Stuttgarts Musiker Ein gelber Ort zum Lautsein

Von Dietrich Heißenbüttel 

Stuttgarts Musikern fehlen dringend schalldichte Plätze zum Üben. Zum Abschluss ihres Architekturstudiums hat Nicola Missel sich dieses Problems angenommen. Sie hat ein Übehaus gebaut und vorm Gustav-Siegle-Haus platziert. Aber dort kann es nicht ewig bleiben.

Innen schön hell und von außen ein Blickfang: das Übehaus von Nicola Missel Foto: Stadt Stuttgart
Innen schön hell und von außen ein Blickfang: das Übehaus von Nicola Missel Foto: Stadt Stuttgart

Stuttgart - Nicola Missel hat einen vollen Terminplan. Mit ihrer Band Impala Ray hatte sie in der Woche vor Pfingsten Auftritte in Hildesheim, Tübingen und Luxemburg. Am einzigen freien Tag sind die Musiker nach Stuttgart gekommen, um ihr Übehaus zu erproben. Denn Missel spielt nicht nur Tuba, sie ist auch Architektin. Vor etwas mehr als einem Jahr hat sie ihr Studium an der Stuttgarter Universität abgeschlossen. Das Besondere daran: An der Architekturfakultät ist es seit einigen Jahren möglich, Masterarbeiten auch real umzusetzen.

Als Tubistin weiß Missel, dass es für Musiker in Stuttgart besonders schwer ist, Proberäume zu finden. Sie entwarf eine mobile Box, um sie einerseits Musikern zum Üben anzubieten und um andererseits auf den Mangel aufmerksam zu machen. Die Akquise von Spendenmitteln und die Rekrutierung von Helfern hat zwar länger gedauert als geplant. Doch nun ist das Übehaus seit einigen Wochen fertig.

Geheimnisvolles Leuchten

Es sieht allerdings völlig anders aus als der ursprüngliche Entwurf. Gelb statt blau und wesentlich größer: ein fünf Meter hoher Kubus aus Schaltafeln, auf 50 Zentimeter Seitenlänge gesägt und mit Leim und Dübeln verbunden. An den Vorsprüngen von einer Kiste zur nächsten sind Fenster aus Polycarbonat eingebaut, die bewirken, dass der Würfel tagsüber innen schön hell ist und nachts geheimnisvoll leuchtet.

Das geänderte Design hat viele Vorteile. So konnte Missel die Würfel mit ungefähr zehn Helfern ohne Kran aufeinander schichten, was bei größeren Bauteilen nicht möglich gewesen wäre. Der hohe Raum hat aufgrund des getreppten Designs eine gute Akustik. Ein E-Piano steht darin, zur Verfügung gestellt von einem Pianohaus, es ist aber Platz genug für eine ganze Band. Die Boxen sind ausreichend gedämmt, um den Verkehrslärm abzuhalten und umgekehrt Beschwerden wegen zu lauter Musik vorzubeugen. Wer will, kann sich über eine Website anmelden, dann folgt ein Kennenlernen, bevor der Interessent den Zugangscode bekommt. Denn eine Tastatur ersetzt das umständliche Abholen und Bringen eines Schlüssels.

Der Mangel besteht weiter

Drei bis vier Musiker pro Tag haben den Raum in den ersten Wochen genutzt. Es könnten noch viel mehr sein, denn das Übehaus steht prinzipiell Tag und Nacht zur Verfügung. An der Musikhochschule sind Proberäume immer ausgebucht, weiß Missel. Aber sie hat nicht offensiv Werbung gemacht, denn dann käme sie zu nichts anderem mehr als zum Verwalten des Zugangs. Zudem bleibt der Kubus auch nicht lange auf dem Platz vor dem Gustav-Siegle-Haus stehen. Ende Juli zieht das Übehaus weiter zum Jazzfestival nach Esslingen. Anschließend soll es für den Rest des Jahres in Stuttgart-Vaihingen auf dem Schwabenplatz vor der Musikschule stehen.

Das Problem fehlender Proberäume kann Missel nicht lösen – aber Aufmerksamkeit darauf lenken. In Stuttgart mangelt es noch an Bewusstsein, während der Münchner Oberbürgermeister Dieter Reiter das Thema sogar in seiner Antrittsrede angesprochen hat.