StZ-Diskussion Die Zukunft der Region Der Siegeszug der Algorithmen

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Maschinen werden durch Daten gesteuert. Selbst bei der Auswahl eines Joggingschuhs kann die Digitalisierung helfen. Experten sprechen bei einer Veranstaltung von Stuttgarter Zeitung, Roland Berger und der L-Bank über die Chancen neuer Technologien.

Diskutierten darüber, wie die Digitalisierung unser Leben verändert (von links):   Petra Foith-Förster vom Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung, Stefan Kölbl, Vorstandschef der Stuttgarter Prüforganisation Dekra, Joachim Dorfs, Chefredakteur der Stuttgarter Zeitung, Constanze Kurz, Sprecherin des Chaos Computer Clubs,  Smartrac-Chef Christian Uhl und Björn Bloching, Berater bei Roland Berger. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko 11 Bilder
Diskutierten darüber, wie die Digitalisierung unser Leben verändert (von links): Petra Foith-Förster vom Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung, Stefan Kölbl, Vorstandschef der Stuttgarter Prüforganisation Dekra, Joachim Dorfs, Chefredakteur der Stuttgarter Zeitung, Constanze Kurz, Sprecherin des Chaos Computer Clubs, Smartrac-Chef Christian Uhl und Björn Bloching, Berater bei Roland Berger. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Stuttgart - Wohin sich die Mobilität der Zukunft entwickeln wird, darüber wird in Politik und Wirtschaft derzeit kontrovers diskutiert. Bei einem Thema zumindest hat Stefan Kölbl für sich eine eindeutige Antwort gefunden: „Das autonome Fahren bringt einen wahnsinnigen Sprung in der Sicherheit mit sich“, meint der Vorstandschef der Stuttgarter Prüforganisation Dekra. Joachim Dorfs, Chefredakteur der Stuttgarter Zeitung, hatte bei einer gemeinsamen Veranstaltung von Stuttgarter Zeitung, der Unternehmensberatung Roland Berger und der L-Bank gefragt, welche Folgen die Digitalisierung haben wird – in der Arbeitswelt, aber auch im Privatleben. Die Experten auf dem Podium diskutierten unter dem Titel „Vernetzt, individuell, transparent: Wie verändert Technik unser Leben?“

Sorgsamer Umgang mit Daten angemahnt

Der Dekra-Chef jedenfalls macht trotz seines zumindest für das Autofahren optimistischen Prognose auch eine Einschränkung: „Jede Maschine birgt auch ein Risiko, wenn sie nicht ausgereift ist.“ Damit war der Bogen für die Teilnehmer der Diskussion in der Rotunde der L-Bank in Stuttgart gespannt: Die Technik bringt Chancen mit sich, ihre Beherrschung aber ist auch eine große Herausforderung.

Für Constanze Kurz, die Sprecherin des Chaos Computer Clubs, ist eines sicher: Schon in naher Zukunft werden Maschinen Dinge können, „von denen wir nie gedacht haben, dass Maschinen dies können“. Um so wichtiger ist es für sie denn auch, sorgsam mit den Daten in einer digitalisierten Welt umzugehen.

Chip in Turnschuhen

Mit der „Digitalisierung der Dinge“, wie er sein Arbeitsgebiet umschreibt, beschäftigt sich Christian Uhl. Er ist Chef des niederländischen Unternehmens Smartrac, das im wesentlichen von der Stuttgarter Niederlassung aus gesteuert wird. Die Technik, die sein Unternehmen einsetzt, wird mit dem Kürzel RFID umschrieben. Dabei kann ein Transponder, eine Art Chip, in eine Maschine eingesetzt werden und meldet dann deren Zustand. Auch ein Turnschuh kann interessant sein: Vor Uhls geistigem Auge sieht dies dann so aus: Der Chip stellt fest, in welchen Turnschuhen ein Läufer welche Geschwindigkeit erreicht. „Ein Hersteller könnte sich an diesen Daten orientieren und entsprechende Turnschuhe produzieren“, meint Uhl.

Björn Bloching, Senior Partner bei Roland Berger und Digitalexperte, meint, es sei gefährlich, einfach zu glauben, alles bleibe „wie es ist“. Er zitiert Microsoftgründer Bill Gates, der gesagt hat: Was in naher Zukunft kommt, wird oft überschätzt, unterschätzt aber wird, was in fernerer Zeit passiert.

Ohne Künstliche Intelligenz kein autonomes Fahren

Vor der Angst, irgendwann könnten Roboter die Welt beherrschen, warnt Petra Foith-Förster vom Fraunhofer Institut für Produktionstechnik und Automatisierung (IPA). Beklagenswert sei eher, dass in der Vergangenheit zu wenig getan worden sei, um in Deutschland die nötige Zahl von IT-Fachleuten auszubilden oder sich frühzeitig ernsthaft mit Künstlicher Intelligenz zu beschäftigen, sagt Foith-Förster.

Gerade ohne künstliche Intelligenz aber wird das autonome Fahren nach Meinung von Kölbl nicht möglich sein: „Wir wissen heute noch nicht, wie die Fahrzeuge reagieren.“ Diese könnten zwar lernen, „aber ein Auto, das nur auf der Autobahn fährt, lernt etwas anderes, als ein Auto, das auf der Landstraße unterwegs ist.“ Von den Autoherstellern fordert er denn auch, nicht länger auf dem Standpunkt zu beharren, die Daten gehörten allein ihnen. „Ohne Daten können wir als Prüforganisation nichts prüfen“, meint der Dekra-Chef.

Uhl lobt die europäische Zurückhaltung, statt wie US-Konzerne schnell autonome Fahrzeuge auf die Straße bringen zu wollen: „Die Amerikaner sind zwar schneller, aber es ist richtig, die Dinge erst einmal ausreichend zu testen.“ Für Foith-Förster ist es denn auch wichtig, sich Gedanken darüber zu machen, „wie man die eingesetzten Systeme gestaltet“.

Mangelnde Experimentierfreude Deutschlands kritisiert

Bloching indes wies darauf hin, dass es nicht nur um einen möglichen Wettlauf zwischen Europa und Amerika gehe. Besonders in China nehme man es mit dem Datenschutz nicht so genau, meinte der Experte von Roland Berger. „Die Frage ist, wie es gelingen kann, den Datenschutz mit unserer Wettbewerbsfähigkeit zu verbinden.“ Zu wenig, so Bloching, werde in Deutschland und Europa ausprobiert, im Umgang mit Daten sei man zu zurückhaltend. Die Frage nach der Wettbewerbsfähigkeit aber steht etwa für Kurz nicht im Vordergrund – es komme darauf an, wie unsere Zivilisation aussehen solle, meint sie. „Wir haben das Recht, unsere Daten zu schützen.“ Doch auch Kurz ist längerfristig optimistisch: Die Nutzung von Daten, wenn sorgsam damit umgegangen werde, könnte ihrer Ansicht nach mehr Chancen als Risiken bergen. Über eines jedenfalls waren sich bei der Diskussion mit Blick auf die nächsten fünf Jahre alle einig: „Die Dinge werden sich weiterentwickeln“, meinte etwa Uhl, „es wird aber keinen disruptiven Prozess geben.“