Im früheren Lichtblick an der Reinsburgstraße 13 hat der 41-Jährige drei Buchstaben, klein geschrieben, an die Wand gesprüht: v, h, und y – samt Ausrufezeichen. Sieht anders aus als „Why“ und assoziiert doch das Warum. Jeder und jede stellt sich seine/ihre eigenen Warums. Warum ist die Pandemie ausgerechnet bei einem Wildtiermarkt ausgebrochen? Warum zerstört die Menschheit das Klima und sich selbst? Warum werden so viele Tiere gequält?
Die Zeit nach Corona gehört den Pflanzen
Hildebrand und der ebenfalls vegan lebende Künstler Tim Bengel haben ein Gespür dafür, wie man die sozialen Medien rockt. Ihre Sprühaktion, bei Instagram gepostet, führt zu begeisterten Reaktionen – zu Vorfreude auf einen veganen Lichtblick im einstigen Lokal mit diesem Namen, das nach 20 Jahren nicht nur wegen Corona für immer geschlossen hat. Die Botschaft von Hildebrand und Bengel: vhy! will für die neue Ernährung begeistern! Bei uns führt die Speisekarte quer durchs Gemüsebeet! Die Zeit nach Corona gehört den Pflanzen!
In der Nähe des neuen Restaurants, das über einen schönen Garten für die Außenbewirtung verfügt, befand sich das legendäre Musicland. Timo war ab und zu im Müsli. Tim ist mit seinen 29 zu jung dafür. Vor fünf Jahren haben sich die Veggie-Boys bei Bengels erster Ausstellung in Stuttgart kennen gelernt – über den Koch Christian Weber,der nach seinen Berliner Jahren nun Küchenchef im vhy! wird und vegane Genüsse in Stuttgart auf ein neues Niveau stellen will.
„Vegane Ernährung ist kein Trend, sondern mitten in der Gesellschaft angekommen“
Bengel, der als „Goldjunge des Kunstmarktes“ gefeiert wird, will daheim im Süden „ein Gegengewicht zur dominanten Hauptstadt Berlin“ schaffen – bei der Kunst wie bei der veganen Lebensart. Im neuen vhy! – wenn es Corona zulässt, soll das Restaurant im April öffnen – ist er Gesellschafter aus Überzeugung. Das operative Geschäft übernimmt er ebenso wenig wie sein Kumpel Hildebrand, aber beide werben mit Leidenschaft und Spaß für ein Umdenken.
„Wir wollen die Menschen mit Geschmack überzeugen“, sagt der einstige VfB-Star, „deshalb weisen wir nicht ständig auf das Vegane hin.“ Sein Ziel ist es, dass man ins vhy! kommt, „weil’s geil ist und super schmeckt“. Viele würden schnell in Abwehr gehen, wenn man ihnen was vorschreibt. Hildebrand: „Wir beweisen, wie vielfältig, lecker, raffiniert und nahrhaft Gemüse sein kann.“ Die Preise sollen so sein, dass sich möglichst viele das Essen leisten können. Ein Trend sei vegane Ernährung nicht mehr, sagt der 41-Jährige, „sondern ist mitten in der Gesellschaft angekommen“.
„Du bist eingeladen, im vhy! ein paar Veganer zu essen“
Auf keinen Fall besserwisserisch, sondern möglichst cool wollen die drei Buddies ihre neue Aufgabe angehen. „Verdammt, da gibt’s kein Fleisch“, schreibt ein Scherzbold auf Facebook, „egal, ich kann ja immer noch die Veganer da essen.“ Die Replik von Hildebrand: „Du bist herzlichst eingeladen, im vhy! ein paar Veganer zu essen.“
Bevor Gastronomie in der Pandemie möglich wird, ist das ehemalige Lichtblick eine große Baustelle. Die Fliesen in der Küche sind mit altem Fett verschmiert – sie erinnern an Schnitzel, die es hier künftig nicht mehr gibt, auch nicht mit dem Namen „Gemüseschnitzel“. Was pflanzlicher Natur ist, bekommt keine Namen aus Fleischzeiten und soll auch nicht darin erinnern.
Die Fliesen werden rausgerissen, alte Lampen ausgetauscht, Sitzbänke verschwinden. Auch die Fassade soll schöner werden. „Obwohl das nicht unbedingt wichtig ist“, sagt Bengel, „in Berlin sieht man den besten Restaurants von außen nicht immer an, wie gut sie sind.“ Was ihn begeistert: „Vier Monate vor Eröffnung hat unsere Instagram-Community @vhy_stuttgart über 3000 Follower, was viele Restaurants nach zehn Jahren nicht schaffen.“ Dies zeigt: Stuttgart ist hungrig nach neuem Genuss.
Das vegane Restaurant vhy! will überraschen
Weil in der Pandemie viele Wirte aufgeben, sind Hildebrand, Bengel und dem Koch Weber etliche leer stehende Lokalitäten angeboten worden. Der Hausbesitzer von der Reinsburgstraße 13 gewährt mietfreie Monate im Lockdown. Sobald sich das Leben normalisiert, hört man jetzt oft, strömen die Menschen beim Ausgehen. Dann gilt es, viel nachzuholen. Warum man in den Westen gehen sollte? Weil das vhy! überrascht.