Cornelius Meister in Stuttgart Der lächelnde Dirigent
Seit dem Herbst 2018 ist Cornelius Meister in Stuttgart Musikchef der Staatsoper und des Staatsorchesters. Auch international ist der 39-Jährige gefragt.
Seit dem Herbst 2018 ist Cornelius Meister in Stuttgart Musikchef der Staatsoper und des Staatsorchesters. Auch international ist der 39-Jährige gefragt.
Stuttgart - Auch eines der besten Opernorchester der Welt schaut an einem Samstagvormittag ein wenig müde aus der Wäsche, wenn am Abend vorher im Münchner Nationaltheater ein teuflisch schweres Stück zu spielen war, Korngolds „Tote Stadt“ unter Leitung des anspruchsvollen Chefs Kirill Petrenko. Entsprechend leger kommen die Musikerinnen und Musiker zur Probe in den Bruno-Walter-Saal. Die erste Orchesterprobe zur nächsten Premiere steht an, Hans Abrahamsens Oper „The Snow Queen“, die fünf Wochen zuvor in Kopenhagen uraufgeführt worden war – da ist alles neu. Ab 10 Uhr heißt es also Notenfressen für das Bayerische Staatsorchester. Gut gelaunt, einen blauen Pullover über die Schultern gelegt, steht Cornelius Meister am Dirigentenpult, wartet das Einstimmen ab.
Obwohl erst 39 Jahre alt, ist der Generalmusikdirektor der Staatsoper Stuttgart in München kein Unbekannter. Seit 2005 ist er hier zu Gast. Das war im gleichen Jahr, als Meister am Theater Heidelberg sein erstes Chefamt angetreten hatte. 2004 hatte man dort einen Generalmusikdirektor gesucht. Der junge Hannoveraner war in die Runde der letzten Kandidaten gekommen und durfte eine Orchesterprobe leiten. Als Wahlstück hatte er sich ziemlich kühn den langsamen Satz aus Anton Bruckners sechster Sinfonie gewählt und begann auch gleich damit nach einem freundlichen, aber knappen „Guten Morgen“ in die Runde.
Nach wenigen Takten war die Findungskommission elektrisiert – unglaublich, was der Bube für eine Ruhe weghatte. Wie er im leisen Beginn des Satzes gleich Spannung aufbaute. Zwar leugnete das Orchester nicht, dass da ein Hochmusikalischer am Werke war – nur hielt es ihn mit 24 Jahren für zu jung, zu unerfahren. Würde er durchsetzungsfähig gegenüber der Stadtverwaltung sein, robust im zehrenden Theateralltag?
Auf inständige Bitten des Intendanten Peter Spuhler billigte das Orchester dem Aspiranten eine Probe-Aufführung zu, Wagners „Tannhäuser“. Meister kannte das Stück als Korrepetitor von seinen ersten Stationen in Erfurt und Hannover, dirigiert hatte er es nie. Und so betrat er am 3. Juni 2004 blass, dezent lächelnd den Graben, hob selbstgewiss, aber freundlich die Musiker einladend den Taktstock – und dirigierte seinen ersten „Tannhäuser“, ja überhaupt seinen ersten Wagner.
In der Pause nach dem ersten Akt brach helle Begeisterung aus, die Sänger, der Chor, endlich auch das Orchester bestürmten die Findungskommission: er solle es werden. Die Jury war sich längst einig. Und so wurde Cornelius Meister damals Deutschlands jüngster Musikchef.
Als ob an dieser zur Legende taugenden Erzählung angeknüpft werden sollte, wählte sich Meister in Absprache mit dem ebenfalls neuen Intendanten Viktor Schoner für seinen Antritt in Stuttgart als Generalmusikdirektor der Staatsoper und des Württembergischen Staatsorchesters Wagners „Lohengrin“. Die Premiere am 29. September 2018 wurde zum Riesenerfolg für den Dirigenten. Wie er die sehrende Kantilene der Violinen nach Elsas „Es gibt ein Glück ohne Reu“ sehnsüchtig blühen ließ, das bezeugte einen hier lange vermissten süffigen Klangsinn.
In den Jahren zwischen Heidelberg und Stuttgart hatte sich Meister als Chefdirigent und Künstlerischer Leiter des ORF-Radio-Symphonieorchesters Wien (2010–2018) sowie bei Gastspielen an der Wiener Staatsoper, den Opernhäusern in Zürich, Dresden, Hamburg, San Francisco, London und an der Mailänder Scala einen internationalen Ruf erworben.
Als Zaungast bei den „Snow Queen“-Proben in München versteht man, warum. Der, mit Verlaub, immer noch ein wenig wie ein Gymnasiast wirkende Meister macht einfach alles richtig (instinktiv, kalkuliert?), jedenfalls strukturiert er eine Probe so, dass das Orchester zwei Stunden motiviert bleibt. Um bei den rhythmischen Vertracktheiten und metrischen Überlagerungen von Abrahamsens Stück keinen Verdruss bei den Musikern aufkommen zu lassen, fängt er nicht von vorn an, sondern da, wo die Musik griffig klingt. Er verbeißt sich nicht, gibt hier einen Hinweis, dirigiert da trocken zwei Takte vor, damit alle gleich wissen, wie es gemeint ist.
Wenn andere Dirigenten eine Passage wiederholen würden, gibt er nur einen Kommentar und vertraut darauf, dass die Musiker sich beim nächsten Mal daran erinnern. Meister ist wie immer bestens vorbereitet, selten geht sein Blick auf die Noten – er ist bekannt für sein penibles Studium der Partituren. Oft dirigiert er auswendig, wie zuletzt in Stuttgart im Konzert die vier Schumann-Sinfonien. Eine Stuttgarter Repertoirevorstellung von „Ariadne auf Naxos“ vor der Sommerpause wurde zur Sternstunde, weil Meister mit dem blendend aufgelegten Orchester den Sängern einen Samtteppich ausrollte, auf dem nicht für eine Sekunde Rutschgefahr herrschte – natürlich lag ebenfalls keine Partitur auf.
Am neuen Wirkungsort Stuttgart fühlen sich Meister und seine Frau sowie ihre drei Kinder ziemlich wohl. Als passionierter Radfahrer nimmt er selbst winters das Vehikel auf dem Weg zur Oper. Nicht ungefährlich: im Dezember vor einem Jahr stürzte er, brach sich Rippen. Nach dem Placet des Arztes dirigierte er dennoch zwei Tage später eine „Tosca“-Vorstellung.
Meister gilt als zäh, diszipliniert und gedächtnisstark. So sehr, dass er manchmal seinen Musikern etwas unheimlich ist. Aber ein fotografisches Gedächtnis hat er nicht, versichert Cornelius Meister im Gespräch. Gefragt, was er an Cornelius Meister schätzt, sagt der Stuttgarter Opernintendant Viktor Schoner: „Natürlich seine Musikalität und, das klingt jetzt komisch: sein Gehör. Aber wenn Sie erleben, wie er noch in Endproben an der Intonation im Orchester feilt, ist das ein Fest. Und dann sein breites Repertoire, seine Liebe zum Metier und die Freude am Theater, also Oper als etwas, das Spaß macht und nicht als anstrengend empfunden wird durch das viele Probieren. Und er ist integer, weil er ein Mann der offenen Worte ist. Schließlich ist er bodenständig geblieben.“
Tatsächlich versteht sich Meister als Teamarbeiter, hat sich vom repräsentativen Büro des Musikchefs im ersten Stock des Littmann-Baus verabschiedet, ist ins Erdgeschoss gezogen, in die Nähe zu dem Intendanten, der Dramaturgie und dem Künstlerischen Betriebsbüro.
Sein schmales Zimmer hat er sich mit Mobiliar aus dem Fundus einrichten lassen, die Stühle stammen aus abgespielten Ballett-, Schauspiel- und Operninszenierungen, der grobe Holztisch ist mit einer Glasplatte bedeckt; Partituren stapeln sich. An den Wänden Souvenirs, ein Bild vom Musikverein in Wien, und viele beschriftete Karteikarten, von Stecknadeln gehalten: Zitate, Sätze, Fundstücke, von Meister notiert, hier ein Satz von Arturo Toscanini, dort eine Harald-Schmidt-Sottise. „Drehort geht vor Inhalt“. Merkwürdig: Meister ist kaum zuzutrauen, statt ernsthaft zu studieren, auf einem Traumschiff zu tingeln . . .