Stuttgarts großer Unternehmer Wie starb Robert Bosch?

Robert Bosch starb am 12. März 1942.Foto: Bosch-Archiv Foto:  

Robert Bosch hat in Stuttgart ein Industrieimperium aufgebaut. Im Dritten Reich fürchtet er, dass sein Lebenswerk zerstört wird. Die letzten Monate des großen Unternehmers.

Reportage: Frank Buchmeier (buc)

Stuttgart - Im November 1941, wenige Tage, bevor die Wehrmacht an der Ostfront von der Roten Armee überrollt wird, bringt ein russisches Sturmtief den ersten Schnee bis ins Allgäu. Robert Bosch wird von dem frühen Wintereinbruch auf seiner Jagd bei Pfronten überrascht. Prompt fängt sich der 80-Jährige eine fiese Grippe ein. Bosch lässt sich heim nach Stuttgart chauffieren.

 

Am 9. März 1942, einem Sonntag, sitzt Bosch in seinem Arbeitszimmer. Er trägt einen Verband um die Ohren, durch die offene Tür hört ihn seine Frau vor Schmerz stöhnen. Pflichtbewusst erledigt Bosch die Post. Zwischendurch schaut er hinaus in den Park, den er um eine alte Eiche herum anlegen ließ, um auch mitten in der Stadt seine tiefe Sehnsucht nach der Natur zu stillen.

Am nächsten Morgen hat sich sein Zustand dramatisch verschlechtert. Auf Anraten der Ärzte lässt sich Bosch ins Marienhospital bringen. Eine Notoperation wird angesetzt, doch es ist bereits zu spät: Die Scheidewand zwischen Mittelohr und Gehirn ist gebrochen, eine Meningitis gibt Bosch schließlich den Todesstoß.

Der Unternehmer hat das Stadtbild geprägt

Noch am selben Abend erscheint im „Stuttgarter Neuen Tagblatt“ ein Nachruf. Robert Bosch wird als „Industriekapitän“ beschrieben, der „eher den Typus eines Naturforschers in der hageren, durchtrainierten Gestalt mit dem charakteristischen Vollbart repräsentierte“. Der Unternehmer habe wie kein zweiter Bürger das Stadtbild von Stuttgart geprägt: von seiner bescheidenen ersten Werkstatt in der Rotebühlstraße bis hin zu den großen Werken, die „von der Hoppenlaustraße aus alsbald schon das ganze Straßenviereck zwischen Militär- und Seidenstraße umfassten und schließlich nach dem benachbarten Feuerbach übergriffen“. Auch sein imposantes Wohnhaus in der Heidehofstraße, dessen Fassade der italienischen Frührenaissance nachempfunden ist, sowie das von ihm gestiftete Krankenhaus, das er zwei Jahre vor seinem Tod in der Hahnemannstraße einweihte, zählen zu seinem architektonischen Nachlass.

Hitler ordnet ein Staatsbegräbnis an. Boschs sterbliche Überreste werden in der König-Karl-Halle – dem heutigen Haus der Wirtschaft – aufgebahrt. Zu den Ehrengästen der Trauerfeier zählen Gauleiter Murr, Generalfeldmarschall Keitel und SS-Gruppenführer Kaul. Während die Kapelle das Lied vom Guten Kameraden spielt, legt Reichswirtschaftsminister Funk die Kränze des Führers an der Bahre nieder. Dann erklingt das Horst-Wessel-Lied: „Die Fahne hoch! Die Reihen fest geschlossen! SA marschiert mit ruhig festem Schritt.“ Auf dem Weg zum Krematorium des Pragfriedhofs schreiten Soldaten vor dem Sarg durch ein Spalier von Bosch-Mitarbeitern, die dem Firmengründer mit dem Hitler-Gruß huldigen.

Zu Lebzeiten hätte sich Robert Bosch nie derart von den Nazis instrumentalisieren lassen. „Bis zu seinem Tod verharrte er in Opposition zu dem politischen Verführer, wenn auch zum Schluss mit deutlicheren Zügen der Erschöpfung und Resignation“, schreibt der Historiker Joachim Scholtyseck in seiner Habilitationsschrift „Robert Bosch und der liberale Widerstand gegen den Nationalsozialismus“.

Gute Miene zum bösen Spiel

Belegt ist, dass sich Bosch im Dritten Reich gegen den Antisemitismus wendet, in vielen Fällen hilft er verfolgten Juden. Zudem legt er in seinem Unternehmen die Grundlage für einen Widerstandskreis, indem er Führungspositionen in seinem Unternehmen mit Regimegegnern besetzt. Carl Friedrich Goerdeler, einen der Köpfe des Widerstands gegen Hitler, stattet er mit einem Beratervertrag aus. Goerdelers Mitstreiter Ulrich von Hassel notiert nach einer Begegnung mit Bosch: „Alter Mann den Jahren nach, aber lebhaft klug und energisch. Man kann sich schwer vorstellen, dass sich unter den heutigen Verhältnissen noch solche Persönlichkeiten entwickeln können.“

Mitunter macht Bosch gute Miene zum bösen Spiel. Am 23. September 1941, seinem 80. Geburtstag, lässt er sich zum „Pionier der Arbeit“ ernennen. Im selben Jahr bewirbt sich die Robert Bosch GmbH um die Auszeichnung „Nationalsozialistischer Musterbetrieb“ und macht mehr als zwei Drittel des Umsatzes mit Aufträgen der Wehrmacht. Als Marktführer bei Autoteilen und Hersteller von Zündern für Flugmotoren sind Produkte der Stuttgarter Firma quasi in jedem Transportmittel von Heer, Luftwaffe und Marine zu finden. Die hohe Nachfrage kann nur noch dadurch befriedigt werden, dass rund ein Drittel der Belegschaft aus Zwangsarbeitern besteht. Zwischen 1939 und 1945 werden in den Werken mindestens 20 000 Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge eingesetzt.

Bosch profitiert nicht nur von dem menschenverachtenden System, er scheint sich auch bei den Verantwortlichen dankbar zu zeigen: Er spendet an die NSDAP, hält engen Kontakt zu Gottlob Berger, dem Chef des SS-Hauptamts, und stellt Hugo Bühler ein, der zuvor in der Stuttgarter Gestapo-Zentrale (Hotel Silber) gearbeitet hat. War „der rote Bosch“, der als erster Großunternehmer den Acht-Stunden-Tag eingeführt hatte, womöglich ein Nazikomplize? „Gewiss nicht“, sagt Kathrin Fastnacht, die seit zwölf Jahren das Unternehmensarchiv leitet. „Robert Bosch wollte lediglich sein Lebenswerk erhalten. Ein offener Widerstand gegen das Regime hätte unweigerlich dazu geführt, dass die Geschäftsführung wegen Landesverrats verhaftet und das Unternehmen von den Nazis beschlagnahmt worden wäre.“

Wie steht Bosch zu dem Regime?

Auch die Historiker Johannes Bähr und Paul Erker, die die bislang umfassendste Unternehmensbiografie vorgelegt haben, sehen in Robert Bosch eher ein Opfer als einen Täter: „Für ihn verkörperte der Nationalismus ziemlich genau das Gegenteil von allem, wofür er eintrat. Demokratie, Gerechtigkeit, Rechtsstaatlichkeit, Völkerverständigung waren für ihn und sein Umfeld hohe Werte.“ Mit den Nazis habe Bosch so weit wie nötig kooperiert, um sich, seine Familie und sein Unternehmen zu schützen. Gleichzeitig habe er versucht, sich so weit wie möglich der Ideologie zu widersetzen.

Bosch kündigt keinem einzigen Mitarbeiter aus politischen oder rassistischen Gründen. Zur „Arisierung“ von Unternehmen äußert er gegenüber seinem Privatsekretär Felix Olpp eine klare Meinung: „Ich lehne es ab, mich am Unglück der Juden zu bereichern.“ Wenn jüdische Mitbürger gezwungen sind, ihr Eigentum zu verkaufen, und Schwierigkeiten haben, dafür einen fairen Preis zu bekommen, springt der wohlhabende Industrielle Bosch ein. So erwirbt er die Zigarrenhandlung von Max und Otto Rosenfeld in der Rotebühlstraße 75, in der sich einst seine erste Werkstatt befand.

Robert Bosch äußert sich niemals schriftlich über das Regime – vermutlich, weil ihm bewusst ist, dass seine Briefe abgefangen werden könnten. Seine private Korrespondenz dreht sich zumeist um seine Lieblingsbeschäftigung, die Jagd. Am Neujahrstag 42 schreibt er an eine Bekannte, dass ihm „die Grippe seit Wochen unangenehme, schmerzhaft empfundene schlaflose Stunden bereitet“, um dann sogleich über ein Gewehr zu fachsimpeln, das er zu Weihnachten geschenkt bekommen hat: „Es gibt kaum noch Jäger, die Büchsen von 6 mm Kaliber führen. Diese Büchse ist heute eigentlich auf dem Weg des Absterbens.“ Es ist unmöglich, aus solchen Sätzen auf seine innere Befindlichkeit zu schließen.

Theodor Heuss kommt zu spät

Nur ein Gefühl zeigt Robert Bosch offen: Zorn. Eva Madelung, Tochter aus zweiter Ehe (bei deren Geburt Bosch schon 70 Jahre alt war), erinnert sich, wie ihr Vater einmal ausgerufen habe: „Warum bringt den Kerle niemand um?“ Gemeint war Hitler. „Als Kind war ich eine überzeugte Nationalsozialistin und habe mich für meinen Vater geschämt“, sagt Eva Madelung. „Später wurde mir bewusst, dass ich stolz auf ihn sein kann.“

Am 4. März 42 schreibt Bosch einen Brief an Theodor Heuss. Er bittet den Journalisten (und späteren Bundespräsidenten), seine Biografie zu verfassen. Kaum hat Heuss zugesagt, erreicht ihn die Todesnachricht. Bei der Trauerfeier beobachtet er, so formuliert er später, „wie die Leiche des Herrn Bosch für nationalsozialistische Propaganda eine halbe Stunde lang ausgeborgt wurde“.

Am 28. März wird die Asche des Verstorbenen von seiner Familie auf dem Waldfriedhof beigesetzt. Zweieinhalb Jahre später liegen die Werkshallen größtenteils in Schutt und Asche, ausgebombt bei den Luftangriffen auf Stuttgart. Und nach dem misslungenen Attentat auf Hitler wird der Bosch-Vertraute Carl Goerdeler als einer der Drahtzieher zum Tode verurteilt. „Robert Boschs Abscheiden im Frühjahr 1942 war eine Gnade“, schreibt sein Biograf Heuss. „Menschliches und Sachliches voll düsterer Tragik blieb ihm dadurch erspart.“

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