InterviewStZ Magazin – Cornelius Meister „Harald Schmidt hat mich sprachlich auf die Region vorbereitet“

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Seit einem Jahr ist Cornelius Meister Generalmusikdirektor der Staatsoper und des Staatsorchesters Stuttgart. Uns hat er seine liebsten Orte für den Sommer gezeigt.

Von der Staatsgalerie über die Eugenstaffel bis zur Eisdiele „Pinguin“. Foto: Jens Schmidt 8 Bilder
Von der Staatsgalerie über die Eugenstaffel bis zur Eisdiele „Pinguin“. Foto: Jens Schmidt

Stuttgart - Von der Staatsgalerie über die Eugenstaffel bis zur Eisdiele „Pinguin“: Seit einem Jahr ist Cornelius Meister Generalmusikdirektor der Staatsoper und des Staatsorchesters Stuttgart. Uns hat seine liebsten Orte für den Sommer gezeigt.

Herr Meister, Sie sind in Hannover geboren und zeichnen nun seit einem Jahr als Generalmusikdirektor an der Oper Stuttgart verantwortlich. Harald Schmidt, mit dem Sie eben in „Ariadne auf Naxos“ zusammengearbeitet haben, hat Stuttgart einmal das Hannover des Südens genannt. Stimmen Sie diesem Vergleich zu?

Was hat er damit sagen wollen?

Schmidt hat die vermeintliche Ähnlichkeit auf den überschaubaren Ruf bezogen, der beide Städte eint.

Bisher hat mir gegenüber niemand blöde Bemerkungen über Hannover gemacht. Und seit ich in Stuttgart lebe, hat noch keiner gewagt, mich zu bedauern. Im Gegenteil: Die Staatsoper ist zuletzt ja wieder Opernhaus des Jahres geworden. Da beneiden mich immer alle darum, dass ich jetzt hier bin.

Sie haben an der Oper eine Doppelrolle: Sie arbeiten mit den Sängern und dem Orchester zusammen. Bekommen Sie da vom Rest der Stadt überhaupt etwas mit?

Natürlich, das ist mir sehr wichtig. Ich möchte wissen, was die Stadtgesellschaft bewegt.

Und das wäre?

Zum Beispiel unterstütze ich die Bemühungen, die Stadt fürs Fahrradfahren attraktiver zu machen.

Jahrzehntelang galt hier das Diktat der autogerechten Stadt!

Mir ist klar, dass viele Menschen auf das Auto angewiesen sind. Es ist aber auch klar, dass viele Städte an Lebensqualität einbüßen werden, wenn wir so weitermachen wie

bisher. Ich habe das Glück, auch in anderen Ländern als Dirigent unterwegs zu sein: In mancher Stadt in China bin ich froh, dass ich dort nicht immer leben muss – wegen des furchtbaren Verkehrs und der damit einhergehenden schlechten Luft. Mancherorts sieht man buchstäblich die Sonne nicht mehr. Wir sollten darauf achten, dass solche Zustände bei uns nie herrschen werden.

Von der Dramaturgie her war das jetzt stark: Als Sie von der schlechten Luft gesprochen haben, sind wir am Neckartor vorbeigefahren, wo die Luft in Stuttgart besonders dick ist.

Mir geht es gar nicht darum, auf andere zu zeigen. Ich versuche einfach, meinen bescheidenen Beitrag zu leisten.

Dabei ist Fahrradfahren in Stuttgart gefährlich. Was man beim Modeshooting nicht sieht: Ihr wichtigstes Accessoire ist Ihr Fahrradhelm …

Als Familienvater trage ich einen Helm, weil wir das von unseren Kindern auch erwarten.

Ebenfalls ein gefährliches Thema: der Dialekt in Württemberg. Verstehen Sie Schwäbisch?

Das ist überhaupt kein Problem. Harald Schmidt hat mich sprachlich auf die Region vorbereitet.

Wie das?

Für mich waren die Schwäbisch-Crashkurse in seiner Show ein Gewinn: „Eine Familie versucht, ein Hotelzimmer zu buchen, mit nur einem Bett. Begründung: ‚Das Butzele schläft im Gräbele.‘ “

Mit diesen beiden schwäbischen Begriffen kommt man sehr weit!

Danke, ich würde mir aber nicht anmaßen, noch mehr nachahmen zu wollen.

Wann haben Sie eigentlich festgestellt, dass Sie im musischen Bereich hochbegabt sind, ein „Käpsele“, wie man hier sagt?

Ich selbst habe das nie so wahrgenommen. Um die eigene Begabung als Profimusiker besser einordnen zu können, würde ich sehr gerne mal in einen anderen Menschen schlüpfen können: Wie fühlt es sich zum Beispiel an, wenn jemand ein Gemälde aus dem Gedächtnis nachzeichnen kann?

Sie haben sich früh für eine Laufbahn als Musiker entschieden.

Als ich 15 war, hatte ich eine wichtige Entscheidung zu treffen: Gehe ich weiter zur Schule oder wechsle ich nach der zehnten Klasse auf die Musikhochschule. Mein Bruder Rudolf Meister, der heute Präsident der Staatlichen Hochschule für Musik in Mannheim ist, hatte es so gemacht. Ich wusste, dass es mich voranbringen kann, wenn ich schon früh aussuchen darf, wie ich mein Leben gestalte. Das hat dazu geführt, dass ich in Chemie oder Physik weniger weiß als jemand, der Abitur gemacht hat. Ich würde aber wieder so entscheiden.

2018 wurden Sie zum Dirigenten des Jahres gewählt. Ist es anstrengend, den permanent hohen Erwartungen gerecht zu werden?

Ehrlich gesagt möchte ich, dass die Menschen die höchsten Erwartungen haben, die stelle ich ja selbst an mich.

Sind Sie anspruchsvoll?

Ja, ich fürchte, ich habe einen hohen Anspruch. Ich erwarte aber keine fehlerlose Perfektion, sondern restlose Motivation.

Nach einem Jahr in Stuttgart: Wie anspruchsvoll ist das Publikum hier?

Sehr! Kurz hintereinander konnten wir zwei Neuproduktionen bringen, die wirklich nicht leicht zu verstehen sind. Das hätte man in anderen Städten nicht machen können, da hätte es böse Briefe gegeben!

Sie haben heute erstmals gemodelt. Als Model muss man ein gewisses Maß an Eitelkeit mitbringen. Sind Dirigenten eitel, sind Sie eitel?

Wenn man zu schüchtern ist, hat man es schwer. Das Schöne an meinem Beruf ist aber, dass wir es immer mit Menschen zu tun haben, die musikalisch kompetent sind. Sollte man da zu eitel sein, würde man schnell entlarvt.

Wie hat Ihnen das Modeln heute gefallen?

Ich liebe es, andere Bereiche kennenzulernen. Habe ich das Glück, bei einer Einladung neben jemandem zu sitzen, der etwas anderes macht, dann freue ich mich, wenn er mir von seinem Leben erzählt. Leider findet es das Gegenüber aber meist sehr spannend, neben einem Musiker zu sein. Dann drehen sich zwei Drittel des Gesprächs doch ums Musikerleben.




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