Als Jennifer Reaves durch die Flügeltüren tritt, zieht sie alle Blicke auf sich. Zum Interview im Stadtpalais, wo sie kommenden Samstag erstmals das Bitchfest veranstaltet, erscheint sie mit rot-blauem Kleid, bunten Accessoires und versprüht jede Menge guter Laune. „Wenn ich den Raum betrete, dann nehme ich ihn gerne ein“, sagt Jennifer. Mit ihrem neuen Projekt, dem Bitchfest, das die ehemalige Blickfang-Messe-Geschäftsführerin am 7. September auf die Beine stellt, möchte sie aber vor allem anderen Frauen Raum geben. Es ist ein Festival von Frauen für Frauen, voll mit Vorträgen zu Themen wie Selbstbewusstsein und weibliche Sexualität, mit Yoga- und Finanz-Workshops, mit Comedy- und Musik-Bühnenprogramm, gutem Essen und Drinks. „Das Bitchfest kann aber auch ein Fun Day, ein Tag wie ein Festival, sein. Man kann sich tätowieren lassen, Wimpern kleben lassen, shoppen, Kerzen färben, Lippenbalsam selbst machen und tanzen und nicht einen einzigen Deep-Dive-Workshop mitmachen“, sagt die Gründerin. Es ist jeder selbst überlassen, wie sie ihren Bitchfest-Tag gestaltet.
Ein Fest für alle Frauen, statt nur für Überfliegerinnen
Die Idee fürs Bitchfest lag schon lange in Jennifers Schublade. Bereits vor der Pandemie schlummerte sie vor sich hin, als Jennifer noch das Designfest – einen Ableger der Blickfang-Messe – geplant und umgesetzt hat. „Damals war es aber noch als Plattform für Unternehmerinnen gedacht, weil ich selbst nichts anderes war außer Unternehmerin“, sagt sie rückblickend. Doch dann folgte in ihrem Leben eine Phase, die von herausfordernden Lebenslagen geprägt war: Zusammenbruch, Lebenskrise, Burnout. „Und dann kam eine andere Jennifer zum Vorschein, die es vorher noch gar nicht gab oder die ich vielleicht nicht zugelassen habe. Und mit ihr eine ganz andere Empathie für sich und die Herausforderungen anderer Frauen“, sagt die Bitchfest-Macherin. Sie habe viel über sich nachgedacht und gelernt, sagt die zweifache Mutter heute. Das brachte ihr im Bezug aufs Bitchfest eine grundlegende Erkenntnis: „Ich habe gemerkt: Das Bitchfest muss eine Plattform für alle Frauen sein. Es darf nicht eine weitere erfolgs- und leistungsorientierte Plattform sein, bei der es nur darum geht, wer den größeren Instagram-Kanal hat und wer die bessere Personal Brand ist.“ Stattdessen möchte sie mit dem bunten Programm eine Palette an Themen abdecken, die Frauen aller Couleur und unterschiedlicher Generationen im Alltag begleiten. Und Spaß soll das Ganze natürlich auch machen.
Das neue Konzept fürs Bitchfest, wie es dieses Wochenende stattfinden wird, stellte sie erst Anfang dieses Jahres zusammen. Dabei vereinte sie drei ihrer Stärken unter einem Dach. „Ich habe drei Leidenschaften in meinem Leben. Erstens: Ich bin ein absoluter Live-Kommunikationstyp und bringe gerne Menschen zusammen. Zweitens: Ich mag schöne Dinge“, zählt Jennifer auf. „Und zu meiner dritten Leidenschaft – wobei Leidenschaft vielleicht nicht das richtige Wort ist: Ich bin schon immer eine sehr bunte, sehr laute und sehr auffällige Frau gewesen. Und ich habe nie ein Problem damit gehabt, über meine Bedürfnisse und Wünsche zu sprechen.“ So weit so gut. „Aber ich erlebe ganz viele Frauen, die ein Problem damit haben, offen über ihre Bedürfnisse und Wünsche zu sprechen und aus ihrem Schneckenhaus herauszukommen, laut zu sein und laut zu sagen ‚Ja, ich will!‘ oder ‚Nein, ich will nicht!‘“, stellt die 44-Jährige fest. „Weil das auch immer noch negativ bewertet wird: Man wird als zickig oder bitchy abgestempelt. Ich wünsche mir aber, dass viel mehr Frauen die Bitch in sich erkennen, suchen, finden und herausholen.“
Aber was ist überhaupt eine Bitch? „Für mich ist eine Bitch eine starke Frau, eine laute Frau, die keine Angst davor hat, anzuecken. Eine, die ihre Meinung sagt, obwohl sie damit vielleicht gegen den Strom schwimmt. Eine Bitch ist aber auch eine Frau, die Schwächen hat – denn wir alle haben Schwächen – und die aber nicht hinter einer Maske versteckt, sondern selbstbewusst mit ihnen umgeht und sagen kann ‚Ja, mir geht es nicht gut. Ja, ich brauche Hilfe‘.“ Reclaim the term.
Schwächen zugeben ist eine Stärke
Dass vor allem Letzteres zuvor nicht ihre Stärke gewesen war, merkte die Stuttgarterin, als sie tatsächlich Unterstützung und Support brauchte. „Ich erinnere mich noch, wie viel Kraft es mich gekostet hat, als ich eine Therapeutin oder eine Coachin gesucht habe, in das Unternehmerinnen-Frauennetzwerk, in dem ich bin, einen Hilferuf zu posten, ob jemand jemanden kennt. Ich habe die Nachricht fünfmal geschrieben, 16 mal gelöscht und 30 mal bereut, dass ich sie geschickt habe.“ Mittlerweile kann die Gründerin und Mutter darüber lachen. „Denn auch das macht eine Bitch für mich aus: Diese Angst zu überwinden. Ich möchte mit dem Bitchfest dieses laute, Raum einnehmende und Bedürfnisse aussprechende Wesen, das uns Frauen auch auszeichnen kann, auf ein Podest stellen und feiern.“
Die Mutterschaft habe ihre Motivation, erstmals alleine zu gründen und ein Festival wie das Bitchfest auf die Beine zu stellen, noch verstärkt: „Ich wünsche mir nichts sehnlicher für meine Tochter, als dass sie eine Frau wird, die keine Angst davor hat, anzuecken, ihre Meinung zu sagen und die sich nimmt, was sie sich wünscht – und die auch Verantwortung für ihre eigenen Bedürfnisse übernehmen kann.“
„Mein Style ist bunt, laut und sporty“
Sich mit schönen Dingen zu umgeben, ist seit jeher eines von Jennifer Reaves Bedürfnissen. „Jemand hat mal zu mir gesagt, ich sei ein Stil-Snob. Das war gar nicht so nett gemeint, trifft es aber ganz gut“, sagt sie schmunzelnd. Angesprochen auf ihr Outfit und Styling stellt Jennifer klar: „Mein Style ist für mich essenziell als Teil meiner Persönlichkeit und meiner Identität. Ich falle gerne auf und ich liebe Farben. Mein persönlicher Style ist bunt, laut und sporty.“ Dass sie dabei nicht jedermanns Nerv trifft, ist ihr dabei völlig klar – und herzlich egal. „Schönheit liegt im Auge des Betrachters. Was ich für schön befinde, finden ganz viele Leute nicht schön. Und das ist total okay.“
Bei der Frage, welchen Styling-Fail oder Fehlkauf sie nicht wiederholen wollen würde, muss die Stuttgarterin lange überlegen. „Durch meine Arbeit bei der Blickfang habe ich schon sehr früh mit guten Gestalter:innen zu tun gehabt, war in vielen Mode- und Designmetropolen unterwegs“, berichtet Jennifer, die direkt nach ihrem Abitur über ein Praktikum bei der Blickfang Designmesse landete, wo sie knapp 21 Jahre lang auch blieb. „Dadurch wusste ich früh, was mir gefällt. Ein Fehlkauf fällt mir auf Anhieb tatsächlich nicht ein.“
Nach Trends zu shoppen ist nicht nachhaltig
Die Teile, die sie kaufe, blieben stattdessen sehr lange in ihrem Besitz und würden getragen. „Die Sachen in meinem Kleiderschrank sind im Durchschnitt zehn Jahre alt“, sagt die Unternehmerin. „Ich habe Klamotten, die trage ich seit 20 Jahren.“ Das liegt mitunter daran, dass sie keine Trend-Käuferin sei. Die Dinge, die sie kauft, entsprechen ihrem eigenen Style und nicht einem Fashion-Trend, der morgen schon wieder vorbei sein könnte.
Was rät Jennifer Menschen, die sich in puncto eigener Style noch schwertun? „Viele Leute haben Angst, beim Style etwas falsch zu machen, Farben falsch zu kombinieren. Grundsätzlich passen aber so viele Farben zusammen! Man kann da, finde ich, wenig falsch machen und sich ruhig einfach trauen. Und wenn man mal rausgeht und eine komische Kombi anhat – who cares?! Man lernt ja dadurch dazu.“
Dabei sei ein gut sortierter Kleiderschrank das A und O. „Ich habe eine konkrete Farbpalette, das sind fünf, sechs, sieben Farben, die ich mag – und alle meine Klamotten im Schrank sind aus dieser Farbpalette, was wiederum bedeutet, dass ich alles miteinander kombinieren kann.“ Jennifer tippt auf ihre lila Handyhülle und lila Armreifen. „Dass das alles zusammenpasst, ist kein Zufall. Wenn man mal seine Farbpalette gefunden hat und dann nur noch in dieser einkauft, dann kann man alles miteinander kombinieren.“ Das spare im Alltag auch Zeit: „Ich bin diejenige in der Familie, die morgens am wenigsten Zeit braucht, um sich fertig zu machen, inklusive meines Mannes und meines 17-jährigen Sohns“, sagt die 44-Jährige. Make-up trage sie ohnehin selten. „Mit duschen, eincremen und anziehen brauche ich 15 Minuten“, rechnet sie vor.
Immer Outfits, nie Einzelteile kaufen!
Ihr zweiter wichtiger Styling-Tipp lautet: „Ich kaufe immer Outfits, nie Einzelteile. Nicht unbedingt im selben Laden, aber am selben Tag: Wenn ich eine Hose kaufe, dann kaufe ich auch ein passendes T-Shirt dazu.“ Beherzigt man diesen Tipp in Kombination mit der eigenen Farbpalette, wird vermieden, ein Einzelteil zu haben, das zu nichts anderem im Kleiderschrank passt. Stattdessen kann wild untereinander gemixt werden.
In der Bildergalerie kann man sich Jennifers Style genauer ansehen. Die Armreifen wird es übrigens am Samstag auch beim Bitchfest in unterschiedlichen Farb-Kombis zu kaufen geben.
Bitchfest, Stadtpalais, Konrad-Adenauer-Str. 2, Stuttgart-Mitte, 7.9. 10-22 Uhr, alle Infos zum Programm + Tickets >>>