Stuttgarts ältester Growshop Viel Trubel in der Rauchbombe: Welchen Rausch hätten Sie denn gern?

Seit dem neuen Cannabisgesetz ist der berufliche Alltag von Hervé Sequeval (links) und Heiko Wirth nicht mehr ganz so gechillt wie einst. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

In der Rauchbombe dreht sich schon seit 18 Jahren alles um den Anbau der Hanfpflanze. Doch seit der Teillegalisierung von Cannabis ist der Alltag in dem kleinen Laden in der Tübinger Straße nicht mehr ganz so gechillt wie einst.

Reportage: Akiko Lachenmann (alm)

Die Türglocke der Rauchbombe steht nicht still. Ein penetranter elektronischer Dur-Dreiklang, der von einem goldenen Zeitalter kündet. Kunden drücken sich in den schmalen Gängen des dicht bestückten Ladens aneinander vorbei. In den Glasvitrinen liegt alles, was die Herzen der Cannabiskonsumenten höherschlagen lässt, vom Edelstahl-Grinder über Designer-Mischtabletts bis hin zum High-End-Vaporizer, mit Exklusiv-Boutiquen für Trendmarken wie Raw und Purizer. Im hinteren Verkaufsraum, wo früher zur Mittagspause Rauchschwaden waberten, stehen nun wie bei Pflanzen-Kölle akkurat einsortiert Düngemittel, Erdsäcke und technisches Gerät.

 

Inmitten des Stimmengewirrs steht Inhaber Heiko Wirth und beantwortet Fragen am Fließband. „Meinetwegen, 250 Euro“, sagt er zu einem Kunden, der hartnäckig um eine Harzpresse feilscht. Der nächste fragt ihn, ob er eine Flasche Blütenstimulator der Marke Biobizz auch in der kleineren 0,5-Liter-Größe vorrätig habe. „Sorry, die sind ausverkauft. Derzeit nicht lieferbar.“

An den Trubel müssen sich Heiko Wirth und sein Kompagnon Hervé Sequeval erst noch gewöhnen. So frequentiert war ihr Laden in der Tübinger Straße vielleicht mal phasenweise in den Shisha-Jahren, als sie – noch vor der arabischen Konkurrenz – den lukrativen Markt mit Wasserpfeifen entdeckt hatten, lange bevor an jeder Ecke eine Shishabar eröffnete. Ansonsten war das 18 Jahre lange Geschäftsleben der Rauchbombe eher gechillt. Es gab Tage, an denen stundenlang keiner zur Tür rein kam und bis Ladenschluss nur ein paar Bongs über die Theke gingen. Ganz finster wurde es während der beiden Corona-Jahre. „Da sind wir schier hops gegangen“, erinnert sich Wirth.

Ein Tag für die Szene wie der Fall der Mauer

Dann kam der 22. März 2024: Der Bundesrat billigte ein Gesetz, wonach Erwachsene ab dem 1. April jeweils drei Cannabispflanzen anbauen und bis zu 50 Gramm getrockneten Cannabis besitzen dürfen. Ein Datum für die Szene wie der Fall der Mauer.

Zeit zum Freuen blieb den Ladenbesitzern jedoch keine. Die Tage danach lief alles aus dem Ruder. „Wir hatten nicht damit gerechnet, dass das Gesetz durchgeht. Keiner war vorbereitet“, erzählt Wirth. Ihre Stammlieferanten waren sofort blank – die dicken Online-Fische hatten als Erste zugeschlagen. Sequeval telefonierte bis in die letzten Winkel Europas, um an Restbestände zu kommen, während die Kunden sich im Laden gegenseitig auf den Füßen rumstanden. Angelieferte Ware wurde direkt aus den Kartons heraus verkauft.„Hier war so ein Geräuschpegel, dass ich mit Kunden woanders hingehen musste, um ein Gespräch zu führen“, erzählt Wirth. Nach der Arbeit hatte er weißes Rauschen im Ohr und brauchte ein paar Züge mehr von seinem Feierabendpfeifchen.

Ein kleiner Blick ins Sortiment. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Nach zwei Wochen waren die Regale leer. Ebenso die Akkus der beiden Ladenbesitzer. „Komm, lass Urlaub machen“, sagte Wirth zu seinem Kollegen. Aber dann tat Hervé Sequeval irgendwo im hintersten Eck von Spanien etwas auf. Der stille Franzose hat sich im Angesicht eines nie dagewesenen Leistungsdrucks als raffinierter Einkaufsmanager entpuppt. „Hervé ist ein Genie. Ich bin nur fürs Labern zuständig“, sagt Wirth.

Dabei ging es den beiden eigentlich nie ums große Geschäft. Sonst hätten sie sich vor 20 Jahren, als Cannabis gesellschaftlich viel stärker geächtet war als heute, ein anderes Marktsegment rausgesucht. Sie wollten vielmehr ein „selbstbestimmtes Leben“ führen und den Gesetzen, die den Cannabiskonsum zu unterdrücken versuchten, etwas entgegenstellen. „Um das zu verstehen, muss ich ein wenig ausholen“, sagt Wirth.

Er ist Jahrgang 1970, gelernter Feinmechaniker und hatte lange Zeit eine solide Anstellung bei Geze in Leonberg. Cannabis konsumierte er nur nach Feierabend und nur aus purem Genuss, damals mit seinen Bikerfreunden. Wobei immer er derjenige war, der das Hasch besorgte, „weil ich halt so ein Typ bin, der gerne Dinge regelt“. Als er dann zur Bundeswehr musste, standen eines Tages Vertreter von drei Bundesbehörden vor seiner Tür: die Zollfahndung, die Bundeswehrpolizei und der militärische Abwehrdienst, letztere wegen des Verdachts auf „Wehrkraftzersetzung“. Eine Bekannte hatte ihn bei den Behörden als Dealer angeschwärzt. Sie fanden bei ihm ein Gramm, und er musste eine Strafe von 5000 Euro bezahlen. Bis heute wird er zornig, wenn er sich erinnert. „Das war unverhältnismäßig. Ich war der allerwinzigste Fisch.“

Suche nach der Grauzone

Der Vorfall weckte in ihm einen unbändigen Willen, sich von niemandem mehr etwas vorschreiben zu lassen. Die demütigende Zeit bei der Bundeswehr tat ihr Übriges. „Die sagten einem, wie man stehen soll, wie und wann man ja sagen soll, wie man duschen und aufs Klo gehen soll. Diese Zeit hat mich in gewisser Weise radikalisiert.“

So wurde für ihn die Frage, wie er die Cannabiskultur fördern könnte, ohne sich strafbar zu machen, fast existenziell. Die Antwort fand er nach der Bundeswehrzeit in der Quellenstraße in Bad Cannstatt, wo ein unscheinbarer Growshop die Grenzen des Gesetzes austestete. Die Devise lautete: „Wir verkaufen alles, um gewisse Pflanzen zur Blüte zu bringen – und darunter mögen auch Hanfpflanzen sein. Diese anzubauen ist in Deutschland zwar verboten. Aber es könnten ja auch Kunden aus anderen Ländern kommen, wo der Anbau dieser Pflanzen erlaubt ist.“ Da war sie, die Grauzone.

Wirth wurde rasch Geschäftspartner. Es folgte eine unbeständige Zeit mit Filialeröffnungen und -schließungen in anderen Städten und ein allzu optimistischer Umzug von Cannstatt in die Stuttgarter Innenstadt, wo ihnen die fast fünfstellige Miete das Genick brach. 2006 nahmen Wirth und Sequeval dann einen zweiten Anlauf und eröffneten in der Tübinger Straße die Rauchbombe.

18 Jahre lang lebten sie von einer klar umrissenen Stammklientel. Seit April sind jedoch neue Kundengruppen dazu gekommen, mit höheren Ansprüchen. Diese wollen nicht, wie die Stammkunden, „einfach nur Buds anbauen“. Sie wollen, dass der Temperaturverlauf in der vegetativen Phase zwischen 21 und 29 Grad liegt, dass der VPD-Wert stimmt (ein Wert, der mit dem Blütenertrag in Zusammenhang steht), und „was ist eigentlich mit dem CO2-Wert“? Selbst einer wie Heiko Wirth kommt da manchmal an Grenzen. „Das sind Leute, die schon alles wissen, aber noch nie eine Pflanze gesehen haben.“ Er versuche dann, diese Kunden etwas „runter zu regulieren“, ohne ihnen die Motivation zu nehmen. Denn am Ende eines erfolgreichen Beratungsgespräches winken der Rauchbombe mindestens 500 Euro Umsatz. „So viel braucht es schon, um eine gute Qualität anzubauen.“

Eine weitere neue Klientel, mit der er umzugehen lernen musste: Menschen mit chronischen Schmerzen, häufig ältere Damen. Wirth hat sich zum empathischen Zuhörer entwickelt, der geduldig erklärt, wie er in einer kleinen Seniorenwohnung Cannabis anpflanzen würde. „Ich sage aber auch, dass sie es leichter haben könnten, wenn sie den Hausarzt um ein Rezept bitten und damit zu einer günstigen Apotheke gehen.“ Und dann sind da noch die Clubs – die neuen Platin-Kunden der Rauchbombe. Einen haben sie schon an der Angel. „Die planen Plantagen auf mehreren Quadratmetern – da schlackern mir die Ohren.“

Erfahrener Kiffer berät bei der Auswahl aus über 60 Sorten

Aber nicht nur die Kundenstruktur hat sich verändert, sondern auch das Sortiment. Dazu gehören seit dem 1. April wieder Pflanzensamen. Wirth hat mehr als 60 Sorten im Angebot und einen jungen Kerl angestellt, der sie fast alle ausprobiert hat. Wenn Kunden ratlos vor der Auswahl stehen, fragt Danni sie, welches „Rauschbild“ sie denn gerne erzeugen wollten. „Da gibt es, je nach Temperament, die beliebten Sativa-Sorten wie Amnesia Haze oder Acapulco Gold, die eher anregend wirken. Oder die Indica-Sorten mit eher beruhigender Wirkung“, erklärt er dann. Gourmets wie er würden übrigens niemals zwei Sorten mischen. „Das ist wie beim Wein.“

Dazu kommen die cleveren Produktideen der Hersteller. Etwa der Grinder „Otto“ für ungeschickte Jointdreher. Eine Mühle, die das Gras direkt in die Hülse hinein mahlt. Oder Paper mit innen liegendem Klebestreifen für Anfänger, die mit dem üblicherweise außen liegenden Streifen nicht klar kommen. Auch für den Kunden, der keine Zeit hat zum Anbauen, dafür aber einen dicken Geldbeutel, hat sich die Branche etwas einfallen lassen: eine Art Kühlschrank, der alles vollautomatisch zum Wachsen bringt. Mindestpreis: 1500 Euro.

Wird alles wieder zurückgedreht?

Aber nicht alles ist dem Wandel der Zeit unterworfen. Zu den Evergreens der Rauchbombe gehören die Suppendose ohne Inhalt, die Haarbürste mit hohlem Handgriff und die Batterien mit aufschraubbarem Kopfteil. „Zu verstecken hat man schließlich immer was“, sagt Heiko Wirth und grinst. „Passwörter zum Beispiel.“

Wie es weitergeht in seiner Branche, meint Wirth genau zu wissen. „Das geht nicht mehr lange so. Die nächste Regierung wird das Gesetz wieder kippen.“ Einen Rückfall in alte Zeiten fände er jedoch halb so wild. „Dann hatten wir wenigstens einen kurzen, aber intensiven Rausch erlebt.“

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