Stuttgarts Umgang mit Bauwerken Abriss-Furor und kein Ende in Sicht

Von Roland Ostertag 

Immer mehr Gebäude, die Stuttgart prägen, fallen der Abrissbirne zum Opfer. Ein Umdenken im Umgang mit der Bausubstanz ist notwendig, fordert der Architekt Roland Ostertag in diesem Gastbeitrag.

Einige Häuser im Stuttgarter Norden mit  repräsentativem Charakter stehen  vor dem Abriss. Das Gebäude an der Hölderlinstraße 3 A (Foto), erbaut 1952, war früher Sitz des Metallarbeitgeberverbands. Dort soll ein Mehrfamilienhaus entstehen. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth 10 Bilder
Einige Häuser im Stuttgarter Norden mit repräsentativem Charakter stehen vor dem Abriss. Das Gebäude an der Hölderlinstraße 3 A (Foto), erbaut 1952, war früher Sitz des Metallarbeitgeberverbands. Dort soll ein Mehrfamilienhaus entstehen. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Stuttgart - Die Menschen haben das Bürgerrecht auf Geschichte. Architekturen, Städte, Orte, Räume, Denkmale, Landschaften sind hervorragende Mittel, dieses Bürgerrecht zu erfüllen. Städte sind aufgeschlagene Lesebücher, Stein- und Denkgebäude verwirklichter Wünsche und Träume. Deshalb müssen sie geschützt, erhalten, gepflegt werden und die Zuwendung des Staates und der Gemeinden erfahren.

Wir Stuttgarter erleben augenblicklich die fünfte Welle des Abriss-Furors in unserer Stadt. Wie wenn Stuttgart nicht schon seinen Ruf als Stadt des Abrisses genügend gefestigt hätte. Und dies in einem Land, in dessen Verfassung im Artikel 30(2) der Schutz des kulturellen Erbes verankert ist, der Denkmal-, Landschafts- und Naturschutz zu Staatsaufgaben und -zielen erklärt werden.

Erste Welle

Die erste Welle ereignete sich während des Krieges bis 1945, die zweite Welle kam nach 1945 mit der Zerstörung vieler der ­übrig gebliebenen Ruinen und des Stadtgrundrisses im Zuge des Baus der Stadtautobahnen. Die dritte Welle war Ende der 50er, Anfang der 60er Jahre mit der Beseitigung vieler der noch übrig gebliebenen, stadtprägenden, nicht unter offiziellem Denkmalschutz stehenden Objekte – wie das Kaufhaus Schocken und das Kronprinzenpalais, aber auch weniger bekannte, ebenso wichtige, wie das Steinhaus, das älteste Haus der Stadt, das Haus des Kunstvereins an der Schellingstraße, die gut erhaltene imposante Ruine des Rathauses, das Ständehaus, die Akademie hinter dem Schloss, große Teile des Bohnen-, des Heu­steig-, des Gerber- und des Hospitalviertels, die die Fritz-Elsas- und die Rote Straße begleitende Bebauung.

Die vierte Welle markiert die Abrisse aufgrund des nur wirtschaftlicher Betrachtung offenen Zeitgeistes von den 80er Jahren bis heute, zum Beispiel die abgebrochenen Gebäude an der Willy-Brandt-Straße (wo jetzt das Innenministerium steht), die Gebäude an der Hermannstraße, das Industriedenkmal Gaskessel. In dieser Phase konnte nur mit Mühe der Abbruch des Bosch­-Areals, des Alten Schauspielhauses, des Neuen Lusthauses und des Hotels Silber verhindert werden.

Baukultur des Landes

Schutz und Pflege von Denkmalen, das kulturelle Erbe und die Baukultur des Landes wurden in den vergangenen Jahren durch Verordnungen, Gesetze, den Zeitgeist weiter gemindert, vor allem durch das Verwaltungsreformgesetz 2004 von ihrem hohen Rang abgestuft. Sie werden zu Objekten, die fast ausschließlich unter ökonomischen, verwertungs- und tagespolitischen, quantitativen Gesichtspunkten betrachtet werden. So macht der Abriss-Furor in dieser Stadt „reißende Fortschritte“. Das Denkmal, der stumme Patient, das Gedächtnis, die Persönlichkeit, der Charakter unserer Stadt und damit die Menschen sind die Hauptleidtragenden.




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