„StZ im Gespräch“ mit Inge Günther Kundiger Blick auf den Nahost-Konflikt

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Seit zwanzig Jahren berichtet die Israel-Korrespondentin der Stuttgarter Zeitung Inge Günther aus dem Nahen Osten. Bei einer Veranstaltung der Stuttgarter Zeitung hat sie einen ernüchternden Blick auf ihre langjährige Wahlheimat geworfen.

Korrespondentin Inge Günther im Gespräch mit  dem stellvertretenden StZ-Chefredakteur Michael Maurer. Bei der  Veranstaltung im Stuttgarter Pressehaus beteiligten sich auch die  Leser mit ihren Fragen. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth
Korrespondentin Inge Günther im Gespräch mit dem stellvertretenden StZ-Chefredakteur Michael Maurer. Bei der Veranstaltung im Stuttgarter Pressehaus beteiligten sich auch die Leser mit ihren Fragen. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Stuttgart - Eine Szene ist Inge Günther von ihrem Start in Israel vor zwanzig Jahren in besonderer Erinnerung geblieben: Als die frisch gebackene Korrespondentin jüdische und palästinensische Bekannte zu einer Party in ihre Wohnung einlud, herrschte in ihrem Wohnzimmer ausgelassene Stimmung. „Die waren so in angeregte Gespräche miteinander vertieft, dass wir Ausländer uns fast ausgeschlossen fühlten“, erinnert sich Günther.

Diese Erinnerung sollte eine der wenig positiven bleiben, die die langjährige Israel-Korrespondentin der Stuttgarter Zeitung bei der Veranstaltung „StZ im Gespräch“ vor rund 180 Lesern im Stuttgarter Pressehaus schildern konnte. Die Euphorie des Osloer Friedensprozesses, die sie in den 90er Jahren noch selber fühlen konnte, ist völlig verschwunden. Heute scheuten Israelis und Palästinenser den Kontakt „schon aus Angst, im eigenen Bekanntenkreis deshalb schief angesehen zu werden“, berichtet Günther. „Junge Palästinenser kennen Israelis – anders als ihre Elterngeneration – oft nur noch als uniformierte Soldaten an den Checkpoints“.

„Man darf sich keine Seite zu eigen machen“

Warum einer der ältesten Konflikte der Welt noch immer seiner Lösung harrt, zeigte Günther dann im Detail auf: anhand mehreren Karten machte sie die Trennung des Gebiets deutlich, um das sich die Parteien seit fast hundert Jahren streiten. Aufgespalten in Zonen verschiedener Zuständigkeit, durchsetzt von jüdischen Siedlungen, bleibt es schwer, den Überblick zu bewahren. Bei der Komplexität des Konflikts könne man gelegentlich „an die Grenzen der Berichterstattung gelangen“, sagt Günther. Die 64-Jährige, die zum Ende des Jahres ihre feste Korrespondentenstelle in Israel aufgeben wird, hat gleichzeitig versucht, ihre Distanz zu beiden Parteien zu wahren. „Natürlich fühle ich mich nach der langen Zeit in Israel etwas israelischer und bin auch von der palästinensischen Seite sehr geprägt. Aber man darf sich keine Seite zu eigen machen.“ Und auch wenn sie sich mit Wehmut von ihrer langjährigen Wahlheimat verabschiedet – „der völlige Stillstand auf der politischen Ebene wird mir absolut nicht fehlen“.

Diesen Stillstand stellt Günther in erschreckender Deutlichkeit da. Die Zweistaatenlösung, die voraussetzt, dass Israel großflächig besetzte Gebiete an die Palästinenser zurückgibt, halten viele für tot. Zu dicht ist das entsprechende Gebiet inzwischen von israelischen Siedlungen durchsetzt. Mit ihm sei kein Palästinenserstaat zu machen, verkündete zudem der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu. Auch wenn er diese Aussage inzwischen wieder relativiert habe, sei klar, dass er im Regierungsbündnis mit nationalistisch-religiösen Kräften kaum Zugeständnisse machen könne. „In seiner Regierung gehört er noch zu den Gemäßigten“, sagt Günther und konstatiert: „Es gibt in Israel aktuell keine Mehrheit für eine Links-Mitte-Regierung.“

Da ist auch die Hightech-Nation Israel, die beeindruckt

Alternativen zur Zweistaatenlösung sind allerdings rar. In einem oft propagierten gemeinsamen Staat von Israelis und Palästinensern würde die jüdische Bevölkerung aufgrund der demografischen Entwicklung schon bald zur Minderheit werden. Als interessante Alternativen nimmt Günther einige „Mischlösungen“ war. „Da geht es immer um eine Kooperation auf bestimmten Ebenen, während die Völker ihre Autonomie auf anderen Ebenen bewahren.“ Doch bislang kursieren die meisten dieser Vorschläge nur in Intellektuellenkreisen, und klingen laut Günther „schon ziemlich nach Utopie“.

Im Gespräch mit den Lesern zeigte sich allerdings, dass Israel nicht auf den Nahost-Konflikt reduziert werden kann. Da ist etwa auch das Bild der „Hightech-Nation“, die mit innovativen Start-ups und starken Wachstumsraten beeindruckt. Und da sind die Offenheit gegenüber Deutschen und das „Berlin-Fieber“, das immer mehr junge israelische Kulturschaffende packt.

Der Abschied vom Nahen Osten fällt auch schwer

Zurecht wies auch der stellvertretende StZ-Chefredakteur Michael Maurer auf Bewegungen bei den Palästinensern hin – etwa die sich anbahnende Einigung zwischen Fatah und Hamas. Und Günther sieht auch in der israelischen Bevölkerung Möglichkeiten zum Wandel. So habe Netanjahus konservative Likud-Partei zuletzt an Zustimmung verloren. Die Erfahrung zeige: „Stimmungsumschwünge sind in Israel immer schneller möglich, als man denkt.“

Günther will Israel in jedem Fall verbunden bleiben. „Ich werde zwischen Jerusalem und Berlin pendeln“, kündigt sie an. Sie könne sich ohnehin gut vorstellen, dass ihr der Nahe Osten „nach zwei, drei Monaten in Deutschland schnell wieder fehlen wird“.