Mit 14 plagten Ben* erstmals Albträume. Der heute 33-Jährige liegt damals stundenlang wach, kann nicht einschlafen, wälzt sich hin und her. Sein Arzt verschreibt ihm Tabletten. Das gefällt ihm nicht. Er möchte nicht regelmäßig Pillen schlucken. Mit 18 Jahren zieht er zum ersten Mal an einem Joint. Das ist okay, aber mehr auch nicht.
Mit 21 ersetzt er die Schlaftabletten durch Cannabis, raucht von da an häufig. Er ist Skater, geht im Winter Snowboarden. Seine Freunde kiffen alle – anfangs nur auf Partys, später dann täglich. 20 Gramm oder umgerechnet rund 200 Euro pro Monat verbraucht Ben damals. Er ist zu der Zeit Student. Das Rauchen schlägt auf den Geldbeutel. „Wie finanziere ich mir das weiterhin?“, fragte er sich irgendwann.
Er fängt an, selbst mit Cannabis zu dealen. „Drogen verkaufen, macht keinen Spaß“, sagt Ben. Er bekommt mitten in der Nacht Anrufe, manche Kund:innen sind anstrengend und er weiß: „Was ich mache, ist eine Straftat.“ Er dealt fast vier Jahre lang, verkauft rund 50 Gramm pro Woche und finanziert sich so seinen eigenen Konsum. Erst mit dem Ende des Studiums ist Schluss. Heute ist Ben 33 Jahre alt und hat einen anspruchsvollen Vollzeitjob. Er raucht noch drei Joints am Tag, dealt nicht mehr. Zwar weiß er, dass sein Konsum problematisch ist aber „wenn ich mit 50 langsam im Kopf bin, aber glücklich, ist das okay“, so der Stuttgarter.
Die am häufigsten konsumierte illegale Droge
Laut einer vom Bundesministerium für Gesundheit geförderten Studie aus dem Jahr 2018 ist Cannabis die am häufigsten konsumierte illegale Drogen der Europäischen Union. Etwa jeder vierte erwachsene EU-Bürger hat sie demnach schon einmal in irgendeiner Form ausprobiert. Der Konsum ist vor allem bei jungen Menschen verbreitet. Die Studie ergab, dass in der Altersgruppe der 15- bis 34-Jährigen 13,2 Prozent Cannabis in den letzten zwölf Monaten konsumiert haben. Bei den 18- bis 25-Jährigen sind es 17,6 Prozent.
Aktuell verbietet das Betäubungsmittelgesetz zwar nicht den Konsum von Cannabis, der Besitz, Handel und Anbau sind jedoch strafbar. Im Koalitionsvertrag der Ampel-Regierung steht allerdings, dass Cannabis in Deutschland künftig nicht mehr als Betäubungsmittel eingestuft werden soll. Der Besitz kleiner Mengen soll für Erwachsene nicht mehr pauschal illegal sein. Nun wird der Konsum von Cannabis in Deutschland ab April 2024 legalisiert, jedoch nur im privaten Rahmen und für Vereine.
Eierlikör auf Eis
Ben befürwortet eine Legalisierung. Er sieht keinen Vorteil darin, Menschen mit Suchtproblemen ins Gefängnis zu stecken: „Dort konsumieren sie weiter, ihre Zukunft ist zerstört und sie geraten in eine Art Abwärtsspirale.“ Viel wichtiger sei es, für einen geregelten Markt zu sorgen, bei dem man nicht wie bisher nur über Dealer an Cannabis und so oftmals an verunreinigte Stoffe und andere, schädlichere Drogen komme. Für ihn ist der Umgang mit Alkohol im Vergleich zu Cannabis unverhältnismäßig. „Ich habe schon als Teenager Eierlikör über mein Eis bekommen und Bier ist in Deutschland so billig. Das passt nicht zusammen.“
„Der Kopf wird schon matschig“
Die 24-jährige Leonie* sieht das ähnlich. Sie hatte 2015 in ihrem Freiwilligen Sozialen Jahr zum ersten Mal Kontakt mit der Droge Cannabis. „Mir hat das Kiffen anfangs gar nicht gefallen. Ich habe es nur gemacht, weil alle es gemacht haben.“ Nach dem FSJ hört sie auf, fängt dann im Studium wieder damit an. Als angehende Lehrerin hat sie hauptsächlich mit Geisteswissenschaftlern zu tun: „Da wird viel konsumiert.“ Zuerst schnorrt sie ab und zu bei Bekannten einen Joint, dann fängt sie an, Stoff selbst zu kaufen – nicht bei Dealern, sondern bei Freunden von Freunden.
Aktuell raucht Leonie beinahe täglich. „Das Leben ist so schnell und anstrengend.“ Das Rauchen ist eine Art Routine, mit der sie nicht von heute auf morgen aufhören kann – sie hat es mehrmals versucht aber nie durchgezogen. „Solange ich gut durchs Studium und meinen Alltag komme, ist das aber okay“, sagt die Stuttgarterin. „Klarer denken kann ich natürlich ohne Gras. Der Kopf wird schon matschig.“
Durch eine Legalisierung erhofft sich Leonie vor allem einen offeneren Umgang mit dem Thema. Sie wünscht sich in der Schule Aufklärung, so wie es aktuell bereits bei Alkohol erfolgt. Außerdem könne der Schwarzmarkt für Drogen eingedämmt werden. „Ich hoffe, dass dadurch die Qualität besser und gefährliche Beimischungen weniger werden.“
„THC würde durch Legalisierung bagatellisiert werden“
Lisa* ist da anderer Meinung: Die 33-Jährige kommt aus der Nähe von Stuttgart und hat in ihrer Jugend ein paar Mal Cannabis geraucht: „Allerdings war THC und dessen Wirkung nie wirklich meins und die Freund:innen, die schon mit 14 oder so angefangen haben zu Rauchen, fand ich ätzend. Es ging immer nur ums ‚Chillen und Kiffen’.“
Sie selbst arbeitet nun seit sieben Jahren in der Jugendhilfe mit einem Schwerpunkt auf Systemsprenger:innen und Gewaltdelikten. Für Lisa ist klar: „Cannabiskonsum beeinflusst die Hirnprozesse bei den Jugendlichen und kann psychische Dispositionen vertiefen und psychotische Schübe fördern.“ Eine Legalisierung würde ihrer Meinung nach bedeuten, dass die Substanz THC bagatellisiert werden würde. „Auch wenn alle sagen, dass das nicht passieren wird, denke ich, dass die Realität nachher anders aussieht.“
„Jede Substanz kann zu Schäden führen“
Maurice Cabanis ist Ärztlicher Direktor der Klinik für Suchtmedizin und Abhängiges Verhalten am Klinikum Stuttgart. Dort behandelt er Menschen, die von Alkohol, Medikamenten, Drogen und Glücksspiel abhängig sind und teilweise an weiteren psychiatrischen Erkrankungen leiden. Auch er weiß, dass es bei Menschen, die früh mit dem Konsum von Cannabis beginnen und gleichzeitig über einen langen Zeitraum regelmäßig in höheren Dosierungen Cannabis konsumieren, zu Entwicklungsstörungen des Gehirns sowie zu einem sogenannten amotivationalen Syndrom kommen kann. Dieses Syndrom ähnelt einer Depression mit Niedergestimmtheit, Interessen- und Antriebsverlust sowie Konzentrationsstörungen.
Die meisten seiner Patient:innen konsumieren Cannabis aber zusätzlich zu anderen Substanzen. „Cannabis als primärer Aufnahmegrund ist eher selten“, sagt Cabanis. In aktuellen Studien werde das körperliche und psychische Abhängigkeitspotenzial von Cannabis jedoch deutlich höher eingeschätzt als noch vor wenigen Jahren. Dennoch seien schwere Entzugssyndrome eher selten und die Anzahl der riskant oder abhängig konsumierenden Menschen sei im Vergleich zur Anzahl der insgesamt konsumierenden Personen gering. „Jede Substanz kann je nach konsumierter Menge zu Schäden oder unerwünschten Begleitwirkungen führen. Daher muss auch beim Cannabis abgewogen werden, wie der Konsum zur Lebensqualität beiträgt und ab wann die unerwünschten Wirkungen als einschränkend empfunden werden.“
Teils schädigend, teils heilend
Leider sei es in gesellschaftlichen Debatten ein häufiges Phänomen, dass Pro- und Contra-Positionen zu extrem dargelegt werden, so Cabanis. Generell lasse sich festhalten, dass Cannabis zum einen historisch als Genuss- und Rauschmittel verwendet wurde und der Konsum schädigend sein kann. Zum anderen könne Cannabis medizinisch und therapeutisch sinnvoll sein.
„Grundsätzlich gibt es gute Argumente für eine Legalisierung. Der Konsum ist relativ verbreitet, aber gleichzeitig in weiten Teilen unkontrolliert im Hinblick auf Wirkstoffkonzentration, Inhaltsstoffe, Beimischungen und Regulierung der Abgabe. Eine Legalisierung sollte aber mit einer deutlichen Verbesserung von Versorgungsstrukturen und Präventionsmaßnahmen einhergehen“, sagt der Ärztliche Direktor.
*Die Namen wurden von der Redaktion geändert.
Hinweis
Risiken
Wie ein Mensch auf Cannabis reagiert, ist individuell sehr unterschiedlich und hängt von verschiedenen Faktoren wie Stimmungslage, Konsumart, Konsumerfahrung, Situation, Menge und Stärke des aufgenommenen THC ab. Klar ist: Der Gebrauch von Cannabis kann gesundheitliche, psychische und soziale Gefahren bergen – besonders für Jugendliche, deren Hirnentwicklung noch nicht abgeschlossen ist. (Quelle: CaPRis-Studie)
Hilfe
Du bist süchtig und brauchst Hilfe? Die Caritas Stuttgart und Eva Stuttgart bieten beispielsweise Beratungsangebote an.
Klinikum Stuttgart
Ein gezieltes Aufklärungsprogramm mit Vermittlung von Risikobewusstsein, Fertigkeiten und Hilfen wird derzeit durch das Klinikum Stuttgart an vier Stuttgarter Schulen evaluiert. Das Projekt CLIMATE SCHOOLS und MOFA ist ein wissenschaftlich geprüftes Präventionsprogramm, das Kinder und Jugendliche unter anderem über Cannabis informiert. Zusätzlich können Schüler:innen ein Online-Portal nutzen, auf dem sie auch anonym Fragen stellen und sich professionell beraten lassen können. Das Projekt wird durch die Landesstiftung Baden-Württemberg und die Porsche-Stiftung gefördert.