StZ-Feuilleton Der Intendant versteht den Kritiker nicht mehr

Friedrich Schirmer (l.) und Tim Schleider Foto: Lichtgut/Ferdinando Iannone

Viele starke Rezensenten haben die Kulturseiten der StZ mitgeprägt. Deren Kritik muss ein Intendant ertragen können. Wie schafft man das?

Kultur: Tim Schleider (schl)

Und? Was sagt der Kritiker? – Wenn man einst als Redakteur der Stuttgarter Zeitung zu Beginn der Theaterpause durchs Foyer im Großen oder Kleinen Haus am Eckensee schlenderte, konnte es gut sein, von anderen Zuschauern im Vorbeigehen so angesprochen zu werden. Das theaterbegeisterte Publikum in Schauspiel, Oper und Ballett kannte über viele Jahre seine StZ-Kritiker gut: Siegfried Melchinger, Wolfgang Ignée, Gerhard Stadelmaier, Hellmuth Karasek, Horst Koegler, Wolfram Schwinger, um nur einige zu nennen, waren prägende Autoren der Zeitung – ganz in der Tradition des StZ-Begründers Josef Eberle, für den ein starkes, angesehenes, von den Richtigen gefürchtetes Feuilleton zum harten Kern einer Tageszeitung gehörte. Die Urteile der StZ-Rezensenten fanden bundesweit Beachtung – und wurden gerade in ihrer Strenge und Schärfe von vielen in der Leserschaft geschätzt. Und am beliebtesten war natürlich stets der berühmt-berüchtigte „saftige Verriss“ all der hehren Kunst.

 

Ein Chefposten nach dem anderen

Aber wie ging eigentlich umgekehrt ein Künstler, wie ging ein Intendant mit solch scharfen Urteilen um? Wie kann man geduldig schlucken, was ja bewusst so formuliert ist, dass es den Zielobjekten möglichst quer im Halse stecken bleibt?

Einer, der Zeit seines Berufslebens viele StZ-Rezensionen gelesen hat, lesen musste, gute wie schlechte, ist Friedrich Schirmer. Mit dem Theaterleben von Land und Region ist er tief verbunden – 1985 wurde der gebürtige Kölner (aufgewachsen in Bremen) Theaterchef in Esslingen, 1989 in Freiburg, 1993 am Schauspiel des Stuttgarter Staatstheaters. 2005 übernahm er für fünf Jahre und zwei Monate die Leitung des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg, 2014 kehrte er für ein weiteres Jahrzehnt „back to the roots“, nämlich zurück nach Esslingen. Im Laufe der Jahre dürfte es über die Premieren an seinen Häusern Tausende von Kritiken gegeben haben. Die kann er doch unmöglich alle gelesen haben. Oder?

Kritik gehört zu den Grundlagen

„Natürlich habe ich die Kritiken gelesen“, erzählt der inzwischen 73-jährige Bühnenchef im Ruhestand in einem Esslinger Café am Marktplatz. „Ob wirklich restlos alle, das kann ich jetzt nicht beschwören. Aber wer am Theater arbeitet und behauptet, er lese keine Kritiken, die lasse er gar nicht an sich heran, dem kann ich nicht glauben.“ Wenn es in Schirmers Stuttgarter Ära spätabends heimwärts ging vom Eckensee hinauf in die Dienstwohnung auf der Solitude, wurde oft noch ein Zwischenstopp an der Esso-Tankstelle in West eingelegt: „Da gab es ab 21 Uhr schon die gedruckte Zeitung vom kommenden Tag zu kaufen. Und natürlich haben wir als erstes gelesen, was der Kritiker da über unsere Premiere geschrieben hat.“

Es war nicht immer, noch nicht mal besonders oft zu Schirmers Freude – wie sollte es auch so sein; Zeitungen haben ja nicht die gesellschaftliche Aufgabe, den Verantwortlichen in Stadt und Land Freude zu bereiten. Eine kritische Haltung gehört zu den journalistischen Grundlagen, das gilt auf den Politik- und Wirtschaftsseiten nicht anders als in der Kultur. Doch es stimmt: An Friedrich Schirmer arbeiteten sich die StZ-Kritiker lange Zeit besonders intensiv ab. „Natürlich muss ich als Theaterchef schlechte Kritiken aushalten. Das gehört zum Beruf, dafür gibt es jeden Monat auch Schmerzensgeld.“ Der erfahrene Theaterchef fügt hinzu: „Aber es tat dann auch schon immer mal wieder weh.“ Was genau tat weh? „Der Eindruck, der Kritiker wollte bestimmte Dinge nicht sehen, weil er sie grundsätzlich nicht sehen wollte.“

Seine Bühnen waren Talentschmieden

Hier bot Schirmer den Rezensenten womöglich mehr Angriffsfläche als andere: Er sah sich stets als Intendant, der einen Spielplan mit möglichst ungewöhnlichen Stoffen und vor allem mit neuen, noch unbekannten Akteuren bot. Die Regisseure Martin Kusej, Stephan Kimmig, Elmar Goerden, Christoph Loy, allesamt prägende Figuren des Theaters jüngerer Zeit – ihre ersten wichtigen Inszenierungen bekamen sie just bei Schirmer in Stuttgart. Den Zeitungskritikern war diese Art von Talentschmiede für ein Staatstheater, noch dazu in Stuttgart, wohl nicht gewichtig genug. „Und wenn in der Zeitung dann Ablehnung auf Ablehnung folgt, denkst Du als Theaterchef irgendwann: Steckt eine Strategie dahinter? Was will der Kritiker? Etwa einen anderen Intendanten?“

Es ist vermutlich ein unlösbarer Konflikt: Der Kritiker und der Künstler, respektive der Intendant – beide lieben das gleiche Objekt, nämlich das Theater. Beide müssen in der Premiere zeigen, dass sie der bessere Liebhaber sind. Auf beiden Seiten geht es um große Gefühle. Beide Seiten spielen vor Publikum. Kein Wunder, dass es da auch mal knallt.

An die Überschrift erinnert er sich noch Jahre später

Aber warum ist eine einzelne Theaterkritik so wichtig? Warum kann man sich im Theater so darüber aufregen? Warum kann sich Schirmer noch heute daran erinnern, was StZ-Redakteur Gerhard Stadelmeier 1985 nach einem ersten Kennenlernen als Titel über ein Porträt des neuen Esslinger Landesbühnenchefs schrieb: „Kaltschnäuzig, aber heiß“? Schirmer antwortet so: „Von der einzelnen Inszenierung bleibt doch früher oder später nur die Kritik. Der Theaterabend ist vorbei, das Stück ist irgendwann nicht mehr zu sehen. Der Kritiker sitzt schon in der nächsten Premiere. Seine letzte Kritik aber ist gespeichert im Archiv.“ Eine Journalistin sagte Schirmer einmal, er nehme Rezensionen viel zu ernst; die seien im Grunde mehr ein Spiel. Eine Einschätzung, die ihn, sagt er, ratlos gemacht hat: „Ein hartes Urteil über eine Inszenierung zu schreiben, das ist doch kein Spiel. Das will doch verantwortet sein.“

Ein Gespräch zwischen Kulturjournalist und (Ex-)Theaterintendant ist jedenfalls auch nicht leicht. Es geht beiden um etwas sehr Grundsätzliches in ihrem Beruf. Wobei beide spüren, dass die alten Kampfzeiten eh längst passé sind. Die Großkritiker, die tatsächlich keine andere Aufgabe hatten, als kreuz und quer durchs Land von einer Theaterpremiere zur anderen zu reisen, es gibt sie nur noch als seltenes Exemplar einer aussterbenden Gattung. Früher war für das Renommee eines Hauses wichtig, ob man in der Kritikerumfrage der Fachzeitschrift „Theater heute“ vorkam oder gar zum Berliner Theatertreffen eingeladen wurde. Heute ist – zu Recht – viel relevanter, wie gut eine Bühne vernetzt ist in der Stadtgesellschaft, ob sie Gesprächs- und Debattenstoff bietet. Und von Jahr zu Jahr wichtiger: am Ende der Spielzeit der Stand der Besucherzahlen.

Er hat seinen Frieden gemacht

„Ich habe meinen Frieden mit meinen Kritikern gemacht“, sagt Schirmer. Alles andere wäre ja auch furchtbar für einen Mann, der sich über die Jahrzehnte seinen Platz in den Annalen des Theaters längst errungen hat. Es soll im Übrigen wohl auch Kritiker geben, die im Nachhinein, im Rückblick die Leistung eines Künstlers ausgewogener einschätzen als im Eifer und dem Beurteilungsdruck des Tagesgeschäftes.

Auf gleicher Seite am Caféhaus-Tisch sitzt man deshalb noch lange nicht. Zwischen beiden bleibt noch genügend Platz für die inzwischen geleerten Kaffeetassen. Und? Was sagt nun der Kritiker? Spannend war’s.

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