Stuttgarts Altstadt wird zur Freiluftgalerie Ungewohnte Einblicke im Rotlichtviertel

Im Schaukasten der Table-Dance-Bar Messalina im Leonhardsviertel  sind nun Fotografien von Lutz Schelhorn zu sehen. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko 19 Bilder
Im Schaukasten der Table-Dance-Bar Messalina im Leonhardsviertel sind nun Fotografien von Lutz Schelhorn zu sehen. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Was in der Altstadt los ist? Bordellchef John Heer sagt’s mit zwei Worten: „Tote Hose“. Jetzt geht doch was. Das Rotlichtviertel lädt zum Entdecken ein. Die Freiluft-Schau „Fotos im Fenster“ von Lutz Schelhorn erlaubt spannende Einblicke.

Lokales: Uwe Bogen (ubo)

Stuttgart - Die Tore sind verschlossen, Gitter sind runtergelassen, nirgendwo blinkt rotes Licht. Das Leonhardsviertel, in der Szene-Bars das Sex-Gewerbe zurückgedrängt haben, das abschreckend und einladend zugleich war, ist im Dornröschenschlaf versunken. Was hinter den Fenstern des Rotlichtviertels geschieht, hat man bisher nur ahnen können.

Im Lockdown sind Fenster wichtiger denn je. Am Fenster ist musiziert worden. Man hat von dort in den Nachthimmel geklatscht, um Pfleger zu ehren, denen besser geholfen wäre, bekämen sie mehr Geld als Beifall. Ans Fenster werden Kerzen zum Gedenken an die Corona-Toten gestellt. Wer aus einem Fenster schaut, kann Dinge beobachten, die ihn womöglich gar nichts angehen.

Das Fenster erlaubt einen erhabenen Blick. Fenster sind eine Schnittstelle zwischen drinnen und draußen, zwischen Privatsphäre und Öffentlichkeit. Ohne Fenster wäre ein Haus ziemlich introvertiert. Und gerade jetzt, da die Menschen die meiste Zeit daheim bleiben müssen, wächst die Sehnsucht nach Verbindung.

Über einen QR-Code erhält man Erklärungen der Fotografien

Im Schaukasten der Table-Dance-Bar Messalina an der Leonhardstraße hingen bisher Fotos von leicht bekleideten Tänzerinnen. Messalina-Chef John Heer, der Laufhäuser betreibt, in denen nix mehr läuft, hat den gerade nicht benötigten Werbeplatz hinter Glas dem Fotografen Lutz Schelhorn überlassen. Dort sind nun „Abgrenzungen 2019“ zu sehen. Über einen QR-Code erfährt man, was das bedeutet. Die Fotoserie der Abgrenzungen zeigt, wie sich Menschen mit Zäunen, Stacheldraht, ja, mit aberwitziger Sicherungstechnik andere Menschen vom Leib halten.

Das Messalina, einer der vielen Orte mit „toter Hose“, wie Heer sagt, ist Teil einer Freiluft-Galerie, die Spaziergängern und Stadtflaneuren überraschende Einblicke gewährt. „Fotos im Fenster“, so heißt die Ausstellung, bei der man im Vorbeigehen neue Welten entdecken kann. Und die Ausstellung beweist: Mit Fantasie hat Kultur auch im Lockdown eine Chance, ohne dabei gegen Hygienevorschriften zu verstoßen.

Rommel hängt in der Schwulenkneipe Jakobstube

Vom Kultur-Kiosk im Züblin-Parkhaus bis zum Eros-Center Edelweiß, von der Uhu-Bar bis zur Cocktail-Location Fou Fou, vom Bix Jazzclub bis zum Haus des Schwäbischen Heimatbundes – quer durch die Altstadt ist fotografische Diversität zu sehen. 43 Fotografien sind an 25 Locations ausgestellt. Lutz Schelhorn hat etwa Alt-OB Manfred Rommel daheim in der Jogginghose im Sessel fotografiert – Stuttgarts Ehrenbürger verstand sich prächtig mit dem langjährigen Präsidenten der Hells Angels, der mit Ü 60 den Platz für Jüngere freigemacht hat. Das Bild des liberalen Rommel hängt in der Schwulenkneipe Jakobstuben.

Zu den Porträtierten, die ausgestellt sind, zählen die ebenfalls verstorbenen Designer Kurt Weidemann und Sängerin Dacia Bridges. „Wir sehen Menschen, die nach ihrem Tod nicht aus unserem Leben verschwunden sind“, sagt Autor Joe Bauer dazu in seiner virtuellen Eröffnungsrede. Die Ausstellung ermögliche es, „dass man Dinge entdeckt, die man zuvor nicht beachtet hat“.

Die Begeisterung der Spaziergänger ist groß

Am ersten Tag der Freiluft-Galerie sieht man etliche Paare durch die Gassen ziehen. An den Eingängen und Fenster bleiben sie stehen. Bezirksvorsteherin Veronika Kienzle schaut sich an, was der Bezirksbeirat Mitte mit 1500 Euro mitfinanziert. Sie ist sehr angetan davon. „Endlich tut sich was“, freut sich Laufhaus-Chef John Heer. Ein riesiger organisatorischer Aufwand war es für Lutz Schelhorn, seine Fotos in den Altstadt-Fenstern zu platzieren.

Vor Weihnachten kam er auf die Idee. Weil alle Bars und Locations geschlossen sind, musste der 61-Jährige die Betreiber per Mail anschreiben oder anrufen, sich mit ihnen treffen, um reinzukommen. Etliche hat er gar nicht erreicht, weshalb sich Lücken in der Freiluft-Galerie auftun – Abstand ist in der Pandemie aber wichtig. Schelhorns Aufwand hat sich gelohnt. Die Begeisterung der Spaziergänger ist groß, die sich gern von ihrer Neugierde treiben lassen, um Brennpunkte des Stadtlebens mit neuen Augen zu sehen.

Die Prostitution ruht keineswegs

Im Kultur-Kiosk des Züblin-Parkhauses strahlt Chefin Sara Dahme, weil die Kultur in der Altstadt jetzt auch abseits des Internets ihre Chance erhält, im wahren Leben sozusagen. Im wahren Leben ruht die Prostitution keineswegs. Etliche Freier verabreden sich wohl übers Handy mit den Frauen, die heimlich anschaffen gehen. Dann kommen die Freier im Auto, eine junge Frau, die der Armutsprostitution nachgeht, steigt rasch ein – und es geht ins Züblin-Parkhaus, um auf einem oberen Deck im Auto das zu tun, wofür sich die Frauen bezahlen lassen. Die Altstadt, das ist klar, wird auch nach der Pandemie Altstadt bleiben – mit allen schönen und traurigen Seiten.




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