Immer mehr Gebäude, die Stuttgart prägen, fallen der Abrissbirne zum Opfer. Ein Umdenken im Umgang mit der Bausubstanz ist notwendig, fordert der Architekt Roland Ostertag in diesem Gastbeitrag.

Stuttgart - Die Menschen haben das Bürgerrecht auf Geschichte. Architekturen, Städte, Orte, Räume, Denkmale, Landschaften sind hervorragende Mittel, dieses Bürgerrecht zu erfüllen. Städte sind aufgeschlagene Lesebücher, Stein- und Denkgebäude verwirklichter Wünsche und Träume. Deshalb müssen sie geschützt, erhalten, gepflegt werden und die Zuwendung des Staates und der Gemeinden erfahren.

Wir Stuttgarter erleben augenblicklich die fünfte Welle des Abriss-Furors in unserer Stadt. Wie wenn Stuttgart nicht schon seinen Ruf als Stadt des Abrisses genügend gefestigt hätte. Und dies in einem Land, in dessen Verfassung im Artikel 30(2) der Schutz des kulturellen Erbes verankert ist, der Denkmal-, Landschafts- und Naturschutz zu Staatsaufgaben und -zielen erklärt werden.

Erste Welle

Die erste Welle ereignete sich während des Krieges bis 1945, die zweite Welle kam nach 1945 mit der Zerstörung vieler der übrig gebliebenen Ruinen und des Stadtgrundrisses im Zuge des Baus der Stadtautobahnen. Die dritte Welle war Ende der 50er, Anfang der 60er Jahre mit der Beseitigung vieler der noch übrig gebliebenen, stadtprägenden, nicht unter offiziellem Denkmalschutz stehenden Objekte – wie das Kaufhaus Schocken und das Kronprinzenpalais, aber auch weniger bekannte, ebenso wichtige, wie das Steinhaus, das älteste Haus der Stadt, das Haus des Kunstvereins an der Schellingstraße, die gut erhaltene imposante Ruine des Rathauses, das Ständehaus, die Akademie hinter dem Schloss, große Teile des Bohnen-, des Heusteig-, des Gerber- und des Hospitalviertels, die die Fritz-Elsas- und die Rote Straße begleitende Bebauung.

Die vierte Welle markiert die Abrisse aufgrund des nur wirtschaftlicher Betrachtung offenen Zeitgeistes von den 80er Jahren bis heute, zum Beispiel die abgebrochenen Gebäude an der Willy-Brandt-Straße (wo jetzt das Innenministerium steht), die Gebäude an der Hermannstraße, das Industriedenkmal Gaskessel. In dieser Phase konnte nur mit Mühe der Abbruch des Bosch-Areals, des Alten Schauspielhauses, des Neuen Lusthauses und des Hotels Silber verhindert werden.

Baukultur des Landes

Schutz und Pflege von Denkmalen, das kulturelle Erbe und die Baukultur des Landes wurden in den vergangenen Jahren durch Verordnungen, Gesetze, den Zeitgeist weiter gemindert, vor allem durch das Verwaltungsreformgesetz 2004 von ihrem hohen Rang abgestuft. Sie werden zu Objekten, die fast ausschließlich unter ökonomischen, verwertungs- und tagespolitischen, quantitativen Gesichtspunkten betrachtet werden. So macht der Abriss-Furor in dieser Stadt „reißende Fortschritte“. Das Denkmal, der stumme Patient, das Gedächtnis, die Persönlichkeit, der Charakter unserer Stadt und damit die Menschen sind die Hauptleidtragenden.

die fünfte Abrisswelle ist derzeit unterwegs

Die offizielle Denkmalpflege ist aus vielen Gründen – aus politischen, aus Abhängigkeit von Weisungen, aus mangelnder Geschichtskenntnis – häufig nicht in der Lage, unabhängig und souverän zu entscheiden. Anfragen und Anträge, die nicht den konventionellen Kriterien entsprechen, werden meist mit wiederkehrenden der Antwort beschieden: „Es handelt sich nicht um ein Kulturdenkmal nach dem baden-württembergischen DSchG, dem Denkmalschutzgesetz.“

Eine Stadt, deren Charakter, deren Persönlichkeit und Bedeutung bestehen jedoch nicht nur aus „Kulturdenkmalen nach DSchG“, sondern auch vor allem aus stadttypischen und -prägenden Gebäuden, die nicht der Definition des Gesetzes entsprechen, an deren Erhalt jedoch größtes Interesse bestehen müsste.

Es sind diese Gebäude des qualifizierten Alltags, der leisen Töne, der geistigen und formalen Bescheidenheit, die auch unsere Stadt maßgeblich prägen, und nicht die spektakulären, die lauten Objekte und Gebäude, die Großstrukturen. So wie in unserem Leben die bescheidenen, die täglichen Verrichtungen des Alltags dessen Qualität bestimmen. Diese Bauwerke symbolisieren die Sensation des Gewöhnlichen.

Fünfte Abrisswelle

Die fünfte Abrisswelle ist augenblicklich unterwegs. Sie wird nicht nur an Kulturdenkmalen nach DSchG demonstriert wie dem häufig genannten Hauptbahnhof und dem Schlossgarten in Zusammenhang mit Stuttgart 21, sondern vor allem an bescheidenen, dem qualifizierten Alltag zugehörenden, jedoch den Charakter der Stadt maßgeblich bestimmenden Beispielen.

Da soll die 1928 bis 1930 realisierte, stadtteil- und quartiersprägende, städtebaulich und zeitgeschichtlich bedeutsame, 1976 ausgezeichnete, im Architekturführer Stuttgart aufgeführte Wohnanlage Wagenburgstraße 149–153 abgerissen und durch Neubauten ersetzt werden. Das ist ein Stück Stuttgarter Arbeiterbewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Charakter der Straße

Da wird dem unter Denkmalschutz stehenden, spätklassizistischen, den Charakter der Straße prägenden Gebäude Eberhardstraße 65 durch die Bewilligung, die Fassade abzureißen und nach Erstellung eines Neubaus zu rekonstruieren, der letzte Rest an zeitgeschichtlicher Aussage genommen. Nach Paragraf 2 des DSchG ist das Gebäude in die Liste der Kulturdenkmale aufgenommen als „seltenes Beispiel eines frühgründerzeitlichen Geschäftshauses in Stuttgart“. Stuttgart ist wahrlich arm an guten Beispielen aus jener Zeit, in der sich die Stadt rasant von der kleinen Residenzstadt zur Großstadt der Industrialisierung entwickelte.

Da sollen die ältesten Arbeiterwohnbauten Stuttgarts, geplant 1873 vom Architekten Wilhelm Pfäfflin im Auftrag der Stuttgarter Gemeinnützigen Baugesellschaft, in der Siemens-, der Adler- und der Möhringer Straße in Heslach abgebrochen und durch Neubauten ersetzt werden. In vorauseilendem Gehorsam vor der Abrissbirne wurde der Denkmalschutz vom Regierungspräsidium aufgehoben. In der Fürfelder Straße und in der Fleinerstraße sollen Wohnungen dran glauben. Dieselben Pläne hat die SWSG in der Keltersiedlung, die Baugenossenschaft Zuffenhausen in der Stammheimer Straße. Mit ihren Wohnungen werden die Menschen, Stuttgarter Bürgerinnen und Bürger, ihren Wohn-, ja Lebensort, ihre Heimat verlieren.

Es geht weiter

Und so geht es weiter. Nach dem Motto: Auch du kommst noch dran!

Gefährdet oder bereits verschwunden sind Bauten des qualifizierten Alltags, die Wohnbauten in der Hölderlinstraße 3A, Lenzhalde 82, Oberwiesenstraße 6, Rohreckweg 19, das Haus Finsterlin, die Villa Bolz, das Gemeindehaus Gänsheide, Gebäude in der Jägerstraße, in der Klingenbach- und Talstraße, das Königin-Katharinen-Stift, Überwerfungsbauwerke, diverse Brücken. Viele Seiten aus dem Lesebuch der Geschichte unserer Stadt wurden und werden herausgerissen.

Der unwiederbringliche Verlust droht

Unsensibler, geschichts- und rücksichtsloser geht es nicht. Bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden je Generation maximal fünf Prozent der bestehenden Bebauung abgerissen und durch Neubauten ersetzt. Damit war die räumliche, die soziale, die geschichtliche Kontinuität der Stadt gewährleistet. Durch den Krieg wurden in wenigen Jahren bis über fünfzig Prozent der Substanz vernichtet. Doch anstatt nach 1945 innezuhalten, sich zu besinnen, mit dem noch Bestehenden sorgsam umzugehen, wurde der Abriss-Furor in den vergangenen Jahrzehnten noch gesteigert.

Heute werden in vielen Städten, Stuttgart an der Spitze, je Generation wieder bis zu 50 Prozent der bestehenden Bebauung ausgewechselt. Die Auseinandersetzungen zwischen quantitativen, wirtschaftlichen Interessen und qualitativen Werten werden fast immer zu Ungunsten der Letzteren entschieden. Die Technokraten- und Investorenmoderne kennt nur „rationale“ Werte. Alles muss sich rechnen. Mit dem Verlust der Orte, der Gebäude gehen auch die Räume und Raumfolgen, gehen der Charakter, die Atmosphäre, das emotionale Stadterlebnis, die Stadt, unsere Stadt als Lesebuch verloren.

Keine Werte

Eine Haltung ist am Werk, für die Geschichte, Erinnerung, räumliche und atmosphärische Qualitäten keine Werte darstellen. Ergebnis ist der unwiederbringliche Verlust des individuellen und kollektiven Gedächtnisses, des Stuttgart-typischen Charakters der Stadt, des Zuhauses, der Heimat der Menschen. Mit dem Verlust der Außen-und Innenbilder, dem Verlust der Erzählfähigkeit, der „Texte“ vergegenständlichter Geschichte entsteht eine ortlose, entleerte, entzauberte Welt. Die Menschen wohnen in einer Welt, aber sie sind nicht in ihr zu Hause.

Wir dürfen und sollten die Hoffnung jedoch nicht aufgeben. Wir sollten die Gefährdungen und Herausforderungen als eine Chance wahrnehmen, unsere Stadt wieder zu entdecken, sie zu bewahren, ja sie zu lieben. Die Hoffnung gilt der Imagination von Städten: Es könnten aus unserem Lebensgefühl, aus dem Verlangen nach einem emotionalen Stadterlebnis neue städtische Träume und neue städtische Räume entstehen.

Eigentlich ist alles ganz einfach, man muss es nur wollen.

Der Autor
Roland Ostertag (Jahrgang 1931), früher Präsident der Bundesarchitektenkammer, befasst sich heute mit der Denkmalpflege. Seine bekanntesten Projekte sind die Sanierungen des Alten Schauspielhauses und des Bosch-Areals.