StZ-Hochschulatlas Bewerberrunden im WG-Wohnzimmer

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Wohnraum ist rar und teuer in Stuttgart, halbwegs bezahlbare Zimmer in Wohngemeinschaften und in Wohnheimen deshalb heiß begehrt. Die Suche gleicht für die Bewerber einer Castingshow.

In der Studentenverbindung B-Ulmia  bei der Vorstellungsrunde der potenziellen Mitbewohner: die Stimmung ist locker. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth
In der Studentenverbindung B-Ulmia bei der Vorstellungsrunde der potenziellen Mitbewohner: die Stimmung ist locker. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Stuttgart - Dass die Suche nach einem Zimmer wahnsinnig anstrengend sein kann, davon kann Lara ein Lied singen. Die 21-Jährige studiert technisch orientierte Betriebswirtschaftslehre in Stuttgart und wollte unbedingt in einer Wohngemeinschaft wohnen. „Ich bin mittlerweile echte WG-Casting-Expertin“, sagt Lara. Seit sie im August 2013 aus Überlingen nach Stuttgart gekommen ist, ist sie bereits dreimal umgezogen. In der ersten WG gab es nach einem guten Jahr große Differenzen. Die drei Mitbewohner hatten unterschiedliche Vorstellungen von Ordnung, sodass sie sich dazu entschlossen, nicht mehr zusammen zu wohnen. 13 Monate hatte Lara in dem zehn Quadratmeter großen Zimmer für 310 Euro in Vaihingen gewohnt, dann begann die Suche erneut. In der nächsten WG blieb sie nur drei Monate – in dem Zimmer schimmelte es.

„Ich kann nicht mehr zählen, wie viele WGs ich schon angeschrieben habe“, sagt Lara. Außerdem habe sie auf Facebook inseriert, Freunde mit der Suche beauftragt und sich in Studentenwohnheimen beworben. „Bei den ganzen Castings habe ich immer versucht, mich von der besten Seite zu zeigen“, sagt sie. Doch das sei manchmal gar nicht so einfach. Manche würden sehr ordentliche Mitbewohner bevorzugen, anderen sei Trinkfestigkeit wichtig, wieder andere wollten Mitbewohner ohne einen festen Partner. „Letztlich ist es wichtig, dass man sich nicht verstellt“, ist Laras Erfahrung. „Zwar will man schnell eine Unterkunft finden, doch es bringt auch nichts, irgendwo einzuziehen, wo man sich nicht wohlfühlt.“

Die Toilette liegt ein Stockwerk tiefer

Seit Anfang März lebt Lara nun in einer Zweier-WG an der Dobelstraße – zur Untermiete, weil einer der Bewohner derzeit ein Auslandssemester absolviert. „Ich hoffe, dass ich länger hier wohnen bleiben kann“, sagt sie. Dass die Toilette in dem Altbau ein Stockwerk weiter unten sei, störe sie gar nicht mehr: „Ich will einfach nur nicht mehr umziehen.“ Dafür gehe sie den Kompromiss gerne ein.

In Stuttgart sind die Mieten hoch, entsprechend begehrt sind günstige Zimmer. Gesucht wird meist über Portale wie www.wg-gesucht.de. Dort gibt es auch Angebote, die zunächst nach einem Lockangebot klingen: Das Haus liege mitten im Grünen am Weißenburgpark, ist da zum Beispiel zu lesen, trotzdem sei man in wenigen Gehminuten im Zentrum. Das Haus habe einen Garten, einen Fitnessraum im Keller, vor der Tür stehe ein Grill. Ein Zimmer koste 180 Euro pro Monat. Wer eine E-Mail schreibt, erfährt, wer tatsächlich hinter dem Schnäppchen steckt: die Studentenverbindung B-Ulmia am Bopser.

Viele Vorurteile gegen studentische Verbindungen

„Eine Verbindung wirft bei den meisten Menschen erst einmal zahllose Vorurteile auf“, sagt Ben, Geodäsiestudent und „Bursche“ bei B-Ulmia. „Wir sagen den Bewerbern darum erst, wenn sie uns eine Mail geschrieben haben, in der sie ihr Interesse bekundet haben, dass es sich bei dem Angebot um eine Studentenverbindung handelt.“ Pro Tag erreichten sie etwa 30 E-Mails von Menschen, die bei ihnen einziehen wollen, ergänzt Max. Der BWL-Student ist gemeinsam mit seinem Mitbewohner Andi zuständig für die Vermittlung der freien Zimmer in der Studentenverbindung.

Auch an diesem Abend sind zwei Interessenten zur Besichtigung und persönlichen Vorstellung in das Haus gekommen: die beiden 20-jährigen Fabian und Uli. Der angehende Wirtschaftspsychologiestudent Uli ist seit fünf Jahren in dem Verein Katholische Studierende Jugend aktiv. Die Strukturen von Studentenverbindungen sind ihm nicht fremd. Auch in seinem Verein fängt man als „Fuchs“ an und steigt nach einer gewissen Zeit zum „Burschen“ auf. Der andere Bewerber Fabian hat sich nur im Internet über Verbindungen schlau gemacht. „Ich könnte mir gut vorstellen, hier einzuziehen“, sagt der angehende Innenarchitekturstudent. „Die Jungs scheinen nett zu sein, der Preis ist top und die Zimmer sind auch in Ordnung“, meint er. Wer in die Studentenverbindung B-Ulmia zieht, sollte sich aber auch integrieren und an den Veranstaltungen teilnehmen. Wer damit einverstanden ist, bekommt meist ein Zimmer angeboten.