Stuttgarts Brennerei Der letzte Schnapsmacher der Stadt

Kennt seine Anlage seit 54 Jahren: Robert Munk in der städtischen Brennerei Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Mit Robert Munk geht vermutlich ein Kapitel der Stuttgarter Stadtgeschichte zu Ende: Der 81-Jährige gibt nach dieser Saison seinen Job als Brenner in der städtischen Brennerei auf. Ob sich ein Nachfolger findet, ist fraglich.

Böblingen: Kathrin Haasis (kat)

Stuttgart - An den Anmeldungen erkennt Robert Munk, wie die Ernte war – und dass es zu Ende geht. Im Dezember musste er kaum den Kessel anheizen, im Januar sieht es nicht viel besser aus. „Es gab wenig Obst“, sagt der 81-Jährige über die zurückliegende Ernte, „aber die jüngeren Leute machen es auch nicht mehr so wie die alten.“ Seit 1968 betreut Robert Munk die Brennerei der Stadt Stuttgart in Untertürkheim, wo Gartenbesitzer ihr Obst brennen lassen. Er hat schon lange Schichten in dem Backsteingebäude in der Strümpfelbacher Straße abgeleistet, mittlerweile sind es nur noch ein paar Stunden an einzelnen Tagen. Es wird seine letzte Saison sein. Ob ein Nachfolger gefunden wird, ist fraglich.

 

Geschafft wurden jeden Werktag einschließlich samstags 16 Stunden

Aus dem Hahn fließt der Schnaps, entspannt steht Robert Munk daneben. In einem Eimer vermischt er das Destillat mit kaltem Wasser und misst mit dem Alkoholmeter die gewünschten Prozente nach. Seine Handgriffe sind nach 54 Jahren pure Routine. „Die Anlage macht fast die ganze Arbeit“, sagt er. Trotzdem muss man danebenstehen, sie zum Laufen bringen, die Fässer mit Obst in Empfang nehmen, die Einträge ins Buch machen, das Ergebnis abfüllen. Munk hat die Aufgabe von seinem Vater übernommen, der sie seit 1935 innehatte. Damals war Robert Munk frisch verheiratet und fand den Nebenverdienst zusätzlich zum Ertrag aus seinen Weinbergen und dem Geschäft für Gartenbedarf praktisch, zumal er im Haus nebenan wohnt.

Damals ging die Saison von November bis Juni. Geschafft wurden jeden Werktag einschließlich samstags 16 Stunden. Bis zu vier Mitarbeiter waren in der städtischen Brennerei beschäftigt. „Da war noch was los“, sagt Robert Munk. Tresterschnaps ließen die Untertürkheimer literweise brennen. Steuer mussten sie dafür keine bezahlen, sondern konnten dem Staat einen Teil ihres Alkohols als Bezahlung abtreten. Seitdem sich die Regeln geändert haben und für einen Liter Schnaps mindestens fünf Euro fällig werden, sinkt die Nachfrage. Vor acht Jahren kamen noch 100 Kunden, 2020 waren es 35, dieses Jahr hat es bisher fünf Anmeldungen gegeben. „Heutzutage wird Hochprozentiges auch gar nicht mehr getrunken“, sagt Robert Munk. Außerdem kann die städtische Brennerei keine Kleinstmengen verarbeiten, weil der Kessel ungewöhnlich groß ist: Obst von vier Bäumen müssen die Kunden liefern, etwa 150 Euro bezahlen, und 35 Liter Schnaps nehmen sie dann ungefähr mit nach Hause.

Brennereien in Kommunalbesitz sind selten, aber nicht einzigartig

Vor fast 120 Jahren hatte der damals eigenständige Ort Untertürkheim die kommunale Brennerei eingerichtet. Als die Eingemeindung anstand, sorgte „der regen Bürgermeister“ dafür, dass die Stadt Stuttgart den Betrieb übernehmen muss, erzählt Robert Munk. Brennereien in Kommunalbesitz sind selten, aber nicht einzigartig: Auch die Stadt Radolfzell macht ihren eigenen Schnaps. Sollte in dem Kessel ein paar Jahre nacheinander kein Schnaps mehr hergestellt werden, verfällt das Recht und die Anlage muss zerstört werden.

„Irgendwann muss Schluss sein“, sagt Robert Munk. Im Vorraum stehen bereits die Fässer für die nächste Abfüllung: Äpfel und Birnen, die seit der Ernte vergären. Früher hat Robert Munk auch eigenen Schnaps von seinen Äpfeln gemacht und ihn verkauft, aber dieses Geschäft gibt es einfach nicht mehr. Selbst trinkt er kaum Gebranntes, erst recht nicht beim Schnapsbrennen. Er muss nur daran riechen, um die Qualität abschätzen zu können. Das Niveau der Destillate ist immerhin um einiges besser geworden, seit der Vorlauf und die sozusagen Nachhut einfach weggeschüttet werden. Wie es nach ihm weitergehen wird, weiß er nicht. Robert Munk glaubt nicht, dass sich ein Nachfolger finden wird. Nicht einmal Mindestlohn bezahlt die Verwaltung für die Arbeit in der Brennerei – und das lässt sich seiner Meinung nach keiner mehr bieten.

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