StZ-Hochschulatlas Der freie Nachmittag ist passé

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Der Lehrerberuf ist so beliebt wie eh und je bei Studenten. Aber der Beruf hat sich in den vergangenen Jahren stark gewandelt. Viele Lehrer sind zwischenzeitlich den ganzen Tag an der Schule – und betreuen die Schüler nicht nur fachlich.

Mit Unterrichten allein ist es nicht getan, Lehrer sind immer mehr auch als Bezugspersonen gefragt. Foto: Bildmaschine/Wodicka
Mit Unterrichten allein ist es nicht getan, Lehrer sind immer mehr auch als Bezugspersonen gefragt. Foto: Bildmaschine/Wodicka

Stuttgart - Lehrer haben vormittags recht und nachmittags frei. Das Lehramt ist bei Frauen so beliebt, weil sich der Beruf gut mit der Familie vereinbaren lässt. Wer nicht recht weiß, was er studieren soll, wird Lehrer. An Klischees fehlt es nicht – der Beliebtheit des Berufs tut das keinen Abbruch. Vor zehn Jahren war jeder siebte Student in Baden-Württemberg in einem Lehramtsstudiengang eingeschrieben. Auch wenn inzwischen die Schülerzahlen sinken, strebt noch immer jeder zehnte Student im Land in den Lehrerberuf.

Dabei geraten die Lehrer regelmäßig in die Kritik, sobald die Schüler schlecht abscheiden. Man müsse andere Auswahlverfahren finden, damit auch wirklich die Besten Lehrer würden, fordert die Politik. Dass die Falschen den Beruf ergreifen, lässt Astrid Beckmann, die Rektorin der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd, nicht auf ihren Studenten sitzen. „Wir haben sehr engagierte Studierende, sie sind hoch motiviert und haben großes Interesse an dem Beruf“, betont die Vorsitzende der Rektorenkonferenz der Pädagogischen Hochschulen im Land.

Lehrer werden immer wichtiger als Bezugspersonen

Auch Brigitte Röder hat in 15 Jahren in der Schulleitung nur einen einzigen Referendar getroffen, der für den Beruf ungeeignet erschien. Doch unterschätzen viele junge Lehrer die Tätigkeiten, die neben dem Unterrichten zu dem Beruf gehören, sagt die Leiterin eines Ulmer Gymnasiums und Vorsitzende der Direktorenvereinigung Südwürttemberg. Die psychologische Betreuung der Schüler nennt Röder an erster Stelle: „Lehrer werden immer wichtiger als Bezugspersonen für Schüler mit großen privaten Problemen“. Dann wären da noch: Schullandheimvorbereitung, Konferenzen, Korrekturen natürlich. Von wegen nachmittags frei. „Die jungen Kollegen sind oft den ganzen Tag an der Schule“, weiß Röder, da sei ein großer Wandel eingetreten.

Als hilfreich stuft Astrid Beckmann den Orientierungstest ein, den Bewerber online absolvieren müssen. Potenzielle Studenten, die sich ein völlig falsches Bild vom Beruf machen, würden so herausgefiltert. Weitere Auswahlmethoden hält die PH-Rektorin nicht für notwendig. Wer für den Beruf motiviert sei, könne und solle während des Studiums die notwendigen Kompetenzen erwerben. Dazu seien die Dozenten schließlich da. Mitbringen müssten Lehrer in spe jedoch den Willen, „Kinder bilden zu wollen, auch die, die nicht für das Fach motiviert sind“. Die Kinder sind aber nicht alles. Auch erfahrene Lehrer bewerten das Gespräch mit den Eltern als Herausforderung. Darauf möchten viele im Studium besser vorbereitet werden.

Kritik am Bachelorabschluss für Lehrer

Das Lehramtsstudium steht an einem Wendepunkt. Im Herbst wird es auf die Bachelor- und Masterstruktur umgestellt. Brigitte Röder erwartet, dass dann mehr Unterrichtsmanagement gelehrt wird und die Studierenden besser auf den Umgang mit Schülern in schwierigen Lebenslagen vorbereitet werden. Das dürfe jedoch nicht zu Lasten der Fachlichkeit gehen. Erst wer das Masterstudium absolviert hat, kann Lehrer werden. Schon der Bachelor soll für einen Beruf qualifizieren. Noch ist aber nicht klar, für welchen.

„Der Bachelor qualifiziert für nichts“, schimpft der Student Ole Müller. Er hält wie die Studentenvertretung der PH Heidelberg von der neuen Studienstruktur gar nichts. Noch ist nicht klar, ob jeder, der möchte, auch ein Masterstudium anschließen kann. Vom aktuellen Online-Selbsttest hält der 25-Jährige nichts. „Der hat null Aussagekraft“. Kritisch sieht auch Michael Breitner vom Asta der PH Ludwigsburg die bevorstehende Reform. Der angehende Sonderpädagoge hofft, „dass Bachelor nicht als billige Hilfslehrer eingesetzt werden“. Der so genannte Flaschenhals im Übergang vom Bachelor zum Master müsse möglichst breit sein. Breitner meint, dass ein verpflichtendes Praktikum vor Studienbeginn mit manchen falschen Vorstellungen aufräumen könnte. In der neuen Struktur ist das Praxissemester aber erst im Masterstudium vorgesehen. Zu spät, wie nicht nur die Lehrergewerkschaft GEW findet. Ole Müller jedenfalls schimpft: „Nach der neuen Struktur würde ich nicht nochmal Lehramt studieren.“

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