Stuttgarts dienstältester Stadtführer berichtet „Man kann nie sagen, was passiert“

Glücklich vorm Hans-im-Glück-Brunnen: Für Herbert Medek sind Stadtführungen ein perfektes Zusammenspiel von Beruf und Hobby. Foto: Benedikt Reder

Herbert Medek zeigt Touristen das Sehenswerte der Landeshauptstadt – und das bereits seit 40 Jahren. Trotzdem ist jede Führung für ihn anders und immer auch ein Weg ins Ungewisse.

In der Königstraße herrscht buntes Treiben an diesem sonnigen Samstagnachmittag. So bunt, dass die Gruppe, die sich um den Info-Pavillon von Stuttgart-Tourismus bildet, trotz ihrer Größe beinahe untergeht. Knapp 30 Interessierte, darunter zahlreiche junge Menschen, stehen beisammen und warten auf den Beginn einer Tour durch die Stuttgarter Innenstadt – warten auf zahlreiche Anekdoten von Otto dem Großen bis Stuttgart 21, auf Augenscheinliches, das sich dem Blick aufdrängt, und Verstecktes zwischen Hauptbahnhof und Hans-im-Glück-Brunnen.

 

Herbert Medek ist an diesem Nachmittag mit der Aufgabe betreut, die Gruppe durch die belebte Landeshauptstadt zu lotsen. Stuttgarts dienstältester Stadtführer hat Regenschirm, Infomappe und Umhängetasche dabei. Eine kurze Begrüßung und einige einleitende Worte – schon versetzt er die Touristenschar in Bewegung: ein paar Schritte die Königstraße entlang und dann scharf nach links Richtung Schlossgarten.

„Das Wichtigste ist das Unterhaltungsmoment“

„Stadtführer sein, das ist etwas für jemanden, der Stadtgeschichte als Hobby hat“, erklärt Medek im Anschluss an die Tour bei einer Schorle im Weinlokal. „Leben“, fügt er nachdenklich hinzu, „kannst du davon nicht.“ 66 Stadtführerinnen und Stadtführer, überwiegend Frauen und allesamt freiberuflich tätig, stehen im Dienst der veranstaltenden Stuttgart Marketing GmbH. 32 verschiedene Touren sind aktuell buchbar. „Das Wichtigste ist das Unterhaltungsmoment – man darf nicht Lehrer spielen“, stellt Medek fest. „Und du musst reden können, musst kommunikativ sein.“ Es komme darauf an, den Menschen Kurzweiliges und Neues zu bieten. Medek kennt sich aus – alle zwei bis drei Jahre gibt er Kurse und nimmt Prüfungen ab, um den Nachwuchs seiner Branche auf die Probe zu stellen. Sowohl im Schriftlichen als auch im Praktischen müssen sich angehende Guides bewähren, bevor sie mit Gruppen durch Stuttgart ziehen. Spaß dürfe dabei durchaus eine Rolle spielen, solange keine Witze gemacht würden: „Witze sind schrecklich – irgendeiner ist immer beleidigt“, so der 67-Jährige mit einem leichten Grinsen im Gesicht.

Im Halbrund um den Stadtführer versammelt, findet sich die Gruppe vor dem Schicksalsbrunnen an der Oper wieder. Dicke Wolken hängen mittlerweile am Himmel, ein frischer Wind weht durch den Oberen Schlossgarten. Der schwarze Schirm an Medeks rechtem Handgelenk wirkt wie ein Vorbote des drohenden Wolkenbruchs. Regen wird bis zum Abend keiner fallen. Dafür jedoch bahnt sich eine echte Eifersuchtstragödie an: Der Stadtführer berichtet vom Los der Stuttgarter Opernsängerin Anna Sutter, die 1910 von ihrem Ex-Liebhaber mit zwei Pistolenschüssen getötet wurde und deren Schicksal dem Brunnen seinen Namen verlieh. Und sorgt so für bewegte Blicke und anteilnehmendes Seufzen im Publikum.

„Man kann vorher nie sagen, was passiert“, erklärt Medek nach der Tour. „Die Leute und die Fragen, die sie stellen, sind jedes Mal anders.“ Manchmal seien Gruppen passiv, dann gebe es auch Touren, in denen besonders kritisch nachgefragt werde. „Je kleiner die Gruppe, desto mehr kommt man mit den Menschen in Kontakt – das kann gut sein oder auch nicht.“

Einen großen Unterschied mache aber, ob es sich um eine zusammengewürfelte Runde handle, die mit ihm unterwegs ist oder ob sich die Gruppe bereits kenne. „Gelegentlich buchen Leute Führungen für Angehörige, die zuvor lange im Viertel gewohnt haben“, sagt Medek. Dann werde es mitunter besonders herausfordernd für ihn: „Die wissen natürlich in einigen Details mehr als ich.“ Woher die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der heutigen Tour stammen, kann er nicht sagen. Obwohl er es begrüßen würde, nähere Informationen über sein Publikum zur Verfügung zu haben. Schließlich sei es für ihn einfacher, tief in die Geschichten einzusteigen, wenn zuvor bereits klar sei, auf welches Vorwissen er zurückgreifen könne.

Den Schlossgarten hat die Gruppe mittlerweile hinter sich gelassen. Gemächlich geht es weiter. Vorbei an einem Junggesellinnenabschied, am emsigen Treiben auf dem Schlossplatz und weiter in den Innenhof des Alten Schlosses. Die Sonne kommt mehr und mehr zum Vorschein – Jacken werden weggepackt, Sonnenbrillen aufgesetzt. Das „Miniment Abendstern“, ein ausgesprochen kleines Kunstwerk neben dem Kunstverein, hat die bisher einzige Nachfrage aus dem Publikum ausgelöst: Was es denn das Rathaus gekostet habe, einen Künstler damit zu beauftragen, ein derart kleines Loch in den Gehsteig zu hauen, will eine Frau mittleren Alters wissen. „Nichts“, sagt der Stadtführer, „ich kann mir nicht vorstellen, dass die Stadt dafür Geld ausgegeben hat.“

Seit 1983 führt Medek Touristen durch die Landeshauptstadt. Damals allerdings noch nicht für das Stadtmarketing, sondern als Abteilungschef beim Planungsamt. Mit Stuttgart, seiner Historie, seinen Bauwerken und der Kunst habe er sich schon immer gerne beschäftigt, wie der gebürtige Cannstatter einräumt. Diverse Monografien zur Stadtgeschichte und sein Engagement beim Stuttgarter Verschönerungsverein seien die Folge daraus. Und natürlich die Arbeit mit den Touristen bei den Führungen.

Als Dagebliebenen in den Sommerferien sieht sich Medek allerdings gar nicht. „Hochsaison ist bei den Stadtführungen eher im Frühsommer oder im September“, erklärt er. Etwa 40 000 Menschen buchen jährlich eine der Stuttgarter Führungen. Noch einmal so viele nutzen die roten Doppeldeckerbusse, die im Stadtbild regelmäßig zu sehen sind. Aber für Medek bleibt noch genügend Zeit, andere Orte kennenzulernen: „Ich bleibe ja nicht zu Hause“, verrät der Pensionär. „Mein Sommerurlaub in Slowenien steht in einigen Wochen an.“

„Wo ich hinkomme, mache ich eine Führung“

Zweieinhalb Stunden sind vergangen, als die Gruppe schließlich den Hans-im-Glück-Brunnen unweit des Rathauses erreicht. Ein kurzer Beifall zum Abschluss des Vortrags macht deutlich, dass es sich hier um die letzte Station gehandelt hat. Einen Augenblick noch bleibt die Runde vereint. Einige richten Fragen an Medek, berichten von ihren eigenen Stuttgart-Erfahrungen oder lassen sich Tipps für den weiteren Aufenthalt und den anstehenden Kampf gegen den Hunger geben. Immer wieder lösen sich Grüppchen und Einzelne heraus, bis keiner mehr übrig bleibt. Das gewöhnliche Ende einer Stadtführung, wie sie unter der Leitung Herbert Medeks bereits rund 2800-mal in den vergangenen 40 Jahren stattgefunden hat.

„Überall dort, wo ich hinkomme, mache ich eine Führung“, so der Pensionär auf die Frage, ob er sich auch privat vorstellen könne, an einem Stadtrundgang teilzunehmen. Für den kommenden Urlaub in Slowenien seien längst Stadtführungen gebucht. Ob Medek da ebenfalls mit Regenschirm und Umhängetasche gerüstet teilnehmen wird, bleibt offen. Die Infomappe mit Sehenswertem zur Landeshauptstadt jedoch wird wohl zu Hause bleiben.

In unserer Sommerserie stellen wir Menschen vor, die im Sommer dableiben und arbeiten müssen. Nächte Woche: der Bademeister.

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