Ihre Pässe haben die Behörden eingezogen. Wann es etwas zu essen gibt, bestimmen der Kapitän und seine Frau. „Trinkwasser wurde geliefert. Jetzt sieht es erst einmal gut aus, aber man weiß nicht, wie es in zwei oder drei Tagen ist.“ So schildern Teresa Lehmann, Lisa Märkle und Marisa Leibfarth ihre Situation am Donnerstagnachmittag in einem Whatsapp-Telefonat.
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„Als wir gestartet sind, war Corona noch kein Thema“
Die drei Frauen Mitte 20 kennen sich vom Studium in Stuttgart. Zwischen Masterabschluss und Jobstart wollten sie gemeinsam durch Süd- und Zentralamerika reisen. Ende Januar begann ihre Tour in Ecuador. „Als wir gestartet sind, war Corona in ganz Südamerika noch gar kein Thema“, sagt Teresa Lehmann. Das hat sich innerhalb kurzer Zeit komplett geändert.
Als die drei Frauen am 10. März in Kolumbien an Bord gingen, lag ein außergewöhnliches Erlebnis vor ihnen: Fünf Tage Segeltörn von Cartagena nach Portobelo in Panama, zwischendurch Schnorcheln auf den San-Blas-Inseln – unter Individualtouristen ein beliebter Trip. Mit an Bord sind laut der Frauen zwei weitere Deutsche, außerdem Menschen aus Australien, Polen, den USA, Frankreich und Irland. Die Vermittlung sei über ein Büro in Kolumbien gelaufen. Das Boot gehöre dem australischen Kapitän und seiner kolumbianischen Frau, die selbst an Bord lebten. Die ersten fünf Tage lief alles nach Plan – bis am vergangenen Sonntag die Odyssee begann.
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Polizei schlug Deal vor
„Auf den San-Blas-Inseln ist uns ein Schiff entgegengekommen. Die Passagiere haben berichtet, dass die Grenze nach Panama zu sei“, erinnert sich Teresa Lehmann. „Dann sind wir schneller gefahren, weil der Kapitän gehofft hat, dass wir noch einreisen können.“ Im ersten Ort sei das Einreisezentrum schon zu gewesen, weshalb das Boot laut den drei Frauen weiter segelte. Am Sonntag erreichten Sie Portobelo – den Ort, wo der Segeltörn hätte enden sollen. Seitdem, so schildern es Teresa, Marisa und Lisa, herrsche Chaos.
Am Einreisezentrum wurde die Gruppe demnach abgewiesen. Es hieß, ein Arzt würde an Bord kommen. Kurz darauf Kommando zurück: Die Gruppe solle doch zum Arzt kommen. „Als der uns gesehen hat, hat er die Polizei gerufen. Die haben uns dann einen Deal vorgeschlagen: Wenn wir jetzt sofort einen Flug buchen, bringen sie uns zum Flughafen und wir dürfen weg.“
„Zurück aufs Boot – oder ins Gefängnis“
Teresa, Marisa und Lisa buchten direkt vor Ort und Stelle im Internet Flüge nach Costa Rica. „Das Geld haben wir umsonst ausgegeben.“ Kurz danach seien bewaffnete Polizisten mit Schlagstöcken und Pfefferspray gekommen. „Die Ansage war: ‚Zurück aufs Boot oder ins Gefängnis‘“, erinnert sich Teresa Lehmann. „Es ist ein ständiges Hin und Her mit den Informationen. Die hiesigen Behörden scheinen überfordert. Wir haben den Eindruck, dass niemand hier Verantwortung übernehmen und eine Entscheidung treffen will“, sagt Teresa Lehmann am Telefon.
Der aktuelle Stand: Bis zum 30. März soll die Gruppe auf dem Boot in Quarantäne bleiben. Verlassen darf das Boot derzeit nur die Frau des Kapitäns, um per Wassertaxi an Land einzukaufen zu gehen. Am meisten Sorge macht den Frauen derzeit, „dass jemand krank werde könnte, zum Beispiel nur einen Schnupfen bekommt, und die Quarantäne dann noch verlängert wird.“ Außerdem fragen sich die drei, wie sie aus Panama am Ende zurück nach Europa kommen. „Es soll ja jetzt Rückholflüge der Bundesregierung geben. Aber die Frage ist, ob wir so einen Flug dann noch bekommen oder ob es zu spät ist, wenn unsere Quarantäne endet.“
Zwischenzeitlich nur eine Mahlzeit am Tag
Immerhin: Im Vergleich zum Beginn der Woche habe sich die Situation etwas entspannt. „Am Montag und Dienstag gab es jeweils nur eine Mahlzeit“, sagen die Frauen am Telefon. „Da wussten wir wirklich nicht, wie es weitergeht.“ Jetzt sei für die nächsten Tage erst einmal genug Essen an Bord.
Außerdem hätte endlich die Deutsche Botschaft in Panama reagiert und zugesagt, dass der Kapitän sich melden könne, wenn es Probleme bei der Versorgung mit Lebensmitteln oder Wasser gebe. In einer Mitteilung der Botschaft, die unserer Zeitung vorliegt, heißt es: Die Botschaft sei sich der Situation deutscher Staatsangehöriger, die auf dem Seeweg nach Panama einreisen wollen und sich in Quarantäne auf dem Schiff befinden, bewusst. Man stehe in Kontakt mit der panamaischen Regierung, um eine Verbesserung der Situation zu erreichen und werde sich dann melden.
Botschaft hat Regierung Panamas kontaktiert
Allerdings steht in der Nachricht auch: „Die Botschaft hat in Panama keine Exekutivrechte, Entscheidung über die Einreise oder die Aufhebung von Quarantänemaßnahmen liegen in der Zuständigkeit der panamaischen Behörden.“ Die Botschaft habe die panamaische Regierung eindringlich „um die Prüfung der Situation und die Sicherstellung Ihrer Grundversorgung gebeten“.
Die Situation bleibt brenzlig. „Ich hoffe, dass die Stimmung an Bord nicht kippt“, sagt Gabriele Lehmann, die Mutter von Teresa. Sie sitzt zu Hause in Lichtenwald auf dem Schurwald, Tausende Kilometer von ihrer Tochter entfernt. „Meine Gedanken kreisen den ganzen Tag um die Kinder. Vor zwei Monaten hätte doch niemand gedacht, dass so etwas je passieren kann.“
„Wir brauchen jetzt ganz viel Geduld“
Elke Leibfarth, die Mutter von Marisa, übt sich so gut es geht in Optimismus. „Von der Vernunft her weiß ich, dass wir jetzt ganz viel Geduld brauchen“, sagt die 57 Jahre alte Frau aus Vaihingen-Enz. Während der Gespräche mit den Müttern fließen Tränen.
Am späten Nachmittag schickt Teresa Lehmann dann noch eine Whatsapp-Nachricht. Schon wieder hat die Situation sich verändert: „Grade kam ein Anruf rein, dass die Frau vom Kapitän nicht mehr an Land darf.“ Ob diese Vorschrift in einem Tag immer noch gilt, weiß derzeit niemand.