Jahrelang hat man in der Stadt wenig von Wolfgang Schuster gehört. Jetzt erscheint sein Name verstärkt in der Öffentlichkeit: Zum Vorsitzenden des Fördervereins der Staatstheater hat man ihn gewählt – und er hat den Vorsitz des Trägervereins für den Deutschen Katholikentag, der im Jahr 2022 in Stuttgart stattfinden wird, übernommen.
Schuster ist noch immer neugierig
Ganz bewusst habe er nach dem Ende seiner zweiten Amtsperiode nicht mehr so in Erscheinung treten wollen, sagt er. Was aber tun? Ruhestand jedenfalls ist seine Sache nicht. „Ich will mich einbringen, etwas bewegen“, sagt der 70-Jährige. „Ich will jeden Tag etwas lernen und Neues erfahren.“ Dinge tun, die ihm wichtig sind.
Bis im Herbst 2018 war Wolfgang Schuster Vorsitzender der Telekom-Stiftung, einer der großen Firmenstiftungen der Republik, die jetzt Thomas de Maizière führt. Schuster hat Projekte zur Jugendarbeit, zur beruflichen Bildung und zur Digitalisierung angestoßen. Heute kümmert er sich noch im Kommunalbeirat der Telekom um Breitbandausbau und Digitalisierung. „Zu langsam, ineffizient, unwirtschaftlich“ verlaufe der Ausbau der Infrastruktur. Bis 2019 gehörte Schuster acht Jahre dem Rat für Nachhaltige Entwicklung der Bundesregierung an. Um nur einige seiner bis heute zahlreichen Engagements zu nennen.
EU-Projekte zur beruflichen Bildung
Bildung gehört zu Schusters bevorzugten Themen. Vor Jahren hat er deshalb eine Stiftung gegründet, die European Foundation for Education. Fünf Millionen Jugendliche seien damals in Europa arbeitslos gewesen, erklärt der Alt-OB, noch heute seien es 3,5 Millionen. Das treibt ihn um. „Die haben keine faire Zukunftschance“, sagt er. Anders als hierzulande. „Wir wurden in den Wohlstand hineingeboren“, betont Schuster. Das ist dem guten Europäer Verpflichtung. So hat er in den vergangenen Jahren eine Reihe von EU-Projekten in Ländern der Donauregion gestartet. In Bulgarien und Rumänien hat er versucht, das duale Ausbildungssystem dort einzuführen. Dessen enge Verzahnung von theoretischer und praktischer Ausbildung hält der 70-Jährige für einen der Schlüssel, „dass wir im Südwesten so gut dran sind“.
Die Ergebnisse haben ihn aber etwas ernüchtert. „Ich bin da ganz naiv rangegangen“, erzählt er. „Ich hätte nicht gedacht, dass das so schwierig ist.“ An mangelndem Geld aus Brüssel liege das nicht. Aber in den Ländern fehle, was uns selbstverständlich sei: politische Stabilität, eine verlässliche Administration, die Gelder sachgerecht verwendet, ein gutes Schulsystem und Unternehmen mit einer langfristigen Ausrichtung und gesellschaftlicher Verantwortung. Schuster: „Dazu braucht es tief greifende kulturelle Prozesse – und die dauern.“
Aktiv im Deutsch-Türkischen Forum
Inzwischen hat sich sein Fokus etwas verschoben. „Ich bin wieder häufiger in Stuttgart“, sagt der Großvater von sechs Enkelkindern. Aufgaben gibt es genug. Die deutsch-französischen Beziehungen liegen ihm am Herzen. So ist Schuster, der ein Jahr an der Pariser Elitehochschule ENA studiert hat, Vorsitzender des Freundeskreises des Institut français. Ein inneres Anliegen ist ihm auch der Vorsitz des Kuratoriums des Deutsch-Türkischen Forums, den er in der Nachfolge von Manfred Rommel übernommen hat.
Und Schuster freut, dass 2022 der katholische Kirchentag in Stuttgart stattfinden wird. Den Vorsitz des Trägervereins hat er, als Bischof Fürst ihn gefragt hat, gerne übernommen. Er sei zwar katholisch, sagt der aus Ulm stammende Schuster, aber weiter als zur „Ministranten-Karriere“ habe es nicht gereicht. „Ich war aber der erste katholische Oberbürgermeister Stuttgarts seit der Reformation“, fügt er mit einem Grinsen hinzu.
Die Oper kennt er wie seine Westentasche
Schuster hat auch schon Ideen für das Programm der Veranstaltung, die universalistische katholische Kirche und das internationale, globalisierte Stuttgart passen für ihn gut zusammen. „Daraus kann man spannende Fragen ableiten“, sagt er in der für ihn typischen, oft zum Abstrakten neigenden Sprache. Die Entscheidung, den katholischen Kirchentag in der Innenstadt und nicht auf dem Wasen zu veranstalten, habe er „massiv befürwortet“. Schuster: „Lieber ein bisschen enger, in ästhetisch schönen öffentlichen Räumen, da sind die Begegnungen dann intensiver.“
Wenn man mit dem Alt-OB über die Oper spricht, merkt man schnell: das ist ein Heimspiel für ihn. 25 Jahre saß er im Verwaltungsrat der Staatstheater, 16 davon in Leitungsfunktionen. Er erinnert sich noch gut an die Gespräche Anfang der 1980er Jahre von Manfred Rommel und Lothar Späth – er als Rommels Referent. Es ging darum, ob man den historischen Zustand auch der Königsloge in der Oper in einer demokratischen Gesellschaft mit Steuermitteln wiederherstellen dürfe (Rommel war dagegen, Späth sah da kein Problem).
Kulturförderung als Bildungspolitik
In seiner neuen Funktion will Schuster den Förderverein, der bisher „mehr ein interner Club“ war, nach außen öffnen. Er will deutlich machen, „dass die Staatstheater Kultureinrichtungen für alle sind“. Das sei „eine Bringschuld der Staatstheater“. Schuster will in die Breite gehen, an Schulen, auch außerhalb Stuttgarts. Dies zu erreichen sei bei errechneten Sanierungskosten von bis zu einer Milliarde Euro „mehr denn je eine Notwendigkeit“. Aber es ist ihm auch persönlich wichtig. Schuster ist noch geprägt von den Debatten, die das bildungspolitische Buch „Kultur für alle“ von 1979 des damaligen Frankfurter Kulturdezernenten Hilmar Hoffmann ausgelöst hatte.
Dass es auch den Versuch gab, seine Wahl zum Vorsitzenden des Fördervereins mit Verweis auf seine Haltung zu Stuttgart 21 zu verhindern („Oper 21“), zählt Schuster „zu den Bösartigkeiten, mit denen man leider leben muss“. Dass manche ihn als hölzern und technokratisch empfinden, ist dem Alt-OB bewusst, das lässt ihn auch nicht kalt, hat für ihn zuletzt aber doch wenig Gewicht. Man werde nicht fürs Entertainment gewählt, sagt er: „Mein Unterhaltungswert für die Medien ist nicht so groß. Aber ich gehöre noch zum alten Schlag: Verantwortung ist mir wichtiger als Unterhaltungswert.“