Stuttgarts neuer Mister S-Bahn „Wir müssen die Menschen wieder für den ÖPNV begeistern“

Daniel Deubel setzt darauf, dass die S-Bahn Stuttgart zu alter Verlässlichkeit zurückkehrt. Foto: LICHTGUT/Max Kovalenko, imageBROKER/Michael Weber

Daniel Deubel, neuer für die S-Bahn zuständiger Direktor beim Regionalverband, will mit Transparenz, Zuverlässigkeit und neuen Ideen die Menschen zurück in die S-Bahn holen.

Stadtentwicklung/Infrastruktur : Christian Milankovic (mil)

Mit dem Rad durch den Berufsverkehr: So beginnt für Daniel Deubel der Arbeitstag. Der neugewählte Leitende Direktor für Wirtschaft und Infrastruktur beim Regionalverband, in dessen Zuständigkeit die kriselnde S-Bahn fällt, will mit Transparenz und Zuverlässigkeit erreichen, dass bald wieder mehr Menschen auf die Schiene setzen.

 

Herr Deubel, kaum hat die Regionalversammlung Sie zum Leitenden Direktor für Wirtschaft und Infrastruktur gewählt, womit Sie auch für die S-Bahn maßgeblich zuständig sind, hat die Deutsche Bahn das Angebot auf den Linien S4 und S5 für einen Monat um ein Drittel gekürzt. Fühlen Sie sich gleich zu Beginn ausgebremst?

Nein, ganz und gar nicht. Es ist eher eine Herausforderung, so etwas zu begleiten. Und die Bahn schränkt ja nicht zum ersten Mal überraschend den Verkehr ein. Damit haben wir uns in den vergangenen Jahren immer wieder befassen müssen. Ohne Baustellen gibt es langfristig keine Verbesserungen, deswegen müssen wir die Fahrgäste mitnehmen, gut informieren und transparent sein. Dann sind die Fahrgäste auch eher bereit, das zu akzeptieren.

Man kann den Leuten etwas zumuten, man muss es nur richtig erklären?

Ja, aber es muss sich auch in einem gewissen Rahmen halten. Klar ist: Wir werden noch eine ganze Weile hier in der Region Stuttgart nicht um Baustellen am Schienennetz umhinkommen. Aus meiner Sicht wichtig ist, dass in solchen Phasen nicht noch Störungen dazu kommen. Das läuft bisher aus meiner Sicht nicht immer ganz optimal.

Ist nach Ihrer Einschätzung der Höhepunkt der Bautätigkeit erreicht oder wird es nochmals schlimmer?

Aus meiner Sicht wird es in den nächsten zwei, drei Jahren wirklich noch mal hart werden. Umso wichtiger ist es, zu informieren, und zwar total transparent und nicht in einer Salamitaktik.

Wird der Aspekt Baustellenkommunikation im nun von Ihnen zu verhandelnden neuen S-Bahnvertrag eine Rolle spielen?

Ja und aus meiner Sicht kann man das schon noch mal anders vertraglich fassen. Wir haben auch heute schon den Verkehrsvertrag weiterentwickelt. Als man den Vertrag 2009 geschlossen hat, waren die Möglichkeiten, die wir heute haben, noch gar nicht gegeben.

Nämlich?

Wir können heute Echtzeit-Informationen einsetzen, was damals noch nicht in dieser Form möglich war. Und was auch im Vertrag so noch nicht angelegt war, weil damals die Bautätigkeit nicht in dem Umfang vorhanden war, waren zum Beispiel Reisendenlenker, die wir heute einsetzen.

Also Menschen, die am Bahnhof stehen und einem den Weg weisen.

Genau. Außerdem finanzieren wir einen Koordinator für Schienenersatzverkehr beim VVS mit, all das muss man auch in einem zukünftigen Vertrag berücksichtigen und zudem darauf achten, dass der Vertrag aufwärts kompatibel ist, dass man es hinbekommt, Themen, die in der Zukunft relevant sind, zu integrieren. Aber es ist letztlich eine Entscheidung, die die Regionalversammlung treffen muss. Eine solche Vertragsgestaltung ist immer auch mit Kosten verbunden.

Sie haben in Ihrer Vorstellungsrede gesagt, die Verkehrswende ist nicht nur ein ökologisches, sondern auch ein soziales Projekt. Warum ist das so?

Wer mobil ist, der hat Zugang zu Bildung, der hat Zugang zu Arbeit, Kultur, zu sozialen Kontakten. Und das ist eben nicht nur ein ökologisches, sondern auch ein soziales Thema.

Auf Daniel Deubel wartet eine herausfordernde Aufgabe: der S-Bahnvertrag wird neu ausgeschrieben. Foto: LICHTGUT/Max Kovalenko

Ist es realistisch, dass in einer heterogenen Region wie Stuttgart in den ländlich geprägten Bereichen ein ähnlich gutes Nahverkehrsangebot herrscht, wie in den Städten?

Schwierige Frage. Wir müssen uns schon darauf konzentrieren, wo viele Menschen leben. Da brauche ich auch viele Angebote und gleichzeitig ist es so, dass man natürlich die Außenbereiche nicht vergessen darf. Ich komme ursprünglich vom flachen Land, mit einem leicht merkbaren Vier-Stunden-Takt. So bin ich aufgewachsen. So kann man das im Zeitalter der Verkehrswende nicht mehr machen.

Sie haben bei ihrer Wahl auch dem Ausbau des Angebots das Wort geredet. Ist der nötig? Die Fahrgastzahlen liegen immer noch unter denen von vor der Corona-Pandemie. Wäre es nicht wichtiger, das jetzige Angebot wieder verlässlicher zu machen?

Wir müssen beides tun. Vor allem müssen wir die Menschen wieder für den ÖPNV begeistern. Das ist im Moment ehrlicherweise alles andere als einfach mit Blick auf Baustellen, Störungen und Pünktlichkeitswerte. Zudem hat Corona zu einem gänzlich veränderten Mobilitätsverhalten geführt. Die Menschen fahren nicht mehr unbedingt jeden Tag zur Arbeit – Stichwort Homeoffice. Wenn wir die Mobilitätswende schaffen wollen, brauchen wir hier in der Region Stuttgart wieder ein pünktliches, zuverlässiges Schienenverkehrssystem. Das betrifft nicht nur die S-Bahn, sondern auch den Regionalverkehr.

 

Ihr Titel lautet nun: Leitender Direktor für Wirtschaft und Infrastruktur. Die Infrastruktur ist marode, die Wirtschaft steht vor unsicheren Zeiten. Warum tun Sie sich das an?

Ich lebe hier gerne in der Region. Ich finde, das ist ein toller Job, in dem man gestalten kann, nicht nur verwalten.

Das Gestalten, das in der Vergangenheit möglich gewesen ist, könnte schwieriger werden in Zeiten, wo die öffentlichen Kassen leer sind.

Unters Gestalten fällt auch der neue S-Bahn-Vertrag, den wir nun angehen...

…bei dem man aber noch nicht mal weiß, ob es überhaupt mehr als ein Angebot geben wird. Mit Wettbewerb ist es da nicht sehr weit her.

Das stimmt und deswegen muss man schauen, dass man attraktiv ist für den Wettbewerb. Bei einem großen S-Bahn-Netz ist das nicht leicht, aber wir sehen auch, dass es Unternehmen gibt, die das können, die es auch machen.

Es gibt Menschen, die wegen der Zustände bei der S-Bahn wieder den Weg zur Arbeit mit dem Auto zurücklegen. Wie kommen Sie in ihr Büro in der Stuttgarter Innenstadt?

Mit dem Fahrrad. Ich komme aus Korntal und fahre gerne Rad und das nicht, weil die S-Bahn derzeit immer wieder unzuverlässig ist oder weil ich ungern S-Bahn fahre, sondern weil ich beim Radfahren gut abschalten kann.

Sie sind nun für acht Jahre gewählt. Wagen Sie eine Prognose: Wie präsentiert sich die S-Bahn am Ende ihrer ersten Amtszeit?

Sie wird dann gerade im Übergang zur nächsten Vertragslaufzeit sein. Ich möchte, dass wir nach meiner ersten Amtszeit das Vergabeverfahren gut auf den Weg gebracht haben, dass wir einen attraktiven Anbieter gefunden haben und dass wir hier in der Region eine moderne, zuverlässige, sichere S-Bahn haben, bei der das Thema Sauberkeit eine Rolle spielt und vor allen Dingen eine S-Bahn, wo die Menschen sagen, da fahre ich gerne mit.

Gelernter Lokführer
Daniel Deubel begann seine berufliche Laufbahn 1997 bei der Deutschen Bahn, wo er nach seiner Ausbildung zum Eisenbahner im Betriebsdienst zunächst als Triebfahrzeugführer tätig war. Nach verschiedenen Stationen koordinierte er schließlich die Angebots- und Fahrplanplanung und leitete operative Projekte im SPNV. Berufsbegleitend studierte er zunächst Betriebswirtschaft (Bachelor) und später noch Recht und Management im Master an der FOM Hochschule.

Verband Region Stuttgart
Deubel, Jahrgang 1980, wird zum 1. Januar 2026 Leitender Direktor für den Bereich Wirtschaft und Infrastruktur beim Verband Region Stuttgart. Zuvor verantwortete er dort als Referent für Verkehrswirtschaft Projekte und Vergabeverfahren rund um die S-Bahn Stuttgart und begleitet strategische Themen des Schienenpersonennahverkehrs in der Region. Daniel Deubel ist 45 Jahre alt, verheiratet, hat drei Kinder und lebt in Korntal.

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