindern."
"Ich bin offen und habe Hoffnung"
Die 21-Jährige aus Besigheim datet aktuell nicht. Auch wenn Dating-Services 2021 etwa neun Millionen Nutzer:innen verzeichnen konnten, kommt Online-Dating für Annika nicht in Frage: "Ich möchte meinen Partner im realen Leben kennenlernen." Bisher sprang der Funken allerdings nicht über. Wie viele andere Singles sehnt sich also auch Annika nach einer Beziehung und hat ihre Vorstellungen von gemeinsamen Werten wie Verständnis und Ehrlichkeit. Sie ist sich aber auch bewusst, dass das Geduld und Arbeit bedeutet. "Aber ich bin ganz offen und habe Hoffnung", so Annika.